Lukas leidet unter Autismus. Trotz hoher Intelligenz fühlt er sich auf der Förderschule wohl.

Asperger
Schwester Claire und Mutter Stefanie mit Lukas Zander (v.l.).

Schwester Claire und Mutter Stefanie mit Lukas Zander (v.l.).

Andreas Bischof

Schwester Claire und Mutter Stefanie mit Lukas Zander (v.l.).

Krefeld. Lukas ist ein Zwölfjähriger, wie er im Buche steht: Er trägt ein T-Shirt der Hardrock-Haudegen von AC/DC und Chucks, interessiert sich für das Weltall und Geschichte. Er hält sich eine Gruppe von Weinbergschnecken, plappert viel und ärgert ab und zu seine kleine Schwester Claire, sieben Jahre alt. Aber er hilft ihr auch gerne bei den Mathe-Hausaufgaben, wenn sie ihn darum bittet.

Doch auf den zweiten Blick fällt auf: Lukas hat eine Sprachmelodie, die sehr ungewöhnlich ist. Er redet schnell, verschluckt manche Wörter und schaut seinem Gegenüber nicht in die Augen. Doch was er sagt, hat es in sich: „Ich habe letztens verstanden, was Gravitation ist und wie sie funktioniert.“ Oder: „Als ich vier Jahre alt war, wusste ich bereits, wie eine römische Legion aussieht.“ Er ist ein totaler Kopfmensch und hat erkannt: „Der Mensch ist eine Lebensform, die nicht immer nach den Gesetzen der Logik handelt.“

Der Krefelder Lukas Zander hat das Asperger-Syndrom, das häufig als „milde Form des Autismus’“ bezeichnet wird. Die Betroffenen wirken meist schüchtern und introvertiert, vielleicht sogar leicht sonderbar. Doch ihre Behinderung sieht man ihnen nicht an. „Das Asperger-Syndrom wird häufig nicht erkannt, weil Kindergärtner, Lehrer und Kinderärzte nicht genug aufgeklärt sind“, sagt Stefanie Zander, Lukas’ Mutter. „Viele betroffene Kinder landen deshalb auf Regelschulen – mit verheerenden persönlichen Konsequenzen.“

Die Diagnose war für die Mutter wie eine Erlösung

Es ist nämlich Teil des Krankheitsbildes, dass Asperger-Autisten stark auf sich bezogen sind und nur sehr schwer soziale Bindungen aufbauen können. Sie sind – wie Dustin Hoffman als Charlie Babbitt im Film „Rain Man“ – extrem auf feste Regeln fixiert und können es nur schlecht ertragen, wenn Rituale geändert werden. Gleichzeitig sind die meisten Asperger-Patienten hochbegabt, einige wenige sogar inselbegabt. Letztere werden Savants genannt und haben auf einem Gebiet ganz besondere Spezialkenntnisse und -fähigkeiten.

„Das merkwürdige soziale Verhalten der betroffenen Kinder wird allerdings häufig als bockig und unerzogen interpretiert, wenn die Krankheit unerkannt bleibt“, sagt Stefanie Zander. „Sie werden deswegen ausgegrenzt oder gar gemobbt.“ Auch der schulische Erfolg stelle sich nur selten ein, weil mündliche Mitarbeit den Asperger-Autisten so schwer falle.

Hans Asperger beschrieb 1944 Kinder, die zwar intellektuell nicht beeinträchtigt waren und gut sprechen konnten, aber deren soziales Verhalten merkwürdig war. Er nannte sie „autistische Psychopathen“, heute wird das Krankheitsbild als Asperger-Syndrom bezeichnet

Am Samstag, 2. April, ist Welt-Autismus-Tag, im Jahr 2008 eingeführt von der UNO. Autismus ist nicht heilbar und wird vermutlich vererbt.
 

Die Asperger-Selbsthilfegruppe in Krefeld richtet sich an alle Angehörigen von Menschen mit Asperger-Syndrom, Erzieher, Lehrer, Therapeuten sowie Ärzte. Sie trifft sich alle zwei Monate, jeweils am ersten Freitag um 19 Uhr im Begegnungszentrum Wiedenhof, Mühlenstraße 42. Die nächsten beiden Treffen sind heute und am 3. Juni. Als Ansprechpartner stehen Familie Knecht (Telefon 51 12 69), Familie Roy (Telefon 80 40 96) und Familie Zander (Telefon 45 33 841) zur Verfügung.
 

Auch Lukas hat einen Intelligenzquotienten von ungefähr 130. Da der Durchschnittswert bei 100 liegt, gilt er als hochbegabt. Trotzdem besucht er die fünfte Klasse der LVR-Förderschule für Hören und Kommunikation in Hüls. „Da ist er natürlich vom Stoff her total unterfordert. Er hat ja ein enormes Wissen, lernt sehr gerne und schnell“, erklärt Zander. „Aber die kleinen Klassen und das ruhige Umfeld tun ihm gut. Dort kann er so sein, wie er ist. Er muss niemandem etwas erklären.“

Stefanie Zander erinnert sich noch genau, wie verzweifelt sie war, als sie entdeckte, dass ihr Sohn anders ist: „Die Trotzphase fiel bei Lukas extrem aus. Er konnte seine Wünsche verbal nicht äußern, hat sich deshalb erbrochen oder gar mit dem Kopf gegen die Fliesen geschlagen, um seinen Willen zu bekommen“, berichtet sie. „Zum Fingernägelschneiden mussten wir ihn mit zwei Mann festhalten.“

Der erste Kinderarzt nahm Zanders Sorgen nicht ernst. „Das wächst sich raus“, bekam sie zu hören. Erst eine Erzieherin im Kindergarten half der Familie. „Die Diagnose war für mich wie eine Erlösung“, sagt Zander. „Seitdem verstehe ich mein Kind und seine Bedürfnisse endlich.“

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer