Einrichtungen setzen auf Gespräche mit Sozialpädagogen und Aufklärung. Laut Pisa-Studie ist jeder sechste Schüler Opfer körperlicher und seelischer Gewalt durch Mitschüler.

Krefeld. Wenn am Montag die Schule nach den Ferien startet, werden wohl einige Schüler morgens wieder mit Bauchschmerzen aufstehen. Vor Angst. Nach einer jetzt veröffentlichten Pisa-Studie der OECD ist jeder sechste 15-jährige Schüler bundesweit regelmäßig Opfer von Mobbing – eine besorgniserregende Zahl, die auf ein Problem hinweist, das auch in Krefeld zum Schulalltag gehört. Und: „Alle Schulformen sind betroffen“, sagt Paula Schindler. Die Sozialpädagogin bietet nicht nur offene Beratungsstunden für betroffene Schüler, für Lehrer und Eltern beim Kinderschutzbund an. Sie ist auch dort vor Ort, wo gemeine Sticheleien, fiese Streiche und Ausgrenzung ernst werden: in der Schulsozialarbeit an der Marienschule. „Mobbing“, sagt Schindler, „ist überall da ein Thema, wo Menschen aufeinandertreffen und wo sich Gruppen bilden.“

„Beleidigungen im Netz sind der einfachste Weg, auch ohne direkten Kontakt jemanden persönlich zu verletzen.“

Paula Schindler, Schulsozialpädagogin

Da ist der Junge, der am Nachmittag lieber Klavier als Fußball spielt, der viel bessere oder schlechtere Noten als der Großteil seiner Klassenkameraden mit nach Hause bringt. „Dieser Schüler hat dann schnell eine Außenseiterrolle“, so die Erfahrung der Sozialpädagogin. Dann ist da das Mädchen mit der Brille und ein paar Kilos mehr auf den Hüften als der Rest ihrer Mitschüler. Ein Klischee? Von wegen: „Das Aussehen spielt bei Mobbing eine große Rolle“, weiß Schindler. Schüler, deren Eltern sich keine Turnschuhe oder Jeans von Markenherstellern für ihre Kinder leisten können, ziehen den Spott der Klassenkameraden auf sich, fühlen sich schnell ausgegrenzt. Auch das ist traurige Realität. Ob sie tatsächlich in der Opferrolle sind, oder sich selbst hinein gedrängt fühlten, sei oft schwer zu bewerten, erklärt die Sozialpädagogin: „Manchmal ist es nur dieses Gefühl: ,Ich bin anders, werde von den anderen ausgeschlossen, dabei will ich doch dazu gehören’, ohne dass es bewusste Mobbing-Handlungen durch Mitschüler gibt.“

Über Soziale Netzwerke verbreiten sich Gemeinheiten wie Lauffeuer

Nicht immer bleibt es bei einem unguten Gefühl. Mobbing in den Sozialen Netzwerken im Internet habe sich auch an Krefelds Schulen längst wie eine gefährliche Epidemie verbreitet, die zudem nur schwer in den Griff zu bekommen sei, betont die Expertin. Da werden verfremdete Fotos mit hässlichen Sprüchen in Whatsapp-Gruppen oder bei Facebook verschickt. „Mobbing im Netz ist der einfachste Weg, auch ohne direkten Kontakt jemanden persönlich zu verletzen.“

Gemeinheiten, denen betroffene Schüler auch am Nachmittag nach der Schule nicht entkommen können und die sie am nächsten Tag in der Klasse wieder mit voller Wucht einholen. „Lehrer sind da sehr aufmerksam und haben ein gutes Auge dafür, was in ihren Klassen los ist“, so die Erfahrung der Schulsozialpädagogin – aber: „All das, was im Internet außerhalb der Schule passiert, ist schwer für sie aufzufangen.“ Gerade bei riesigen Klassengrößen, die in vielen Schulen zur Realität gehören.

Auch für Michael Schütz, Schulleiter der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule (KTG), ist das so genannte Cyber-Mobbing längst kein Fremdwort mehr. „Auch deshalb finde ich es gut, dass Schüler bei uns im Schulgebäude keine Handys mehr benutzen dürfen.“ Mobbing fange für ihn da an, „wo ein Schüler offensichtlich unter Ausgrenzung leidet“, mahnt er zur Vorsicht bei Verwendung des Begriffs. Er betont aber auch: „Ernstzunehmende Fälle gibt es wohl an jeder Schule.“Auch wenn Mobbing an der KTG mit 1260 Schülern „vielleicht ein, zwei Mal im Jahr“ und damit relativ selten vorkomme – „es gibt sicher eine Dunkelziffer“.

Hier setzt in der fünften Klasse das Konzept des „Sozialen Lernens“ an, mit dessen Hilfe ein Gemeinschaftsgefühl in den Klassen etabliert, Ausgrenzung bereits im Keim erstickt werden soll. In den weiterführenden Klassen gibt es Projekte zur Förderung des Teamgeistes und Anti-Mobbing-Theater. Schulsozialarbeiter und Vertrauenslehrer sind nicht nur an der KTG, auch an vielen anderen Schulen wie dem Gymnasium am Stadtpark wichtige Ansprechpartner. „Ich würde nie behaupten, dass es bei uns kein Mobbing gibt“, betont Schulleiterin Anja Rinnen, aber: „An unserer Schule gibt es Klassenlehrerteams, die ein waches Auge haben, genau hinschauen: verändert sich ein Schüler, zieht sich jemand zurück? Schulsozialarbeiter bearbeiten aufkeimende Konflikte sofort.“ An erster Stelle stehe, den Schülern zu vermitteln: „Ihr seid nicht allein, wir helfen euch, das Problem zu lösen.“

Auch Sozialpädagogin Paula Schindler predigt, nicht zu schweigen, Kleinigkeiten nicht zu verharmlosen. „Schüler, die mit Bauchschmerzen zur Schule kommen, gibt es, auch in Krefeld. Mobbing muss Thema bleiben, auch unabhängig von der Pisa-Studie.“

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