Seit 60 Jahren haben Krefeld und Mönchengladbach ein gemeinsames Theater – eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen.

Krefeld/Mönchengladbach. Die besten Ehen, sagt Jens Pesel, werden mit einem Seufzen geschlossen. Im Fall der wilden Theater-Heirat zwischen Krefeld und Mönchengladbach könnte der Generalintendant ruhig noch Kratzen, Beißen und Spucken mit auf die Liste setzen. Berichten die Chronisten doch anno 1950 von Protesten der Mitarbeiter, die um ihre Jobs fürchteten, und von tumultartigen Szenen. Sogar Bundespräsident Heuss wurde zur Hilfe gerufen. In Gladbach musste die Polizei vor der Entscheidung den Ratssaal sperren. Mit 22 zu 21 Stimmen wurde die Fusion schließlich abgesegnet.

Dass der "Grotesktanz" und die "Konfusionsverhandlungen", die Pesel beschreibt, zur beständigsten Theater-Ehe landesweit führten, ahnte damals niemand. Bis heute ist das Gemeinschaftstheater laut Pesel eine "Gesellschaft für Konfliktforschung", allerdings eine erfolgreiche. Trotz dreier Beinahe-Scheidungen und vieler "Krisen, Kränkungen und Kräche" sei die Dialogfähigkeit erhalten geblieben, so Pesel: "Das ist das größte Verdienst."

Die erste Krefelder Premiere war Shakespeares "Othello"

Der scheidende Intendant, Jahrgang 1945, erinnert sich gut an die Gesellschaft nach dem Krieg: "Nach einer Zeit der kulturellen Amnesie stürzten sich die Menschen hungrig auf alles, was sie vermisst hatten." Anfangs spielten viele Theater auf Behelfsbühnen: Die erste Krefelder Premiere "Othello" gab es im September 1950 in der Aula des heutigen Ricarda-Huch-Gymnasiums - zum Schrecken der tugendhaften Direktorin. Erst 1952 entstand die Kulturscheune am Theaterplatz, 1963 das heutige Stadttheater.

Zwischen den beiden Bühnen in Krefeld und Gladbach liegen heute 26 Kilometer, was ständig neue logistische Meisterleistungen erfordert. Bei der Übertragung von Produktionen müsse man "dem Gast oft die Füße abschneiden, damit er ins Bett passt", wie Pesel formuliert. Dass die Ehe trotz aller Widrigkeiten seit 60 Jahren hält, nennt er "eine einzigartige Leistung, auf die viele Beteiligte stolz sein dürfen".

Gleichwohl verkneifen sich die Städte jegliche Feierlichkeiten. Zu tief sitzt der Schrecken der jüngsten Finanzdebatte, aus der das Theater mit Schrammen, aber letztlich gestärkt hervorging. Das zeigen die klaren Bekenntnisse der beiden Oberbürgermeister, die trotz aller Haushaltsnöte die Zukunft der Bühnen gesichert sehen. "Können wir uns das Theater erlauben? Wir müssen es sogar", sagt Gladbachs Stadtchef Norbert Bude. "Kultur ist Teil unseres Bildungsauftrags."

Bis 2015 sind die Finanzen nun festgezurrt. "Ein Fünf-Jahres-Plan ist ein ungeheurer Vorsprung", sagt Pesels Stellvertreter Christian Tombeil, den an seinem neuen Arbeitsort Essen ungewissere Bedingungen erwarten dürften. Pesels Nachfolger Michael Grosse hingegen läuft im September in einen sicheren Ehehafen ein, allerdings als Chef einer gGmbH. Ein neues Kapitel in einer langen Geschichte.

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