Blick in die Glaskugel
Die Clownin und Strassenkünstlerin Mina verzaubert mit ihrem Glaskugelspiel die Zuschauer des Buskers Strassenmusik-Festivals in Lugano (Schweiz). Foto: Gabriele Putzu/KEYSTONE/TI-PRESS

Die Clownin und Strassenkünstlerin Mina verzaubert mit ihrem Glaskugelspiel die Zuschauer des Buskers Strassenmusik-Festivals in Lugano (Schweiz). Foto: Gabriele Putzu/KEYSTONE/TI-PRESS

dpa

Die Clownin und Strassenkünstlerin Mina verzaubert mit ihrem Glaskugelspiel die Zuschauer des Buskers Strassenmusik-Festivals in Lugano (Schweiz). Foto: Gabriele Putzu/KEYSTONE/TI-PRESS

Krefeld. Nach 2017 sollen die wahlkampfgestressten Krefelder bloß nicht glauben, es würde irgendwie ruhiger. Auch 2018 wird die Politik für die Seidenstadt eine entscheidende Rolle spielen. Und nicht nur sie. Hinzu kommt das Mega-Dauer-Angst-Projekt Kommunalbetrieb Krefeld, umständlicher: Anstalt öffentlichen Rechts (AöR). Und die brutalistische Frage, was aus dem Seidenweberhaus wird. Diese ist genauso brisant wie die nach der Grotenburg oder dem Großmarkt.

Klingt spannend, ist es aber nicht. Denn die WZ ist auch zu diesem Jahreswechsel ihrer Zeit voraus und verrät, wie 2018 laufen wird. Werfen Sie mit uns einen Blick in unsere Glaskugel und suchen selbst aus, was Sie dann doch lieber unter der Rubrik Satire ablegen wollen.

Januar

Der israelische Investor Schapira hat vergessen, zum Jahreswechsel seinen Wandkalender auszutauschen und erinnert sich plötzlich wieder an dieses Krefeld bei Berlin. Irgendwo dort wollte er in ein Einkaufszentrum investieren. „Wie hieß das Ding noch, Enten-Basar?“

KFC-Boss Ponomarev schlägt in der Winterpause zu und kauft vier Verteidiger mit Bundesligaerfahrung. Elf Gegentore in der Hinrunde seien einfach zuviel. Seine Spitze in Richtung Viktoria Köln und Vorgänger Lakis: „Wer viele Tore sehen will, soll Eishockey gucken.“

Martin Linne, von lokalen Medien zu Krefelds Cary Grant der Stadtplanung gekürt, macht sich Sorgen. Kesselhaus-Investor Reiner Leendertz deutet an, dass es Probleme mit dem Konto auf den Cayman Islands gibt.

Februar

Der erfolgsverwöhnte Oberbürgermeister Frank Meyer setzt beim Thema Kommunalbetrieb etwas übermütig auf Psychologie und Emotionen: „Ich werde mich nicht mehr rasieren, ehe der KFC aufgestiegen und unsere AöR umsatzsteuerfrei ist.“ Die CDU, Nägel kauend auf der Suche nach einem geeigneten Gegenkandidaten für Meyer 2020, wittert Morgenluft.

„Die Partei“ in Krefeld auch. In Berlin sondieren Union und SPD immer noch – und die Idee der Gründung eines Freistaates linker Niederrhein mit Krefeld als Hauptstadt wird zunehmend salonfähig.

Andreas Pamp will als Leiter des neuen Amtes für Migration und Integration ein Zeichen setzen und meldet eine Fußgruppe für den Nelkensamstagszug an: die Bremer Stadtmusikanten. Die AfD reagiert sofort und zieht hinterher als „Die Rattenfänger von Hameln“.

Die Rechnungsprüfung lässt wissen, dass die Prüfung der Ertürk-Mietverträge mit der Stadt noch Zeit brauche. Man könne dafür aber nachweisen, wer Ertürk seinerzeit an den Pranger gestellt habe. In der SPD atmen sie auf. Außer einer.

März

Investor Wagener droht, notfalls bis vor den Bundesgerichtshof zu ziehen, sollte Linne weiter am Projekt Seidenweberhaus beteiligt sein. Meyer schnippt lässig einen Brotkrümel aus dem Schnäuzer und meint: „So ein Blödsinn. Das wäre ja wie Fußballspielen ohne Ball. Übrigens: Ich werde mich nicht mehr rasieren, bis . . .“.

In Krefelds größter Facebook-Gruppe gründet sich die Initiative „Brutal dagegen“ um die drei Damen vom Rate-Grill: Ratsfrau Ruth Brauers, Tina Vielkenn und Roberta Lauter. Ziel: Schöpfung alternativer Wahrheiten und Erhalt des architektonischen Wunderwerks Seidenweberhaus. Der Leitspruch: Wenn ich Recht habe, muss ich nichts wissen. Die AfD tobt: „Das ist unser Motto. Jetzt gehört sogar Facebook zur Systempresse.“

Schapira hat den richtigen Kalender aufgehängt und Krefeld schnell wieder vergessen. Der Gestaltungsbeirat um Architekt Lucas lädt zur Pressekonferenz: „Das Projekt Schwanenmarkt ist voll im Plan, Herr Schapira nimmt immer mehr unserer Vorschläge an.“

Wer Pinguine guckt, sieht tatsächlich viele Tore. Der Club verpasst einmal mehr die Playoffs, Patriarch Schulz wirft endgültig hin, Busenfreund Adduono gleich mit. Ein Schritt mit Domino-Effekt.

April

Denn am Ostermontag fasst auch FDP-Chef Joachim C. Heitmann einen Entschluss: „Das Kapitel Politik ist für mich beendet.“ Es sei zu anstrengend geworden, ständig die eigenen Positionen zu widerlegen, argumentiert der Rechtsanwalt. Außerdem habe ein Wasserrohrbruch das gesamte Papierarchiv zerstört. „Da fehlt mir als überzeugtem Digitalverweigerer einfach die Grundlage.“

Die CDU kann ihr Glück derweil kaum fassen. Der einstige Kumpane und Mitwisser konsequenter Pleite-Politik geht freiwillig. Fraktionschef Philibert Reuters wertet es als Zeichen, den ersten Stein in den Teich zu werfen. „Wir haben einen perfekten Bürgermeisterkandidaten. Es ist noch zu früh, seinen Namen preiszugeben, nur so viel: Er rasiert sich täglich.“

Der KFC hat die letzten sechs Partien mit 1:0 gewonnen und geht in die Geschichte ein. Die Siegtreffer waren allesamt Eigentore der Gegner.

Mai

OB Meyer will, aufgescheucht durch den CDU-Vorstoß, seinen Ruf als Hans Dampf ausbauen. Als neuer Kulturdezernent klappert Meyer die Bühnen ab, im „Theater Hinten links“ erkennt ihn der Intendant nicht und fragt: „Unser Karl-Marx-Darsteller hat Magendarm. Können Sie einspringen? Ist auch ohne Text.“

Dem umtriebigen Heitmann ist schon nach wenigen Wochen langweilig. Er mietet ein Ladenlokal am Großmarkt an. „Gut, dass die Stadt ihn nicht verkauft hat, das habe ich schon immer gesagt.“ Heitmann eröffnet das Café „Hinterbank“, montagabends kommen immer Menschen zu seiner „Speakers Corner“.

Am letzten Spieltag verliert die punktgleiche Viktoria aus Köln mit 7:8 gegen Rödinghausen und hat sage und schreibe 150 Tore mehr geschossen als der KFC. Aber eben einen Punkt weniger. In der Relegation gewinnt Krefeld zweimal mit 2:0 und steigt auf. Ponomarev warnt Trainer Wiesinger. „Wir wollen keinen Hurra-Fußball.“ Der Russe nimmt Kontakt auf zu Otto Rehhagel.

Juni

WM-Fieber: Die AfD Krefeld postet einen Artikel aus ihrem Lieblingsmagazin „Junge Freiheit“ von einem Autor namens E. Vabraun. Der will recherchiert haben, dass ein Cousin von Mesut Özils Onkel dritten Grades in Gelsenkirchen Fahrerflucht begangen hat. Die AfD will endlich lokaler werden und fordert: „Özil darf auf keinen Fall mit zur WM. Das ist auch gut für Krefeld.“

Kurz vor der Sommerpause laden Siempelkamp-Chef Hans Fechner und Siemens-Boss Joe Kaeser überraschend zu einer gemeinsamen Pressekonferenz. Kommen darf die Jubelpresse, die WZ nicht. „Mach ich immer so“, grinst Trump-Bewunderer Fechner und knipst dem Siemens-Chef Äugsken. Dann klopft er zweimal zackig auf seinen Schoß und bittet zum rheinischen Diktat.

Stadtmarketing-Boss Uli Cloos scheitert mit dem Vorstoß, Krefelder Stadtbezirke umzubenennen und ist beleidigt. „Wir müssen endlich größer denken. Was ist denn an Queens, Covent Garden und Trastevere auszusetzen? Das ist mir hier zu provinziell.“

Juli

Fechner und Kaeser haben alle Hände voll zu tun, die Metaller in ihren Konzernen zu beruhigen. Das selbstlose Angebot auf der Häppchen-PK, außerbetriebliche Chinesisch-Kurse zur „allgemeinen Fortbildung“ zu bezahlen, macht die Belegschaft misstrauisch.

Kämmerer Cyprian schickt die Familie nach Sardinien in den Sommerurlaub und legt in etlichen Tages- und Nachschichten den Haushalt 2019 auf den Tisch. Im nächsten Jahr soll er wiedergewählt werden, bloß nichts dem Zufall überlassen. Die CDU frohlockt: „Cyprian ist ja auch unser Mann. Mal sehen, wann wir zu Beratungen kommen.“ Den Namen des Bürgermeisterkandidaten will Reuters in die Sommerpause mitnehmen.

Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Das Siegtor im Finale gegen die Schweiz schießt Mesut Özil. Die AfD jubelt: „Wir haben halt doch die besseren Türken.“ Özil, heißt es in germanischer Euphorie, sei eigentlich ein guter Junge. „Er hat ,Deutschland, Deutschland über alles’ nicht mitgesungen. Er weiß, was sich gehört.“

August

Auf Facebook soll „Brutal dagegen“-Frontfrau Ruth Brauers erklären, warum sie im Rat komische Fragen stellt, die niemand versteht, um die Antworten im Netz selbst zu geben. Der Fragesteller wird aus der Gruppe gemobbt, anschließend der Stadt, schließlich des Landes verwiesen. Brauers bleibt hart: „Selbst schuld, mit Inhalten muss man mir nicht kommen.“

Fechner und Kaeser verschicken als Zeichen des guten Willens chinesische Kochbücher an ihre Mitarbeiter. Dazu legen sie Prospekte bei. Von 45-stöckigen Wohnsiedlungen in der Provinz Sichuan mit Wachpersonal, Kita-Angebot und einer echten deutschen Kneipe.

Cloos bekommt ein Angebot aus dem schicken Düsseldorf. „Hipster-Bart, Hipster-Ideen, Hipster-Denke – Sie passen doch gar nicht nach Krefeld“, wirbt Düsseldorfs OB Geisel. Cloos ist unschlüssig: „Das wäre wirklich mal ein Perspektivwechsel.“

September

Linne ist beruhigt. Leendertz hat ein neues Konto in Panama eröffnet. Der Kesselhaus-Investor gibt sich souverän: „Herr Linne, ich lasse meine Mitarbeiter nicht hängen.“ Das unabhängige Gutachten zur Folgenutzung des Seidenweberhauses hat Leendertz ebenfalls aufgekauft. „Ich gebe ein richtiges in Auftrag.“

Der KFC ist mit einem Sieg in die Drittliga-Saison gestartet. Leider ist die Grotenburg nicht rechtzeitig saniert worden und das Team um den neuen Trainer muss auf die Anlage von Hellas ausweichen. Für Otto Rehhagel gar kein Problem, er hat sieben Griechen über 40 mitgebracht. Alle für die Abwehr. Derweil haben sich zwei Unternehmer gefunden, die den KEV wieder ins obere Drittel führen möchten. Einer ist Fressnapf-Boss Torsten Toeller. Das Duo möchte das komplette Team eines weißrussischen Erstligisten nach Krefeld holen. „Wir brauchen keine Identifikation, sondern Punkte.“

Der Kommunalbetrieb zahlt munter weiterhin die Umsatzsteuer. Meyer hält sich an sein Bart-Versprechen. Dafür bringt die Gala eine ganze Seite über „Deutschlands hipsten OB“. Linne und Cloos sind ein wenig eifersüchtig. Die Moscheegemeinde liest keine Gala. Sie bietet Meyer an, ehrenamtlich den Imam in der Gemeinde zu geben. „Äußerlich passt es und wir brauchen dringend gute Presse. Der Moscheebau stockt.“

Oktober

Im Laientribunal Facebook diskutieren Brauers, Vielkenn und Lauter nur noch untereinander. „Das ist viel effizienter, niemand widerspricht“, zitiert Brauers aus einem Interview mit sich selbst. Erste Frage: „Frau Brauers, sie stellen die einzige Bau-Kompetenz des Krefelder Stadtrates dar. Wie schwer wiegt diese Bürde?“ Alle drei Leser des Interviews wissen hinterher, dass Linne ein von Leendertz installierter Laiendarsteller aus der Vulkaneifel ist. „Meinen Respekt an Cary Grant“, lobt Brauers, „ich habe auch zwölf Accounts.“

In Berlin haben CDU und SPD die Sondierungen abgebrochen. In einer gemeinsamen Presseerklärung verteidigen die Krefelder Abgeordneten die Erhöhung ihrer Altersbezüge. „Als Entschädigung für die Langeweile hier ist das wohl das Mindeste.“

„Die Partei“ hat ihre Hauptstadt-Ambitionen begraben. Sie möchte lieber alle Kraft in die Flutung der Krefelder Wälle legen. Sprecher Carsten Bullert: „Was heißt hier Satire? Es gibt schließlich auch Menschen, die glauben, der Theaterplatz werde entwickelt.“

FDP und Krefeld erleben die Wiedergeburt von Heitmann. Sein Café „Hinterbank“ ist pleite, die Montagsmärsche sind ausgeblieben. „Der Großmarkt hat einfach keine Aura. Ich habe gleich gesagt, die Stadt muss ihn verkaufen.“

November

Bei den Pinguinen geben Toeller und sein Co-Investor nach sieben Siegen in sieben Spielen entnervt auf. Die Bilanz: 21 Punkte und insgesamt 51 Zuschauer. Die Fanforen verlangen nach der guten alten Zeit mit Schulz und Adduono. Beide kommen. Sie statten Pietta mit einem 20-Jahres-Vertrag aus und nehmen dessen Nachwuchs präventiv unter Vertrag. Die Bude ist wieder voll.

Fechner und Kaeser bitten erneut zur Pressekonferenz. Die WZ muss mal wieder draußen bleiben. Diesmal hat sie herausgefunden, dass Siempelkamp und Siemens deutlich weniger Azubis einstellen als angekündigt. „Lügenpresse“, zürnt Fechner und diktiert dem Herrn auf seinem Schoß: „Wir haben nie behauptet, dass wir Krefeld meinen. Unser Werk in Chengdu zählt 40 neue Azubis.“

Uli Cloos lehnt das Düsseldorfer Angebot ab. Er ist lieber Mr. Krefeld als zur Gruppe Düsseldorf zu gehören. Die Moscheegemeinde schaltet sofort. „Ein ehrliches Bekenntnis zur Seidenstadt wäre ein Engagement als ehrenamtlicher Imam bei uns. Moscheebau made in Krefeld.“ Cloos zögert.

Avancen des neuen Özil-Fanclubs AfD lehnt die Moscheegemeinde entschieden ab. „Die WM ist vorbei.“

Dezember

Frank Meyer lässt sich am Nikolaustag pressewirksam vom Bart befreien. „Ein Mann muss wissen, wann er verloren hat.“ Aus Kreisen des OB-Büros ist zu vernehmen, dass diese Entscheidung eher privater Natur sei. „Der Kommunalbetrieb“, schreibt die Presseabteilung vorsorglich, „läuft wie geschnitten Brot.“ Die Umsatzsteuer auch.

Die CDU hat die Fleißarbeit ihres Kämmerers Cyprian bis dato erfolgreich ignoriert. Soll doch so knapp vor der OB-Wahl 2020 niemand glauben, im Rathaus laufe etwas rund. IHK-Geschäftsführer Jürgen Steinmetz outet sich derweil als Gegenkandidat. „Gut, dass Meyer sich rasiert hat, so hip bin ich einfach nicht.“

Die Rechnungsprüfung kündigt die Auflösung im Fall Ertürk für Januar an. In der SPD sind sie gespannt. Außer einer.

Beim KFC weigert sich Coach Rehhagel nach einem sensationellen zweiten Platz nach der Vorrunde, in die mittlerweile sanierte Grotenburg zurückzukehren. „Unsere rustikale Hellas-Kippe ist die halbe Miete.“ Der Zuschauerschnitt mit 120 zahlenden Fans stört den Pragmatiker nicht. Vereinsboss Ponomarev hat noch vier Verteidiger auf dem Zettel. Kontrollierte Offensive, keine Experimente.

Kurz vor Silvester gibt es ein Lebenzeichen von Schwanenmarkt-Investor Schapira. Der Weihnachtsgruß von OB Meyer kommt ungeöffnet zurück. Mit Poststempel: unbekannt verzogen.

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