Es gibt nur zwei Integrationsbetriebe in Krefeld. Warum so wenige? Wie wird man das? Und wer hilft dabei?

Es gibt nur zwei Integrationsbetriebe in Krefeld. Warum so wenige? Wie wird man das? Und wer hilft dabei?
Ein starkes Team (v.l.): Friedrich Sobczynski, Swen Boom, Volker Reinshagen, André Seligmann und Andreas Knoblich.

Ein starkes Team (v.l.): Friedrich Sobczynski, Swen Boom, Volker Reinshagen, André Seligmann und Andreas Knoblich.

Dirk Jochmann

Ein starkes Team (v.l.): Friedrich Sobczynski, Swen Boom, Volker Reinshagen, André Seligmann und Andreas Knoblich.

Krefeld. Im Rheinland lebt nach Zahlen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) knapp eine Million Menschen mit Schwerbehinderung, davon rund 40 Prozent im erwerbsfähigen Alter. In Krefeld wohnen knapp 9000 Schwerbehinderte. Im Rheinland beschäftigen 100 Integrationsunternehmen 2400 Menschen, davon 1300 mit Behinderung. In Krefeld gibt es gerade einmal zwei zertifizierte Integrationsbetriebe – ebenso wenige wie in Düsseldorf.

„Ein leuchtendes Beispiel in der Integrationslandschaft ist Mönchengladbach“, sagt Rainer Matzkus, geschäftsführender Gesellschafter des Tiefbauunternehmens Gebr. Kickartz. Sein Unternehmen ist einer der Krefelder Integrationsbetriebe, während es in Mönchengladbach laut LVR sieben mit wesentlich mehr Mitarbeitern gibt.

„Nicht alle Betriebe und Organisationen, die Behinderte beschäftigen, lassen ihre Betriebe auch zertifizieren“, weiß der Unternehmer. Die Anforderungen dafür seien extrem hoch, allein das zu erstellende betriebswirtschaftliche Gutachten sehr aufwändig. Sogar einen Umsatznachweis habe man führen müssen. Der Prozess bis zur Anerkennung 2013 von Kickartz habe eineinhalb Jahre gedauert. Das schrecke ab und überfordere speziell kleinere Betriebe, zum Beispiel aus dem Handwerk, meint Matzkus.

Mit großer Begeisterung bei der Sache

In dem Krefelder Tiefbauunternehmen arbeiten 160 Mitarbeiter. Als Integrationsbetrieb anerkannt ist der Bereich des Garten- und Landschaftsbaus. Der umfasst sieben Mitarbeiter, davon sind fünf schwerbehindert. „Außer diesen fünf sind weitere 16 Behinderte in anderen Betriebsbereichen tätig“, sagt Personalleiter Roland Rokoch. „Mit der Leistung sind wir sehr zufrieden. Alle sind mit Begeisterung bei der Arbeit, und mitunter müssen wir sie in ihrem Übereifer stoppen, damit sie auch ihre Pausen einhalten.“ Bei ihren nicht behinderten Kollegen seien sie voll anerkannt. Die Zusammenarbeit sei Alltag.

Alle lieben die Arbeit im Freien – ein Bürojob wäre ein Gräuel

Die Gartenbauhelfer Swen Boom, André Seligmann und Friedrich Sobczynski sprechen selbstbewusst über ihre Arbeit, die ihnen sichtlich Spaß macht. Alle drei lieben die Arbeit im Freien, ein Bürojob wäre ihnen ein Gräuel.

INTEGRATIONSBETRIEB Voraussetzung ist, dass der Anteil schwerbehinderter Mitarbeiter zwischen 25 und 50 Prozent liegt. Zur Zielgruppe gehören Menschen, deren Eingliederung in den Arbeitsmarkt schwierig ist, sei es aufgrund von Art und Schwere ihrer Behinderung oder wegen Alter, Langzeitarbeitslosigkeit oder mangelnder Qualifizierung.

LANDSCHAFTSVERBAND Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) wird 2017 an seine 37 rheinischen Fachstellen mehr als 13 Millionen Euro für behinderte Menschen im Arbeitsleben überweisen. Aus diesem Budget entfallen auf Krefeld 310 000 Euro. Gefördert wird die behindertengerechte Gestaltung der Arbeitsplätze. Die Mittel stammen aus der Ausgleichsabgabe, die Arbeitgeber an die Integrationsämter zahlen, wenn sie weniger als die vorgeschriebene Zahl an Schwerbehinderten beschäftigen. Das Geld dient zur Schaffung neuer Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie zu deren behindertengerechter Gestaltung.

AGENTUR Die Agentur für Arbeit hilft bei der Vermittlung von Menschen mit Behinderung und Unternehmen, wenn der Arbeitsplatz behindertengerecht ausgestattet oder der Weg im Betrieb barrierefrei gestaltet werden muss.

BERATUNG Folgende Organisationen beraten bei der Förderung und Gründung von Integrationsfirmen: die Integrationsämter (www.integrationsaemter.de), die Bundesgemeinschaft der Integrationsfirmen (www.bag-if.de) und die Fachberatung für Arbeits- und Firmenprojekte (www.faw-gmbh.de).

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung“, ist das Motto von Seligmann. Er hat eine Ausbildung zum Gartenbauwerker abgeschlossen und liebt jegliche Art maschineller Arbeit, egal ob Rasenmähen, Heckenschneiden oder Baumfällen. Auch Pflastern gehört zu seinen Lieblingsarbeiten.

Boom macht derzeit seinen Führerschein und ist stolz darauf, bald das Firmenfahrzeug steuern zu dürfen. „Man lernt in einem Unternehmen mehr als in einer Behindertenwerkstatt. Die Arbeit ist real, kundennah, und man verdient mehr Geld“, sagt Boom. Diese Erfahrung teilt er mit Sobczynski, der eine Ausbildung zum Metallbearbeiter hat.

Die Gartenbauhelfer rücken gerade aus, um einen Innenhof umzugestalten. Dabei werden sie unterstützt und angeleitet von Gartenbaumeister Andreas Knoblich und Vorarbeiter Volker Reinshagen. „Wir verstehen uns als Team“, sagt Knoblich, und alle nicken. „Wir behandeln alle Mitarbeiter gleich“, betont Rokoch. Es gibt tariflichen Stundenlohn und regelmäßige fachliche sowie sicherheitstechnische Schulungen.

Die Firma erhält Fördergelder in kleinerem Umfang

„Angefangen hat die Arbeit mit Behinderten durch eine Schulpartnerschaft mit der Bodelschwingh-Schule“, berichtet Firmenchef Rainer Matzkus. Die Förderschule schickt immer wieder Praktikanten, die in die Unternehmensarbeit eingebunden werden. „Die guten Erfahrungen mit den Behinderten haben uns veranlasst, den Garten- und Landschaftsbau als Integrationsbetrieb anzumelden. Gründungshilfe haben wir dabei keine bekommen“, sagt Rainer Matzkus.

Allerdings erhalte das Unternehmen in kleinerem Umfang Fördergelder. Dies sei ein Ausgleich für das eingeschränkte Arbeitsspektrum der Betroffenen und die verstärkte Betreuung. Im Schnitt komme auf zwei Behinderte ein Betreuer.

Personalleiter Rokoch setzt das soziale Engagement des Unternehmens gerne um: „Mir hat das von Anfang an Spaß gemacht. Ich finde die Idee toll“, sagt er, was man ihm am lockeren freundschaftlichen Umgang mit seinen Schutzbefohlenen anmerkt.

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