Der Hochgeschwindigkeitszug aus Uerdingen durchläuft im Klima-Wind-Kanal von Rail Tec Arsenal in Wien viele Tests.

Test ICE im Klimawindkanal, 02. Mai 2011
Test ICE im Klimawindkanal, 02. Mai 2011

Test ICE im Klimawindkanal, 02. Mai 2011

Wolfgang Korall

Test ICE im Klimawindkanal, 02. Mai 2011

Krefeld/Wien. Es ist einfach nur kalt – und es weht ein scharfer Wind. Minus 20 Grad Celsius herrschen bei einer Windgeschwindigkeit von 30 km/h im Klima-Wind-Kanal von Rail Tec Arsenal (RTA). Die Fahrzeugversuchsanlage an der Paukerwerkstraße in Wien-Floridsdorf ist ein akkrediertes Prüfinstitut nicht nur, aber hauptsächlich für Schienenfahrzeuge aller Art. Und auf Herz und Nieren wird dort zurzeit der Hochgeschwindigkeitszug von Siemens geprüft, der Velaro D, den Siemens als neuen ICE 3/Baureihe 407, im Werk Krefeld-Uerdingen für die Deutsche Bahn baut.

Im Klima-Wind-Kanal von RTA ist es nicht nur kalt. Regen, Sturm, Schnee und Eis werden im Rahmen der wochenlangen Testphase dazugeschaltet, getestet wird unter alltäglichen, realistischen Klima- und Betriebsbedingungen. Auch die Luftfeuchtigkeit kommt zum Zuge.

„Siemens tut sehr viel bei unseren Tests. Es gibt andere Kunden, die wir gerne länger bei uns sähen.“
Gabriel Haller, Leiter RTA

Die Prüftemperatur für den Velaro wird durch zwei europäische Normen geregelt und liegt bei Temperaturen von minus 25 bis plus 50 Grad Celsius, erklärt RTA-Leiter Gabriel Haller. Die Bedingungen in Deutschland, Belgien und Frankreich, wo der Triebzug ab Jahresende fahren soll, sind nicht so hart wie in Russland, wo bereits seit einiger Zeit die RUS-Variante erfolgreich unterwegs ist – wie auch in China und Spanien. Für den Velaro Deutschland wurden die Erfahrungen, die in diesen drei Ländern gemacht wurden, gesammelt und ausgewertet.

Getestet wird auch das Bremsverhalten unter Winterbedingungen – und die Folgen starker Klimaänderung in kurzer Zeit: Das ist wichtig für die zehn Velaros, die künftig für den Betreiber Eurostar von Paris und Brüssel aus durch den Eurotunnel nach London fahren sollen. Kein Problem übrigens sind für Siemens beziehungsweise für den Velaro die Stromsysteme in Frankreich und Belgien, die sich vom deutschen unterscheiden.

Geprüft wird in Wien die Funktion des Typs, nicht jeder einzelne Zug. Für jeden Prüftag des Velaro zahlt Siemens 25.000 Euro. Die Summe ist so hoch, weil der Konzern Wert auf viele Prüfungen legt. Bis Anfang Juni bleiben die vier Wagen unterschiedlicher Art beim RTA. Der Velaro wird dann 1000 Stunden Dauertest mit 450 Messstationen hinter sich haben.

Sensoren ersetzen beim Wärmetest die Zugpassagiere

Die Rail Tec Arsenal Fahrzeugversuchsanlage GmbH (RTA) ist 1961 in Wien als international tätiges, unabhängiges Forschungs- und Testinstitut in Betrieb genommen worden. 2001 wurde in Wien-Floridsdorf eine neue Anlage errichtet. Mit dem Umzug erfolgte eine neue Eigentümer-Struktur. Namhafte Firmen – unter anderem Siemens, Alstom und Bombardier – investierten im hohen zweistelligen Millionenbereich; RTA hat einen Pachtvertrag und zahlt pro Jahr 2,9 Millionen zurück. Zuzüglich Energie- und Personalkosten – RTA hat 25 Mitarbeiter – fallen pro Jahr Kosten von 6,5 Millionen Euro an.
 

Die RTA-Anlage verfügt über zwei Klima-Wind-Kanäle. Der größere ist 100, der kleinere 33,8 Meter lang. Maximaler Temperaturbereich: von minus 45 bis plus 60 Grad Celsius. Die maximale Windgeschwindigkeit: im großen Kanal bis 300, im kleinen bis 120 km/h. Die relative Luftfeuchte kann von zehn bis 98 Prozent eingestellt werden. Auch die Strahlungsleistung des Seiten- und des Stirnsonnenfeldes ist variabel. Stationäre und mobile Regen-, Schnee- und Vereisungsdüsen gehören ebenso zur Anlage wie die Einrichtungen zur Brems- und Lastsimulation. Die Prüfleistungen werden vom Kunden bestellt und unterscheiden sich zuweilen erheblich. Die Tests sind nicht Genehmigungsvoraussetzung für die spätere Inbetriebnahme, sondern freiwillig.
 

Die Hauptkunden wie der Siemens-Konzern kommen zu rund 90 Prozent aus dem Schienenfahrzeugbereich. Daneben werden auch Straßen- und Militärfahrzeuge sowie technische Systeme geprüft, auch Helikopter haben die Klima-Windkanäle schon gesehen. Sportler wie die Skispringer der österreichischen Nationalmannschaft nutzen den Windkanal ebenso.
 

Dazu zählt auch die simulierte Wärmeabgabe der „Passagiere“ im Innern des Zuges. An Matten, die auf den Sitzplätzen liegen, sind Sensoren befestigt, die die Wärmeabgabe und den Wärmefluss widerspiegeln.

Die Anwesenheit der Kunden ist die Regel, Siemens hat in der Prüfzeit fünf bis zehn Mitarbeiter vor Ort. „Bei einem anderen Kunden ist es schon passiert, dass unabhängig vom Prüfkatalog auch ganz andere Störungen aufgetreten sind“, sagt Haller. „Dann ist es natürlich von großem Vorteil, wenn die Kundenvertreter das ,live’ miterleben.“
Stefan Schellhaus ist bei Siemens der Projektleiter für den Velaro D. „Dies ist die vierte Generation des Hochgeschwindigkeitszuges aus Uerdingen. Der Zug mit 460 Sitzplätzen wird für die Deutsche Bahn 320 km/h erreichen. Sein Rekord steht bei 404 km/h. Angetrieben wird er auf jeder zweiten Achse.“

Mit acht Wagen wird der Velaro als neuer ICE 3 für die Bahn 200 Meter lang sein, 15 Fahrzeuge werden ab Jahresende ausgeliefert, angepeilt sind die ersten drei zum Winterfahrplanwechsel.

Ein Velaro ist derzeit im DB-Netz auf Testfahrten unterwegs, ein zweiter absolviert Testfahrten im Siemens-Prüfcenter Wegberg-Wildenrath, ein dritter wird auf diese Testfahrten vorbereitet. Die beiden Einzelwagen im RTA gehören zu einem vierten Velaro.

Für den ICE wurde in Uerdingen eigens ein WC-Labor eingerichtet

Die Klimaanlage, sagt Schellhaus, ist für die Klimazone I (Südeuropa) und II (Mitteleuropa) ausgelegt. Bei extremer Hitze wird sie sich nicht abschalten, aber mit der Leistung herunterfahren, um einen Ausfall zu vermeiden.

Schellhaus berichtet, dass früher u.a. die Toiletten im ICE für Kunden ein Ärgernis waren: „Hier haben wir dramatisch etwas getan.“ In einem „WC-Labor“ bei Siemens in Uerdingen haben Testpersonen einen Toilettengang simuliert. Danach wurde neu festgelegt, was wo im WC am besten zu platzieren sei.
 

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