Der Verkehr wird weiter zunehmen. Damit die City attraktiv bleibt, muss das Auto an Bedeutung verlieren.

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Brandneues Mitglied in der Krefelder Straßenbahn-Familie: Die neue Niederflur-Bahn der Stadtwerke ist am 8. November den Krefeldern vorgestellt worden. Insgesamt 19 kommen jetzt nach und nach zum Einsatz.

Brandneues Mitglied in der Krefelder Straßenbahn-Familie: Die neue Niederflur-Bahn der Stadtwerke ist am 8. November den Krefeldern vorgestellt worden. Insgesamt 19 kommen jetzt nach und nach zum Einsatz.

Dirk Jochmann

Brandneues Mitglied in der Krefelder Straßenbahn-Familie: Die neue Niederflur-Bahn der Stadtwerke ist am 8. November den Krefeldern vorgestellt worden. Insgesamt 19 kommen jetzt nach und nach zum Einsatz.

Krefeld. Flanieren durch eine begrünte Innenstadt, ungestört von hässlichem Blech und Autolärm. Ganz so wird es in der Zukunft des Verkehrs wohl nicht ausschauen. Zu sehr hat sich die moderne Gesellschaft daran gewöhnt, jederzeit mobil sein zu können. Neue Prognosen für Krefeld gehen davon aus, dass der Autoverkehr bis 2015 noch um fünf Prozent zunehmen wird. Gerade ältere Menschen werden häufiger über ein Auto verfügen. Und der Anteil der Senioren an Krefelds Bevölkerung wird kräftig steigen.

Wie kann sich Krefeld da aufstellen, um attraktiv zu sein? Viele Aspekte wollen in dieser Frage unter einen Hut gebracht werden. Ist die Stadt mit dem Projekt Stadtumbau West doch dabei, die City auch als Wohnort wieder interessanter zu machen. Zudem pendeln mehr Menschen nach Krefeld hinein als hinaus. Gleichzeitig soll das Zentrum nicht nur als Einkaufsmeile immer anziehender werden.

"Krefeld war immer schon Oberzentrum für rund 750000 Menschen auch aus der Region”, meint Bernd Neffgen. Der Experte für Standortpolitik ist überzeugt: "Dass durch die vielen Funktionen der Stadt Verkehr erzeugt wird, muss in Kauf genommen werden.”

Verkehr ja, aber wie soll der künftig aussehen? Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) fragt da provokant: "Wollen wir mobil sein oder Auto fahren?” Denn während in vielen Planerbüros noch das Auto als Maß aller Dinge angesehen wird, rückt der Verband alternative Verkehrsmittel in den Fokus, einschließlich den oft vergessenen Fußgängern. Ähnlich wie Franz P. Linder, mit seinem Planerbüro Südstadt immer wieder für Krefeld tätig, der das "menschliche Maߔ bei der Verkehrsplanung anlegen möchte, ohne das Auto zu verteufeln.

Letzteres wäre auch nicht dienlich, findet Neffgen: "Restriktionen im Autoverkehr helfen nicht. Damit wird noch keiner auf Bus und Bahn umsteigen.” Neffgen setzt lieber darauf, den ÖPNV und den Fahrradverkehr interessanter zu machen. "Können Sie sich momentan einen leitenden Angestellten vorstellen, der mit Aktenkoffer und im Anzug mit ÖPNV von St. Tönis nach Uerdingen zur Arbeit fährt?” Wirklich komfortabel ist das sicher nicht, obwohl das ÖPNV-Angebot verbessert wird. So die geplante Umgestaltung des Umsteigepunktes Rheinstraße, die Infotafeln, der Einsatz des Nachtverkehrs am Wochenende.

Beispiel Münster: Mehr Verkehr ohne Kraftfahrzeuge

Wie Busse und Bahnen attraktiver werden können, hat Münster vorgemacht. Im Gegensatz zu Krefeld, wo noch ein Rückgang des ÖPNV- und Radler-Anteils am Gesamtverkehr prognostiziert wird, ist hier ein Zuwachs bei den Radlern von 29,2 (1982) auf 37,6 Prozent (2007) und beim ÖPNV von 6,6 auf 10,4 Prozent zu verzeichnen - durch eine konsequente Förderung beider Verkehrsarten und einer besseren Taktung bei Bus und Bahn. Denn ein Autofahrer wird nur dann mal öffentlich fahren, wenn er auch zügig von A nach B kommt.

In Krefeld ist allzu oft spätestens am Stadtrand Schluss. "Es kann nicht sein, dass das Oberzentrum vom Bundesbahn-Netz abgekoppelt ist”, kritisiert Neffgen. Und Lottsiepen (VCD) insgesamt zum ÖPNV: "Die Wege sind immer noch zu langsam.” Er plädiert auch für eine größere Haltestellendichte, mehr Service und dafür, dass das Radeln bequemer mit Bus und Bahn vernetzt wird.

Apropos Radfahren: Krefeld hat zwar den Vorsitz in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte (AGFS), zudem vor rund 15 Jahren mit einem Kraftakt zahlreiche Radwege, geöffnete Einbahnstraßen und Aufstellflächen eingerichtet, doch angenehm ist das Radeln in die Innenstadt nicht. Lottsiepen fordert: "Dem Auto muss zwar Platz gelassen, es sollte aber zurückgedrängt werden. Dann bekommt man auch Leute aufs Rad.” Selbst in Berlin sei da in jüngster Zeit viel passiert.

"Wenn eine Straße vor der Haustür schön ist, lädt sie zum Gehen ein."

FranzP.Linder, Stadtplaner

Der Aspekt Sicherheit wird nicht zuletzt angesichts des steigenden Anteils der älteren Bevölkerung eine Zukunftsaufgabe sein. Damit diese sich freier und komfortabler in der Innenstadt bewegen können, wäre weiter an der Barrierefreiheit zu arbeiten. Und an einer attraktiven Umgebung. "Wenn eine Straße vor der Haustür schön ist, lädt sie zum Gehen ein”, sagt Linder, der zudem die gesundheitlichen Vorteile von Nahmobilität propagiert.

Trotz allem: Autoverkehr wird auch in Zukunft in der Stadt ein großes Thema bleiben. Und dass in zehn Jahren hauptsächlich Elektromobile und Hybridfahrzeuge über die Straßen kreuzen, ist wohl utopisch. Gleichzeitig zwingen Lärm, Feinstaub und Stickoxide zum Handeln.

Bernd Neffgen und sein Kollege Wolfgang Baumeister setzen auf einen flüssigen Verkehr. Intelligente Leit- und Navigationssysteme sollen Fahrten verkürzen. Doch reicht dies aus, um die Innenstadt zu entlasten, sie als Wohnort interessanter zu machen?

Neffgen: "Wir müssen uns fragen, was wir haben wollen." In der Tat: Bislang hat bei Planungen in der Innenstadt immer wieder das Auto die Nase vorn gehabt, siehe Ostwall und Göldenbachs-Platz. Lottsiepen gibt zu bedenken: "Nirgendwo krankt es in den Städten daran, dass zu wenig für das Auto getan wird.”

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