Rolf und Nico Kamp, zwei Krefelder Kinder, haben den Holocaust überlebt und kehren für einen in ihre Heimat zurück, um davon zu erzählen. Karin Kammann hat ihre Geschichte in einem Buch festgehalten.

Zwei Krefelder Kinder haben den Holocaust überlebt und sind zu Besuch in ihrer Heimat, um davon zu erzählen.
Nach seiner bewegenden Rede umarmt Nico Kamp (vorne links) seinen Bruder Rolf Kamp. Ganz links steht sein Sohn Stephen neben seiner weinenden Frau Helene.

Nach seiner bewegenden Rede umarmt Nico Kamp (vorne links) seinen Bruder Rolf Kamp. Ganz links steht sein Sohn Stephen neben seiner weinenden Frau Helene.

Das Bild ist 1987 beim Treffen ehemaliger jüdischer Bürger aus Krefeld entstanden. In der Mitte: Inge Meyer-Kamp und Otto Berets, links von Inge ihre beiden Söhne Rolf und Nico mit ihren Frauen, rechts außen Kurt Gymnicher.

Rolf (l.) und Nico (r.) Kamp als Kinder . . .

. . . und Rolf (l.) und Nico (r.) Kamp beim Besuch in Krefeld.

So berichtete die Westdeutsche Zeitung am 8. April 1987 über das erste Treffen von vertriebenen Krefeldern und Holocaust-Überlebenden in ihrer ehemaligen Heimatstadt.

Dirk Jochmann, Bild 1 von 5

Nach seiner bewegenden Rede umarmt Nico Kamp (vorne links) seinen Bruder Rolf Kamp. Ganz links steht sein Sohn Stephen neben seiner weinenden Frau Helene.

Krefeld. Nico Kamps Hände zittern leicht, als er die Seiten seiner Rede aus einer Ledermappe zieht. Mit den Papieren tritt er ans Rednerpult und schaut sich strahlend lächelnd im historischen Saal des Rathauses um. „Guten Tag, liebe Freunde. Verzeihen Sie mein Deutsch, ich war nie in der Schule hier“, sagt er mit einem holländischen Akzent. Für ihn, seinen Bruder Rolf Kamp und die ganze Familie wurde am Sonntag ein Empfang gegeben. Anlass ist die Veröffentlichung des Buchs „Die Geschichte der jüdischen Familie Kamp aus Krefeld“, geschrieben von der Krefelderin Karin Kammann.

Nico Kamp ist Krefelder. Die Geschichte, die er zu erzählen hat, ist grausam. Sie zeigt, wie aus Krefeldern Außenseiter und Verfolgte wurden. Er erzählt sie 30 Jahre, nachdem der damalige Oberbürgermeister Dieter Pützhofen Krefelder Familien in die Stadt eingeladen hat. 150 Menschen sind gekommen, gerechnet hatte die Stadt mit 40, alle waren Überlebende des Holocausts. Auch Nico Kamp war mit seinem Bruder Rolf und seiner Mutter Inge vor 30 Jahren dabei.

„Die Jugend soll entscheiden zwischen Gut und Böse. Das kann sie aber nur, wenn sie weiß, was war.“

Nico Kamp

Seine Mutter hat vor Schülern erzählt, was sie im 2. Weltkrieg erlebt hat. Das wird auch Nico Kamp heute in einer Schule tun. „Die Jugend soll entscheiden zwischen Gut und Böse. Das kann sie aber nur, wenn sie weiß, was war.“

Nico Kamp war fünf Jahre alt, als seine Eltern ihn in den Niederlanden verstecken mussten. Sie waren am 10. November 1938 dorthin geflohen, nachdem in der Nacht zuvor, der Reichsprogromnacht, die Synagoge in Brand gesteckt worden war. Sie hofften, wie viele andere auch, in den Niederlanden seien sie sicher. Als dem nicht so war, trennte sich die Familie, um sich besser verstecken zu können. Über die Dauer des Kriegs waren die Brüder in 13 Verstecken untergebracht, ohne eine Ahnung, wie es den Eltern und Großeltern geht.

Das Buch „Die Geschichte der jüdischen Familie Kamp aus Krefeld“, RVP Publisher, erscheint in einer Woche. Ab dem 26. Juni ist es in den Krefelder Buchhandlungen für etwa 20 Euro erhältlich. ISBN: 9789049072018.

Durch viele Zufälle, unter anderem nicht zündende Landminen direkt vor einem Versteck, überlebten die beiden Brüder. Ihre Eltern wurden verraten. Sie kamen ins Lager Westerbork und wurden im letzten Zug vor dem Kriegsende nach Auschwitz deportiert. In diesem Zug war auch Anne Frank mit ihrer Familie. Fritz Kamp, der Vater von Nico und Rolf, wurde aufgrund einer Verletzung direkt nach der Ankunft in einer Gaskammer ermordet. Inge Kamp wurde als arbeitsfähig eingeordnet und überlebte, allerdings unter unmenschlichen Bedingungen und auch nur, weil es zweimal jemand gut mit ihr meinte.

Karin Kammann hat das Buch geschrieben, in dem Nico, Rolf und Inge Kamp ihre Erlebnisberichte auf deutsch veröffentlichen. „Alles fing mit zwei Sätzen von Tante Gerta an“, sagt Kammann. „Der erste Satz hieß: Die haben uns damals viel geholfen. Der zweite Satz hieß: Was aus denen geworden ist, das weiß ich nicht.“ Mit „Die“ war die Familie Kamp gemeint, die Gertas Mutter, einer Witwe, sehr geholfen hat. „Der zweite Satz zeigt, dass das Schicksal vieler Juden, die aus Krefeld fliehen mussten, gar nicht bekannt war. Also machte ich mich auf die Suche nach den Gebrüdern Kamp aus Krefeld“, sagt Kammann.

Die Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück

Die Erfahrungsberichte sind ein Teil des Buchs, die Geschichte geht allerdings bis ins 18. Jahrhundert zurück. In eine Zeit, in der Krefeld toleranter war als viele andere Städte. In der eine Synagoge gleich neben der Mennonitenkirche gebaut werden konnte.

Krefeld wurde durch Einwanderung zur reichsten Stadt Deutschlands. Hier konnte jeder hinkommen, der aufgrund seiner Religion woanders unerwünscht war. Davon profitierte die Stadt. „Wer nachliest, wie sehr sie mittendrin und eingebunden ins Leben waren, der kann noch weniger begreifen, wie binnen so kurzer Zeit Tod und Verfolgung über sie kommen konnte“, sagt Oberbürgermeister Frank Meyer beim Empfang.

Kammann gelingt es, durch die Geschichte vor dem Krieg deutlich zu machen, wie friedlich das Zusammenleben vorher war. „Max Davids (. . .) hatte noch ein Jahr zuvor zusammen mit Prinz Preußen und anderen bedeutenden Unternehmern das Stiftungsfest des Hülser Gardevereins gefeiert. Wir sehen ihn noch stolz auf einem Bild neben dem Prinzen stehen. (. . .) Auf einmal durfte er nicht mehr dazu gehören, nur weil er jüdisch war.“ Gerade deshalb fiel es vielen jüdischen Bürgern schwer, zu verstehen, wie schnell Nachbarschaftlichkeit in Hass umschlagen kann. „Überall, doch nicht in Krefeld“, soll Adolf Kamp, Großvater von Nico und Rolf, noch bis zur Flucht gesagt haben.

Nico Kamp sieht es als seine Aufgabe an, als Zeitzeuge über die Erlebnisse zu sprechen. Seine Rede ist so bewegend, dass alle Besucher im Anschluss aufstehen und applaudieren. Seine Frau Helene und auch sein Sohn haben Tränen in den Augen. Zuvor zitiert Nico Kamp Dwight D. Eisenhower und macht damit deutlich, warum er seine Geschichte immer wieder erzählt. Eisenhower soll sinngemäß gesagt haben: Dokumentiert alles, macht Fotos und befragt die Zeugen, denn irgendwann wird es jemanden geben, der behauptet, das alles sei nie passiert.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer