„Meine Odyssee“: Johannes Pechan, Ex-Schüler des Fabritianums, hat ein Buch über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg geschrieben.

„Meine Odyssee“: Johannes Pechan, Ex-Schüler des Fabritianums, hat ein Buch über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg geschrieben.
Hunger und Tod, daran kann sich Johannes Pechan noch gut erinnern. Das verarbeitet er alles in seinem Werk.

Hunger und Tod, daran kann sich Johannes Pechan noch gut erinnern. Das verarbeitet er alles in seinem Werk.

Dirk Jochmann

Hunger und Tod, daran kann sich Johannes Pechan noch gut erinnern. Das verarbeitet er alles in seinem Werk.

Johannes Pechan kann wunderbar erzählen. Der 87-Jährige weiß auch noch jede Begebenheit aus seinem langen Leben. Dazu gehören sicherlich die prägenden Kriegsjahre, als er in die Kinderlandverschickung und von Ort zu Ort entsandt wurde. Der Zeitzeuge hat auf Anregung seines Neffen Christian Wagener jetzt ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel: „Meine Odyssee“. Damit will er Freunde von damals und Klassenkameraden wiederfinden.

„Ich bin in dem kleinen rechtsrheinischen Dorf Serm geboren und lebe auch heute noch etwa zehn Schritte von meinem Elternhaus entfernt“, erzählt Pechan. Er wuchs als siebtes von 13 Kindern auf. „Da mein Großvater Schmiedemeister in Uerdingen war und wir auch zum Einkaufen mit der Fähre nach Krefeld fuhren, war der Weg dorthin, zum Gymnasium vorgezeichnet.“

Als 1935 die Uerdinger Rheinbrücke gebaut wurde, konnte der Junge 1941 zum Fabritianum radeln. „Damals hieß der Studiendirektor Emil Feinendegen. Die Schule selbst wurde in dieser Zeit – auf Anordnung der Nationalsozialisten – in Albert-Leo-Schlageter-Oberschule für Jungen umbenannt. Schlageter war NSDAP-Mitglied.“

Zuerst ging es in einen kleinen Luftkurort

Die Schulzeit dauerte nicht lange. Pechan: „Nach drei Jahren kam ich in die Kinderlandverschickung. Die Jugend sollte aus den Kriegsgefahren herausgehalten werden. Zuerst ging es mit dem Zug in den kleinen Luftkurort Heigenbrücken im Spessart. Da das ,Hotel Löwengrube‘ nicht genügend Platz für alle bot, ging es weiter nach Würzburg, in die Turnhalle des Klosters der ,Englischen Fräulein‘.“

Die Schönheiten der Stadt, die noch dieses mittelalterliche Gepräge hatten, haben den Dorfjungen sehr beeindruckt. „Mir wurden die Augen geöffnet für bauliche Schönheiten, die prägend waren für meine spätere Berufswahl als Architekt.“

Als Platz frei war, kamen die Jungen zurück nach Heigenbrücken. Dort verlebten sie zuerst eine ruhige Zeit mit geregeltem Unterricht. Schreckliche Kriegsgeschehen, wie der Abschuss eines amerikanischen Tiefliegers mit einer deutschen Vierlingsflak, mussten die Kinder aber auch dort erleben. „Die Jagdmaschine überschlug sich und stürzte neben den Bahngleisen in eine Waldwiese“, schreibt der Senior. „Wir Jungen rannten sofort dorthin. An Gefahren dachten wir nicht. Der Pilot, der gerade vor einigen Minuten ums Leben gekommen war, hing mit seinem Körper noch in der Maschine. Sein Kopf allerdings war vom Körper abgetrennt und nirgends zu sehen.“

Als die Bombenüberfälle der Alliierten immer heftiger wurden, durfte er mit dem Lagermannschaftsführer nach Bad Kissingen vorfahren, um eine Vorbesichtigung für eine neue Unterkunft durchzuführen. Zehn Tage Sommerferien verbrachten die Jungen von dort aus in einem Zeltlager, bis der Befehl kam, dass ihre Klasse im Fußmarsch nach Bayreuth abgeführt wurde. Dann ging es in die Rhön, wo Spaß angesagt war: „Wir lernten Skifahren, und ich verstauchte mir den rechten Fuß.“ Es ging zurück nach Bad Kissingen.

Anfang April 1945 wurde das Lager endgültig aufgelöst. Über Haßfurt am Main und Bamberg ging es zur großen Freude zur „Familienzusammenführung nach Erlangen“. Die Mutter war auch aus Serm geflüchtet. „Wir lebten in einer Baracke auf dem Werksgelände der Siemens-Schuckert-Werke, der ,Villa Muck‘, wie wir sie nannten.“

1945, zurück in Serm, war die Rheinbrücke gesprengt. Der Weg über den Rhein und in das Gymnasium konnte nur in einem kleinen Boot zurückgelegt werden, das erst fuhr, wenn es mit sechs Menschen voll besetzt war. „Oftmals kamen wir zu spät zum Unterricht“, sagt Pechan heute und lacht. „Die Lehrerin hat uns nicht geglaubt, dass wir nichts dafür konnten.“ Heute weiß der 87-Jährige: „Ich möchte diese Zeit nicht vermisst haben. Wir haben als junge Menschen, als Teenager, viel erlebt. Wir hatten Hunger, als es nur Weißkohl und Pellkartoffeln gab. Wir haben aber auch im Sommer auf der Wiese gesessen und gemeinsam gesungen oder auch Blödsinn gemacht.“

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