Sieben Krefelder diskutieren über den Begriff „Heimat“ in Zeiten der Globalisierung.

wza_1335x1500_634063.jpeg

Bild 1 von 2

Krefeld. Was bedeutet "Heimat" in Zeiten der Globalisierung? Mit dieser Frage setzen sich sieben Krefelder Bürger in der Sonntagsmatinée der Volkshochschule auseinander. Robert Claßen vom Verein für Heimatkunde kritisiert, dass Krefeld kein eigenes stadtgeschichtliches Museum besitzt. "Wenn wir unsere Geschichte besser verstehen, können wir die Zukunft besser gestalten."

In der gut besuchten Aula werden sehr unterschiedliche Positionen und Zugänge zum Begriff Heimat deutlich. Einig ist man sich, dass der Begriff nichts mit Tümelei zu tun habe, vielmehr mit der persönlichen Identität jedes Einzelnen.

Chemieprofessor Jürgen Schram fordert sogar das "Recht auf Heimat", das mit der Globalisierung und den kommerziellen Interessen unseres Wirtschaftssystems zunehmend in Frage gestellt werde. Schram: "Globalisierung braucht Heimat. Wenn ich etwas bewegen will, brauche ich einen festen Standpunkt. Den verschafft mir meine Heimat."

Keinen gepackten Koffer mehr hat Mehmet Demir unterm Bett. Der in Krefeld geborene Deutsche mit türkischen Wurzeln weist auf das Dilemma der zwei Generationen türkischer Gastarbeiter vor ihm hin. "Diese hatten mit Integration nicht viel im Sinn. Sie wollten ja zurück in ihre Heimat." Viele Gründe hätten die Heimkehr verhindert. Auch sein Opa sei heute noch hier. Er aber fühle und lebe als Krefelder.

"Der Westbezirk war damals ein Einwandererbezirk wie New York"

Die Grünen-Ratsfrau Heidi Matthias verbindet ihr Heimatgefühl für Krefeld mit ihrem letztlich gescheiterten Aussteigerprojekt im Süden. "Damals kommunizierte man noch mit Briefen. Und immer, wenn der Briefträger kam, hatte ich Sehnsucht nach zu Hause." Im Süden sei sie auch als Ausländerin gemobbt worden. Nach ihrer Rückkehr habe sie sich entschlossen, aktiv etwas für ihr altes und neues Zuhause zu tun. "Wir müssen um unsere Heimat kämpfen, um unsere Identität zu erhalten."

Ideologisch sei sie heimatlos, meint Ingrid Schupetta von der NS-Dokumentationsstelle. Das erleichtere ihre Arbeit. Heimat sieht sie als zeitlich begrenzt an und als Ort der Erinnerung. Ausgeprägt habe sie das Heimatgefühl ausgerechnet bei überlebenden Opfern des Naziregimes erlebt, die heute beispielsweise in Chile leben.

Heiter und nachdenklich auch die Anmerkungen des in Köln geborenen und 1949 nach Krefeld verzogenen ("ein Kulturschock") Heimatkundlers Oskar Burghardt. Wie Demir sieht sich auch Landvermesser Georg Opdenberg als Zuwanderer in der dritten Generation. Allerdings kam sein Opa nicht aus Anatolien, sondern aus Kaldenkirchen. "Der Westbezirk war damals ein Einwandererbezirk wie New York", sagt der Mann von der Dionysiusstraße lächelnd.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer