Jürgen Matz wirft der Stadt vor, sich auf Uerdingens Kosten mit fremden Federn zu schmücken.

Jürgen Matz wirft der Stadt vor, sich auf Uerdingens Kosten mit fremden Federn zu schmücken.
Das historische Stadtbild aus Jürgen Matz’ Sammlung zeigt Uerdingen im 19. Jahrhundert. Repro: Andreas Bischof

Das historische Stadtbild aus Jürgen Matz’ Sammlung zeigt Uerdingen im 19. Jahrhundert. Repro: Andreas Bischof

Jürgen Matz ist Uerdinger aus vollem Herzen.

Das historische Stadtbild aus Jürgen Matz’ Sammlung zeigt Uerdingen im 19. Jahrhundert. Repro: Andreas Bischof

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Das historische Stadtbild aus Jürgen Matz’ Sammlung zeigt Uerdingen im 19. Jahrhundert. Repro: Andreas Bischof

Uerdingen. Jürgen Matz ist kein Krefelder, er ist Uerdinger – da versteht der 55-Jährige keinen Spaß. Für seinen Job fährt er nicht in die Stadt, sondern nach Krefeld. „Das ist ein Unterschied!“ Seiner Rheinstadt blieb Matz nur zweimal etwas länger fern. Er erzählt, dass er im Krankenhaus Lank-Latum geboren wurde und Uerdingen später für eine Frau verließ. „Damals lebte ich für zweieinhalb Jahre in Hüls.“ Die Industriegeschichte, der KFC Uerdingen, der jetzt in der 3. Liga Fußball spielt, und natürlich die Lage am Rhein: dafür liebt Matz sein Uerdingen, darauf ist er stolz. Und er ist sauer. Auf die Stadt Krefeld, die sich in ihrem Briefkopf, Logos, und auf Broschüren Stadt am Rhein nennt, „eine Stadt, die es nicht gibt“, ärgert sich Matz. Und darüber, dass sie das bis heute nicht zurücknehmen will.

Rückblick: Anfang des Jahres hatte sich der Uerdinger darüber beim Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKGB) beschwert, das nach Prüfung zu dem Ergebnis kam: Matz hat Recht. Ohne Ratsbeschluss und Zustimmung der Aufsichtsbehörde sei die Verwendung eines solchen Signets auf offiziellen Briefbögen „aus reinen Marketinggründen“ unzulässig, heißt es in der Begründung. Ein Erfolg für Lokalpatriot Matz – doch geändert hat sich seither nichts. Die Stadt nehme „weiterhin mit dem Hinweis darauf, dass Krefeld am Rhein liegt, eine geografische Positionierung“ vor, erklärt Stadtsprecher Dirk Senger. „Wegen der rechtlichen Klärung zum Signet wartet die Stadt auf eine abschließende Einschätzung durch die Kommunalaufsicht.“

„Sicherlich ist Uerdingen heute ein Stadtteil von Krefeld. Auch wenn ich es gerne anders hätte.“

Jürgen Matz, Lokalpatriot

Eine Antwort, mit der sich Jürgen Matz nicht zufrieden gibt. Auf Wikipedia hat der 55-Jährige die Seite „Krefeld-Uerdingen am Rhein“ erstellt, um endgültig mit „Vorurteilen und Falschbehauptungen“ über die Rheinstadt aufzuräumen, „weil ich etwas gegen Geschichtsverfälschung habe“, sagt er. „Düsseldorf, Köln, Monheim und Uerdingen liegen am Rhein. Krefeld nicht.“ Mit viel Akribie und Quellennachweisen erklärt er im Netz auch, wie die alte Rheinstadt nach dem Zusammenschluss zu Krefeld-Uerdingen 1929 „als Dachgemeinschaft mit zwei gleichberechtigten Partnern“ unter dem Naziregime 1940 ein Stadtteil Krefelds wurde. Und das, obwohl Uerdingen auch später „förmlich nie eingemeindet wurde“, schreibt Matz auf Wikipedia. Zähneknirschend fügt er an: „Sicherlich ist Uerdingen heute ein Stadtteil von Krefeld. Auch wenn ich es gerne anders hätte.“

Dafür hat der Uerdinger Gründe. Sein Groll gegenüber der Stadt Krefeld beginnt in Matz’ Jugend. Als 17-Jähriger gründete er die Initiative „Ein Saal für Uerdingen“. Die Zeitungsartikel, die seinen Kampf und auch den Misserfolg dokumentieren, hat er aufbewahrt. „Kein Seidenweberhaus für die Rheinstadt“, titelte etwa der Stadtanzeiger im Februar 1981. „Da bin ich das erste Mal von der Stadt enttäuscht worden.“ Bis heute gebe es in Uerdingen keinen Veranstaltungssaal, den man sich leisten könne, sagt Matz. „Was wir haben, ist irgendeine Turnhalle (im Berufskolleg Uerdingen, Anm. d. Red.). Selbst die Uerdinger Feuerwehr konnte nicht das Geld berappen, um ihre Jubiläumsfeier da abzuhalten“, schießt Matz gegen die Stadt. „Wenn es nach Krefeld geht, dann reißen sie das Seidenweberhaus ab und bauen zur 650-Jahr-Feier 2023 ein neues Seidenweberhaus auf den Theaterplatz.“ Sein Vorwurf: Krefeld denke vor allem an eines: an Krefeld selbst. „Krefelds Karneval wurde über Jahre aus der Stadtkasse bezahlt“, sagt Matz, der seit mehr als 40 Jahren im Uerdinger Karneval aktiv und Vorsitzender der KG Op de Höh’ und KG Eulenturm ist. „Uerdingen musste sich das immer selbst zusammensparen.“

Stadtsprecher Dirk Senger nennt Investitionen in den Stadtteil. Platzbedingt sind hier nicht alle aufgeführt: „Die Stadt Krefeld investiert in den kommenden Jahren in Uerdingen unter anderem in den U3-Ausbau, Gesamtschule Uerdingen, Berufskolleg Uerdingen, Hafenerschließung, Handlungskonzept Uerdingen, Radwege 2019: 12,36 Millionen Euro; 2020: 17,7 Millionen Euro; 2021: 17,3 Millionen Euro und 2022: 13,1 Millionen Euro – also in den kommenden vier Jahren 60,6 Millionen Euro.“

Neben der Sanierung etlicher Straßen im Stadtteil stehe 2018 auch noch eine Tiefbaumaßnahme an: „Große Bedeutung für den Hafen hat die Maßnahme an der Düsseldorfer Straße von Floßstraße bis Rheinbrücke inklusive eines großen Verteilerkreises. In 2018 werden dazu rund 1,5 Millionen Euro investiert.“

Die Sanierung des Deichs ist seit 2016 abgeschlossen. Kostenpunkt: 4,6 Millionen Euro, die größtenteils vom Land gefördert wurden.

Aufwertung des Stadtteils beinhaltet das Integrierte Handlungskonzept einen Katalog von rund 30 Maßnahmen, die von 2019 bis etwa 2025 umgesetzt werden sollen. Das beantragte Gesamtfördervolumen für die Laufzeit liegt bei 18 Millionen Euro.

1929 Mit dem Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes wurden Krefeld und Uerdingen am 29. Juli 1929 zum Stadtkreis Krefeld-Uerdingen. Stadtsprecher Senger: „Die Selbstständigkeit der Städte blieb erhalten, so eine Konstruktion gab es im ganzen Reich kein zweites Mal.“ 1940-1975 „Die endgültige Vereinigung sollte 1949 erfolgen. Während der NS-Zeit wurde die Übergangszeit verkürzt: Am 1. April 1940 wurde Uerdingen ein Stadtteil. Nach dem 2. Weltkrieg gab es Proteste aus Uerdingen wegen dieses Vorgehens. Der Stadtteil erhielt eine neue Ortssatzung, die weitestgehende Verwaltungsselbstständigkeit zusicherte. Mit der Einführung der neuen Bezirksverfassung 1975 endete der Sonderstatus Uerdingens.“

Das vor einigen Jahren im Rahmen eines Stadtkonzeptes am Elfrather See (in Uerdingen) angedachte Fußballstadion für den KFC sei nie gebaut worden. Deshalb müsse der Verein – 1905 als FC Bayer Uerdingen 05 (in Uerdingen) gegründet – jetzt auch im Stadion des MSV Duisburg spielen. Der KFC-Aufstieg in die 3. Liga sei dann groß gefeiert worden – vor dem Krefelder Rathaus, nicht in Uerdingen. „Das ist ja, als wenn Schalke den Pokalsieg in Gelsenkirchen feiert – und nicht auf Schalke“, schimpft Matz auf eine Stadt, die sich nicht zu schade dafür sei, „sich mit fremden Federn zu schmücken“. Mit dem KFC, mit dem Rhein und der Industrie. „Und was hat Krefeld? Das Ostwall-Glasdach“, ätzt Matz und setzt noch einen drauf: „Andersherum wüsste ich nicht, welche Vorteile Uerdingen dadurch genießt, ein Stadtteil von Krefeld zu sein.“

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