Roswitha Baronesse Dubois de Luchet-Mazur ist im Besitz eines Instruments aus dem 19. Jahrhundert.

geschichte
Der Käufer und alte Besitzer des Bandoneons, Johann Kuhlen. Das Foto entstand um 1928.

Der Käufer und alte Besitzer des Bandoneons, Johann Kuhlen. Das Foto entstand um 1928.

Roswitha Baronesse Dubois de Luchet-Mazur.

privat, Bild 1 von 2

Der Käufer und alte Besitzer des Bandoneons, Johann Kuhlen. Das Foto entstand um 1928.

Krefeld. „Auf meinem Kinderwagen lag Staub“, erzählt Roswitha Baronesse Dubois de Luchet-Mazur über den Luftangriff vom 6. Juli 1941. Das ist ihr wohl später von den Eltern berichtet worden. Denn am Tag der Katastrophe war die kleine Roswitha erst ein halbes Jahr alt. Ihr Elternhaus auf der Marktstraße 114 war jedenfalls schwer getroffen worden, eine Bombe hatte alle Geschosse zerschlagen, die Fassade zur Hälfte abgesprengt. „Aber alle haben überlebt“, erzählt die Baronesse, und auch das wichtige Familienerbstück konnte heil aus den Trümmern geborgen werden – das Bandoneon von Urgroßvater Johann.

Das Instrument ist in einem gutem Zustand

Die Baronesse und ihr Mann hüten es noch heute wie einen Schatz. Das Instrument trägt den Schriftzug Bandonion – also in der alten Schreibweise mit „i“. Der Urgroßvater Johann Kuhlen (1844-1933) soll das Instrument noch zu Lebzeiten des Krefelder Bandoneon-Erfinders Heinrich Band (1821-1860) gekauft haben. Deswegen hatte sich die Baronesse jetzt wieder an die Öffentlichkeit gewandt.

In der WZ hatte sie gelesen, die Stadt Krefeld bemühe sich gerade, ein Originalinstrument von Heinrich Band zu kaufen, wahrscheinlich das einzige weltweit erhaltene seiner Art. „Aber ich habe doch auch eines“, dachte sie sich.

Das Instrument ist in gutem Zustand, nur die ledernen Zugschlaufen sind verschlissen und nicht mehr intakt. Auf dem Aufkleber, der am prachtvoll verzierten Balg angebracht ist, steht zu lesen: „H. Band & J. Dupont“.

Das „H. Band“ steht für Heinrich Band, das „J. Dupont“ für Jaques oder auch Jacob Dupont, seinen Kompagnon. Die beiden Namen in dieser Schreibweise finden sich auch auf einem Zettel in dem Instrument, das die Stadt jetzt kaufen möchte. Die Firmierung des Musikalienhandels nach dem Tod von Heinrich Band lautet „H. Band, Wwe., & J. Dupont“, hierbei steht das Wwe. für Witwe. Wahrscheinlich ist also, dass auch das Instrument der Baronesse vor 1860 gebaut wurde.

Der Urgroßvater spielte zu Hochzeiten auf dem Bandoneon

Der Krefelder Musikalienhändler Heinrich Band hat das Bandoneon mutmaßlich in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt. Grundlage war die schon vorher existierende Konzertina. Die entscheidende Verbesserung durch Band war eine Erweiterung des Tonumfangs. Für die Tasten entwickelte er als Anordnung die sogenannte Rheinische Tastatur. Ein Instrument mit Rheinischer Tastatur ist – auf welchen Wegen auch immer – gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Argentinien gelangt. Dort wurde das Bandoneon zum Hauptinstrument des Tangos. Die Tango-Musiker ziehen bis heute die Rheinische Tastatur allen anderen Varianten vor.

Heinrich Band wurde am 4. April 1821 in Krefeld geboren und übernahm später das kleine Musikaliengeschäft seines Vaters, 1844 inserierte er erstmals 40- bis 56-tönige „Accordions“. 1848 heißt es in einer Anzeige von Heinrich Band, „durch eine neue Erfindung haben wir unsere Accordien wieder bedeutend vervollkommnet“. Heinrich Band starb am 2. Dezember 1860 in Krefeld.

Ein Foto aus dem Jahr 1928 zeigt Johann Kuhlen. Sein Bandoneon hat er auf den Knien, er spielt es wohl im Moment der Aufnahme.

„Der Wert des Instruments war uns bewusst“, erklärt die Baronesse, deren Vater Erich Dubois de Luchet, ein Nachfahre von Hugenotten, den Adel in die Familie gebracht hat. Johann Kuhlen, der Urgroßvater, stammte aus Willich, war ein einfacher Weber und offenbar musikalisch. Er soll zu Hochzeiten und anderen Feiern mit dem Bandoneon aufgespielt haben.

Der museale Wert des Instruments ist in jedem Fall hoch, sagt Carsten Heveling, Bandoneon-Experte aus Wuppertal. Der Erstbesitzer ist bekannt, und auch das weitere Eigentum daran ist lückenlos bis auf den heutigen Tag dokumentierbar – wie das bei Familienschätzen so ist. Darüber hinaus scheint das Instrument nicht verändert worden zu sein, wofür zum Beispiel die defekten Handschlaufen sprechen. Alles das zusammengenommen sei äußerst selten, sagt Heveling.

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