Zwei Künstler ziehen sich Tüten über den Kopf – und liefern ein Abbild unserer Existenz.

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„Wir kaufen nur Mist“, behaupten Iris van Bebber und Uwe Bülles mittels Papiertüten auf dem Boden.

„Wir kaufen nur Mist“, behaupten Iris van Bebber und Uwe Bülles mittels Papiertüten auf dem Boden.

D. Jochmann

„Wir kaufen nur Mist“, behaupten Iris van Bebber und Uwe Bülles mittels Papiertüten auf dem Boden.

Krefeld. Tüten werden oft ein bisschen diskriminiert – als Gebrauchsgegenstand und Cent-Artikel, Wegwerfprodukt und reines Mittel zum Zweck. Dabei spielen sie in unserem Leben keine unwesentliche Rolle: Alles, was wir kaufen und wegwerfen, be- und entsorgen, landet früher oder später in Tüten. Sie transportieren unsere gesamte Existenz – und ganz am Ende vielleicht sogar uns selbst.

Bläulich blasse Gliedmaßen ragen aus dem Leichensack

Das Schlüsselwerk in der Foto-Ausstellung „Work. Buy. Consume. Die.“ zeigt die Künstler Iris van Bebber und Uwe Bülles in einem Leichensack. Bläulich blasse Gliedmaßen ragen aus der grauen Ganzkörper-Tüte heraus.

Es ist die konsequente, einigermaßen bösartige Vollendung des lebenslangen Prozesses, den sie in 90 Foto-Paaren darstellen. 180 mal van Bebber und Bülles mit Tüten über dem Kopf – im Müllbeutel, in politisch korrekter Jute, im edlen Designer-Täschchen und in billigem Plastik. Arbeiten, Einkaufen, Konsumieren, Sterben. So einfach ist das.

Die Bilder sind großformatig auf Lkw-Plane gedruckt oder klein zu 16er-Serien zusammengefasst. Stets bilden sie Paare, deren inhaltliche, formale oder assoziative Verbindung der Betrachter lustvoll enträtseln kann. Neben Spaß an der Spielerei und einem gewissen Mut zur Hässlichkeit bringen die Künstler auch Selbstironie mit. Sie ziehen sich Tüten großer Museen aus aller Welt über den Kopf. Kunst, selbst die hohe, ist auch nur Konsum.

Doch bei allem Sarkasmus und trotz der witzigen Grundidee ist der Tonfall der Ausstellung ernst und nachdenklich. Nicht umsonst verschwindet die Individualität der Künstler hinter Papier und Plastik von Aldi bis Gucci. Wenn jedoch die Gesichter – wie bei den Nacktfotos im Müllsack – durchscheinen, sehen sie nicht besonders glücklich aus.

Die Tüten haben Iris van Bebber und Uwe Bülles selbst in Geschäften und Museen besorgt. Auch ein namhafter Galerist aus Krefeld hat ihnen geholfen, der privat Plastiktüten sammelt.

John Lennon und Yoko Ono haben einst mit der Aktion „Bagism“ für Aufsehen gesorgt. 1969 gaben sie in Wien in Ganzkörpersäcken ein Interview.

Überhaupt vermeiden es die Künstler, in platter Gesellschaftskritik auf die gedankenlose Menschheit im Shoppingwahn zu schimpfen. Schließlich sind sie es selbst, die bis über beide Ohren im täglichen Konsum stecken.

Kulturfabrik, Dießemer Str. 13. Eröffnungs am Sonntag, 11 Uhr. Di. bis Fr., 10-16 Uhr, und bei Veranstaltungen.

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