Büchners Werk als audiovisueller Frontalangriff im Kresch-Theater.

Krefeld. Das Leben ist ein Jahrmarkt und das Theater leider auch. Da blinken bunte Lichter, eine verzerrte Stimme plärrt durch die Lautsprecher, die Darsteller gehen wild aufeinander los, und unter all dem wabert ein Musikteppich. Franz Mestre inszeniert den "Woyzeck" im Kresch-Theater als audiovisuellen Frontalangriff, bei dem die leisen Zwischentöne mit Abstand am besten klingen.

Die Medien produzieren täglich neue Woyzecks

Mestres Konzept ist klar, und er setzt es mit Svea Kossack (Bühne), Sigrid Trebing (Kostüme) und Jutta Plass (Ausstattung) konsequent um - als teils nervtötende Parallele zum multimedialen Overkill unserer Zeit. Es ist unfassbar, wie aktuell das letzte Dramenfragment, das Georg Büchner vor 175 Jahren hinterließ, bis heute ist.

Die Geschichte des Soldaten Woyzeck, der aus Eifersucht seine geliebte Marie tötet, brennt so hell, dass man sie gar nicht an allen Enden anzünden müsste, wie Mestre es tut. Dennoch findet er mitunter schlüssige Bilder. Bewegend vor allem die Darstellung der Marie (Jennifer Fey), die zwischen Babypuppen versauert und alle Spieluhren gleichzeitig aufzieht, um das Geschrei nicht mehr hören zu müssen. Die Titelfigur hat Mestre unter den Schauspielern Sunga Weineck, Angelo Micaela und Frank Maier aufgeteilt. Ein gewagter Schachzug, der nur teilweise aufgeht. So funktioniert der geteilte Woyzeck gut, wenn alle drei gemeinsam auf der Bühne sind und Büchners klare, kalte Sätze zum wütenden Choral oder aufgewühlten Kanon werden. In diesen Momenten ist das Stück (Dramaturgie: René Linke) ganz Rhythmus, es reißt mit wie die Trommeln der Soldaten. Vor allem Jugendliche dürften an dem Drama neue Facetten entdecken - und damit hat das Kresch seine wichtigst Aufgabe erfüllt.

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