"Ich, Judas" begeistert in der Friedenskirche.

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Ben Becker gab jetzt den Judas in der Friedenskirche.

Ben Becker gab jetzt den Judas in der Friedenskirche.

dpa

Ben Becker gab jetzt den Judas in der Friedenskirche.

Krefeld. Ein gewaltiger Eindruck blieb von diesem Abend: Schauspieler Ben Becker setzte sich mit der biblischen Gestalt Judas auseinander. In der überaus gut besuchten Friedenskirche, deren Apsis von aller Kunst und ihre Kanzel vom Parament befreit war, blieb ein weißer halbrunder Raum mit Leuchtern wie Kerzen an der Wand. Quer vor dem Altar stand ein breiter Tisch, der ans Abendmahl auf Leonardos Gemälde gemahnte. Allerdings, sehr sinnfällig, mit ungleich langen Beinen: Schieflage bei den Jüngern. Rechts auf dem Tisch ein Textil wie das Turiner Leichentuch: Schlicht und eindrucksvoll wurden die Ostertage vor 2000 Jahren beschworen. Denn das war die Frage des Abends: „Was für ein Mensch war Judas?“ „Welche Rolle hatte er beim Abendmahl zu spielen?“

Mit wunderbarer Stimme trägt Becker aus Bibel und Roman vor

Mit Bachscher Orgelmusik ging es los. Dann: Auftritt Ben Becker im weißen Anzug. Er kam aus der Sakristei auf die Bühne, deutete eine Verneigung und ein Gebet vor dem Kreuz an und trat an das Lesepult. Mit seiner wunderbaren tiefen Stimme las er zunächst aus dem Evangelium: „Wahrlich ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ Dann setzte er fort mit einem Auszug aus dem Roman „Judas“ von Amos Oz. Oz’ Blick auf Judas ist der eines virtuosen Romanciers: Hier verwinden sich Zeitebenen miteinander, und er schafft deutliche Bezüge zum heutigen Nahen Osten.

Die ausgewählten Textstellen beschreiben Gedanken und Zweifel des Jüngers Judas Ischarioth nach seinem Verrat – der für ihn keiner ist, denn er hat eine Aufgabe des Herrn erfüllt. Und doch endet die Passage mit Judas’ Selbstmord an einem Feigenbaum. Hier werden Schuld und Unschuld gegeneinander gesetzt. Unschuldig ist der Baum, weil er sich an die Läufe der Natur hält. Unschuldig ist Judas, weil er sich an den Lauf der göttlichen Gesetze hält. Aber, das lässt Oz seinen Judas klar sagen: „Das Erbarmen ist gestorben.“

Mit einer lauten Dissonanz und Improvisation über Bach schuf dann Organist Jakub Sawicki den Übergang zum zweiten Teil. Nun trat Becker im weißen weiten Mantel über dem weißen Anzug auf, zitierte wieder das Evangelium und trug Walter Jens’ großartige Rede „Ich, ein Jud, die Verteidigungsrede des Judas Ischarioth“ vor. Frei gesprochen, mit wohldosierter Theatralik, mit Hinwendung zum Publikum, Einbeziehung des Altars, gelegentlichem Aufblick zum nackten Kreuz. Noch mit Jens Worten flehte der Schauspieler zum Kreuz: „Gib mir ein Zeichen.“ Sichtlich erschöpft dankte er dann dem Publikum für konzentriertes und ernsthaftes Zuhören und neigte sich erneut vor dem Kreuz.

Schade, dass die Akustik nicht mitspielen mochte: Auf der Empore kam nicht jedes Wort an, der Blasebalg rauschte. Aber die Stimme Beckers trug sehr weit. Für seine Darstellung der zerrissenen Figur Judas gab es üppigen Applaus und ein paar Bravo. chs

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