Welt verkehrt: Schülerinnen biegen Metall oder fahren Bagger, Jungs lackieren Fingernägel und rollen Lockenwickler in Haare.

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Frances Pauelsen von der Robert-Jungk-Gesamtschule hat Spaß mit den kleinen Bagger, Seda Perugan und Songül Sari mit dem Gabelstapler.

Frances Pauelsen von der Robert-Jungk-Gesamtschule hat Spaß mit den kleinen Bagger, Seda Perugan und Songül Sari mit dem Gabelstapler.

A. Bischof

Frances Pauelsen von der Robert-Jungk-Gesamtschule hat Spaß mit den kleinen Bagger, Seda Perugan und Songül Sari mit dem Gabelstapler.

Krefeld. An der Werkbank geht es rund. Eine Gruppe weiblicher Teenager beobachtet, wie Melina (14) die Handbiegemaschine betätigt. Muskelkraft ist gefragt, um das Metall zum Handyhalter zu formen. Schlossermeister Heinrich Reintjes vom Bildungszentrum Niederrhein der Kreishandwerkerschaft feuert sie an: "Ein bisschen geht noch." Nach wenigen Minuten ist es geschafft. Das kleine Metallstück mit dem eigenen Namenszug ist fertig. "Mädchen an die Werkbank - Metall" war am Donnerstag  nur eine Aktion von vielen zum bundesweiten Girls’ Day in Krefeld.

Fast die Hälfte aller Mädchen, die einen Ausbildungsplatz suchen, drängen in zehn Berufe. Allen anderen voran wollen sie Friseurin werden, Verkäuferin oder Medizinische Fachangestellte. Sie zeigen sich bei der Berufswahl wenig flexibel. Der alljährlich stattfindende Girls’ Day will hier entgegen wirken und sie "MINT-mutig" machen. Die Abkürzung steht für die Berufe im mathematischen, informatischen, naturwissenschaftlichen und technischen Bereich. Hier tauchen nur wenig Mädels auf.

Die 15-jährige Ina von der Montessori-Gesamtschule findet die praktische Übung an der Werkbank gut. "Ich weiß noch nicht was ich werden will", sagt sie. "Es soll auf jeden Fall etwas kreatives sein." Ihre schmutzigen Hände stören sie nicht.

Elina will ihren Traum von der Hauptkommissarin verfolgen

Insgesamt vier Veranstaltungen organisiert die Agentur für Arbeit. Mit dem Bildungszentrum ist es "Mädchen an die Werkbank" Gemeinsam mit der Elektroinnung heißt es "Auch Mädchen sind auf Draht" und mit der Innung des Kraftfahrzeug-Gewerbes "Mädchen reparieren Autos."

Mittlerweile fühlen sich die Jungs benachteiligt. "Wir wollen auch frei haben, um uns auf dem Arbeitsmarkt umzusehen", sagen die Hauptschüler aus Willich und Kempen. Auch sie schnuppern in fremde Berufe, lackieren also keine Autos, sondern Fingernägel, drehen Lockenwickler und haben den Haarfön in der Hand.

zum Girls' Day: Am Evonik-Standort tauschten die Mädchen den Alltagsdress gegen Laborkittel oder Blaumann und arbeiteten einen Vormittag als Chemielaborantin oder Chemikantin. In den Bildungszentren des Bauhandwerks erlebten die Schülerinnen, wie interessant und spannend die Arbeit als Straßen- und Kanalbauer ist und starteten auf dem Gabelstapler-Parcours.

Die Jungs stellen sich ziemlich geschickt an und kommen teilweise aus dem Lachen nicht heraus. Ihr Lehrer, Wolfgang Hermanns, hält tapfer seine Fingernägel hin und Dirk Lazarus aus dem Friseurbereich des Bildungszentrums erklärt. "Es muss glatt sein, wie beim Autolack."

Riesenandrang herrscht auch beim Girls' Day im Polizeipräsidium. Zuerst lauschen die Schülerinnen den Ausführungen von Polizeihauptkommissar Rainer Behrens zu Aufklärungsquote, Verkehrsunfällen und Geschwindigkeitsmessungen. Danach werden Leitstelle und Kriminalkommissariat besucht.

"Man sieht die Polizisten zwar auf der Straße, bekommt aber nie einen genauen Einblick in ihre Arbeit. Es ist prima, jetzt hereinkommen zu dürfen und alles zu sehen", sagt die 15-jährige Marienschülerin Elina. "Ich möchte Kriminalkommissarin werden und verfolge meinen Traum weiter."

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