Die Gründe fürs Scheitern sind vielfältig. In einem ausgeklügelten Konzept liegen Chancen für die Zukunft der Wirte.

Das Konzept funktioniert immer noch, aber die Wirte gehen in Rente: Das Wirtspaar Leo und Evelyn Herwix mit Sohn Alexander hat den Fasskeller aufgegeben.
Dirk Jochmann
Das Konzept funktioniert immer noch, aber die Wirte gehen in Rente: Das Wirtspaar Leo und Evelyn Herwix mit Sohn Alexander hat den Fasskeller aufgegeben. Dirk Jochmann

Das Konzept funktioniert immer noch, aber die Wirte gehen in Rente: Das Wirtspaar Leo und Evelyn Herwix mit Sohn Alexander hat den Fasskeller aufgegeben. Dirk Jochmann

Brigitte und Jürgen Janaschek haben den Goldenen Hirsch aufgegeben.

Dirk Jochmann, Bild 1 von 2

Das Konzept funktioniert immer noch, aber die Wirte gehen in Rente: Das Wirtspaar Leo und Evelyn Herwix mit Sohn Alexander hat den Fasskeller aufgegeben. Dirk Jochmann

Krefeld. Die Eckkneipe ist out, das Themen-Café in. Gerade sind die altgedienten Wirtsfamilien vom Goldenen Hirsch und vom Fasskeller von Bord gegangen. Die WZ nimmt dies zum Anlass, den Markt zu beleuchten. „In den letzten 15 Jahren haben in Krefeld rund 500 Gaststätten- und Schankbetriebe von zuvor mehr als 800 aufgegeben“, sagt Klaus Jürgen Wiewrodt, Wirt des Dachsbaus. Vor allem die Eckkneipen und viele kleine Gaststätten seien betroffen. Als Gründe nennt er unter anderen einen Lebenswandel, der mehr auf Aktivität der gesamten Familie ausgerichtet ist.
„Jüngere Frauen lassen ihren Mann nicht mehr wie früher alleine zum Frühschoppen gehen, nicht einmal mehr in Bayern“, stellt Wiewrodt fest. Trotz des Kneipensterbens sieht er für die verbleibenden Traditionsgaststätten gute Chancen, es sei denn, sie seien auf Stammtische fixiert. Das Sterben von Gaststätten und Schanklokalen lasse sich auch an den Brauhäusern feststellen, von denen es mit Gleumes und Wienges nur noch zwei gebe. Dem Rauchverbot gibt Wiewrodt nicht die Hauptschuld für den Aderlass. Das habe sich eingespielt. Eine neue Gefahr sei der Mindestlohn. Sein Eindruck ist, dass die Besucher für die Folgen nicht aufkommen wollen.

Themencafés sind der Renner

Holger Leroy (Wirtschaftsförderung) berichtet über Leerstände von Eckkneipen und alten Gaststätten mit überholten Angeboten wie Kegelbahnen, deren Umbau zu teuer sei. Gut sei dagegen die Nachfrage nach zumeist großen Gaststätten mit Parkplatz und Außengastronomie, auf die Wirte heute kaum noch verzichten wollen. Auch kleinere Gaststätten mit innovativem, teils hochwertigem oder zumindest speziellem Angebot wie Essen zum Mitnehmen oder auch Vegetarisches seien gefragt. „Der Renner sind Themen-Cafés“, sagt Leroy. Lokalitäten wie das Café Breuers an der Stephanstraße hätten keinen Leerstand. Ein Neustart könne mit Kunst oder Produktspezialitäten wie etwa Cupcakes gelingen. Beliebt seien Frühstücksangebote. Das Café Liesgen habe sich in kurzer Zeit zum Szenetreff entwickelt, das modern und originell ausgestattete „Max und Moritz“ in Fischeln komme ebenfalls an. Diesem Trend schließen sich immer häufiger Bäckereien an, wie „Sommer“ an der Glockenspitz oder „Hoenen“ an der Tönisberger Straße in Hüls – mit Café und Außengastronomie.

Laut einer NRW-Umfrage des Dehoga verzeichnen 81 Prozent der Schankwirte Umsatzeinbußen, davon 63 Prozent der Wirte mehr als 10 Prozent. Sie führen das auf die Folgen des Rauchverbots zurück. Bei den Gaststättenbetreibern berichten 43 Prozent von Umsatzrückgängen, 13 Prozent von einem Plus.

Das Sterben der Eckkneipen scheint fortzudauern: 31 Prozent der Schankwirte befürchten eine Schließung im Vergleich zu nur drei Prozent der Gaststättenbetreiber.

„Wirte müssen sich stets mit dem Markt und ihrer Zielgruppe beschäftigen“, sagt Walter Sosul. Der Chef des Mercure Hotel Krefeld und Vertreter der Kreisgruppe des deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga nennt ein Bündel von Gründen, die den Erfolg beeinflussen. Bei Pachtbetrieben wie Brauereigaststätten seien die Interessen zwischen Eigentümer und Pächter bezüglich der Investitionen oft unterschiedlich. Immer seltener würden Betriebe von den Kindern übernommen, immer schwieriger sei es, sich selbstständig zu machen, erinnert Sosul an die Vielfalt neuer Auflagen wie die Ausweispflicht von Allergenen. Dennoch seien zeitgemäße Ideen nach wie vor gefragt. Dazu gehöre das Rückbesinnen auf die regionale Küche. Für ein Brauhaus heiße das „Bratkartoffel statt Pommes“, Kohl und Blutwurst. Auch Spezialitäten kämen bestens an, zum Beispiel die Beschränkung auf Suppen. Das Rauchverbot spiele in den Speisegaststätten keine wesentliche Rolle, sagt Dehoga-Pressesprecher Thorsten Hellwig. Es wirke allerdings bei einem ohnehin schon angeschlagenen Betrieb wie ein Brandbeschleuniger (siehe Kasten).

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