Autorin Çigdem Akyol präsentierte, las und erklärte ihr Buch in der Volkshochschule.

Mit dem türkischen Staatspräsidenten sprechen konnte die Autorin nicht - trotz Versuche.
Mit dem türkischen Staatspräsidenten sprechen konnte die Autorin nicht - trotz Versuche.

Mit dem türkischen Staatspräsidenten sprechen konnte die Autorin nicht - trotz Versuche.

Sedat Suna

Mit dem türkischen Staatspräsidenten sprechen konnte die Autorin nicht - trotz Versuche.

Krefeld. Manchmal überholt die Wirklichkeit einen Autoren: Die deutsche Journalistin Çigdem Akyol legte im Frühjahr eine Biografie des türkischen Präsidenten Erdogan vor. Nun wird sie ein neues Vorwort verfassen, in dem sie auf den Putschversuch im Juli eingeht. In der Volkshochschule und in Kooperation mit dem Anderen Buchladen stellte sie ihr Buch nun vor. Zunächst berichtete Akyol, die jahrelang für die taz arbeitete und seit Anfang 2014 als Korrespondentin der österreichischen Nachrichtenagentur apa in Istanbul lebt, über ihre Arbeitsbedingungen in der Türkei. Dann trug sie zwei Passagen aus ihrem Buch vor und gab viel Raum für Fragen.

Die Auslandskorrespondentin macht sich angreifbar

Ausländische Korrespondenten, so berichtete sie, müssen sich jedes Jahr wieder neu akkreditieren. Das gelbe Kärtchen gilt aus Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung: „Auch die Blutgruppe steht darauf“, sagte sie. Im Dezember wird eingereicht. Im vorigen Jahr musste sie bis Februar warten und befindet sich auch jetzt wieder in der Warteschleife. „Wir etwa zehn deutschsprachigen Korrespondenten sind Verhandlungsmasse“, sagte sie. „Aber das ist Jammern auf höchstem Niveau“, stellte sie fest. „Die türkischen Kollegen arbeiten unter viel schlimmeren Umständen. Die kritische Presse wird mundtot gemacht; es ist absehbar, dass sie nicht weiterarbeiten kann.“

Dass solche Äußerungen ihr die Arbeit als politische Journalistin nicht gerade erleichtern, ist ihr völlig klar. Das gilt auch für ihr Buch: „Auf 400 Seiten macht man sich angreifbar“, sagt sie. Dem Protagonisten ihrer Biografie ist sie nicht begegnet. Sie hat zwar Anträge gestellt, aber nicht mit dem Präsidenten sprechen dürfen. „Das ist undankbar“, sagt sie und hat für die Recherche den klassischen Weg gewählt: Stationen des Lebens, Prägungen, Freunde, Feinde, Wegbegleiter. Doch Freund wie Feind sind zurückhaltend mit Äußerungen. Befürworter reden nicht gern mit „Spionen oder Denunzianten“. Wer Erdogan öffentlich ablehnt, begibt sich in Gefahr.

Akyol las den Anfang des Buches. Erdogan gilt seinen Bewunderern als Messias: „Erdogan hat sich die Türkei untertan gemacht.“ Gewählt wurde er aber nur von der Hälfte der Bevölkerung: Das Land ist gespalten. In einem zweiten gelesenen Abschnitt erklärt die Autorin, aus welcher sozialen Schicht Erdogan kommt: Aus ganz ärmlichen Verhältnissen in der Metropole Istanbul hat er es in einen Palast mit tausend Zimmern geschafft.

Die Gelegenheit zu Fragen nutzten viele Menschen aus dem Publikum. Akyol sagte, das Erdogan kein Islamist sei: „Wenn er den Koran in die Hand nimmt, ist das Klientel-Politik. Der Glaube ist ein Instrument, mit dem er Wählerstimmen holt.“ Den aktuellen Aufruf des EU-Parlaments, die Gespräche zum EU-Beitritt auszusetzen, findet die Journalistin falsch. Damit werde den Türken kein Gefallen getan. Schließlich gebe es viele, die gerne zur EU gehören wollen.

Çigdem Akyol hat das Buch ausdrücklich für deutsche Leser geschrieben: Es stehe viel darin, was Türken schon wüssten. Eine interessante Lektüre.

Çigdem Akyol, „Erdogan. Die Biografie“, Herder, 24,99 Euro.

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