In der aktuellen Ausstellung über Kinderkleidung sind Mieder für Mädchen ab sechs Jahren zu sehen – für die Wespentaille.

Textilmuseum
Ein Schnürmieder für Kinder in der Ausstellung des Textilmuseums.

Ein Schnürmieder für Kinder in der Ausstellung des Textilmuseums.

Bischof

Ein Schnürmieder für Kinder in der Ausstellung des Textilmuseums.

Berühmt ist der Taillenumfang von Kaiserin Sissi von Österreich (1837 bis 1898): Er soll zeitlebens bei 51 Zentimetern geblieben sein. Die Kaiserin zahlte für ihre strengen Diäten mit Hungerödemen. Um so eine Taille zu bekommen, wurden schon Kinder in Mieder geschnürt; selbst in einem Alter, in dem ihr Körperbau noch gar keine Taille vorsieht.

Kinderkleidung – Ein Spiegel der Zeit

Die Kinder des Barock – Jungs wie Mädchen – trugen bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren Kleider. Dann kamen die Jungs in Männerkleidung, und die Mädchen wurden in ein Schnürmieder gesteckt.

Drei solcher Kleidungsstücke sind ganz vorne in einer Vitrine der Ausstellung „Der Kinder neue Kleider“ im Textilmuseum zu sehen: Mieder aus Leder, Seide und Baumwolle. Diese Mieder sind, und das ist eben das ungewöhnliche, für kleine Kinder bestimmt.

Das Rostfarbene aus Seide wurde auf eine relativ große Puppe gezogen, aber es ist für ein anderes Alter gefertigt: „Das ist für einen Säugling zwischen einem halben und einem Jahr“, erklärt Uta-Christiane Bergemann. Sie hat sich in Vorbereitung der Ausstellung „Der Kinder bunte Kleider“ auch mit dem Schnüren befasst.

Das rostfarbene Exemplar aus Seide ist Beispiel dafür, wie man den Körper formen wollte, obwohl das Kind noch nicht einmal laufen konnte. Dieses Mieder hat schon verstärkende Stäbe aus Eisen oder Fischbein: Da ist jeder Versuch einer Bewegung schmerzhaft.

Der Kinder bunte Kleider – Kinderkleidung aus eigener Sammlung“ bis 29. September 2013. Öffnungszeiten außer montags: 11 bis 18 Uhr. Deutsches Textilmuseum, Andreasmarkt 8. Geschlossen vom 20. Juli bis 5. August.

„Das lederne Mieder scheint eher aus medizinischen Gründen angefertigt“, sagt Bergemann. Das dritte Exemplar stammt aus einer späteren Zeit: Hier sieht man, dass kleine Mädchen auf Taille geschnürt wurden. „In jeder Naht ist eine Verstärkung eingefügt“, beschreibt Bergemann.

Das Schnüren wirkte sich häufig fatal auf die Gesundheit aus. Die Organe wurden gequetscht, die Knochen verschoben – Ohnmachten gehören da wohl eher zu den harmlosen Erscheinungen.

Kinder spüren beim Schnüren ihre Ohnmacht gegenüber Erwachsenen

Wie das Wickeln ist auch das Schnüren als eine Methode zu sehen, bei der die Kinder ihre Ohnmacht gegenüber den Erwachsenen ganz deutlich spürten. „Die Säuglingssterblichkeit war sehr hoch, und die Menschen konnten sich eine starke emotionale Bindung an ihre Kinder gar nicht erlauben“, sagt Bergemann.

Die Mode des Schnürens zeigt zudem, dass Kinder jahrhundertelang nicht als Individuen gesehen wurden, sondern lediglich als Vertreter ihrer Generation, und zwar als kleine Erwachsene. Erst die Aufklärung entdeckte die Kindheit als eigene Lebensphase. An einer Puppe wird diese Wirklichkeit noch einmal abgebildet: Auch sie trägt ein Schnürmieder.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer