In vielen Familien arbeiten heute beide Eltern. Der Alltag wird für sie zur logistischen Mammutaufgabe. Und oft bleiben sie selbst auf der Strecke, warnen Experten.

Gero Hefeker und Isabell Herrmann mit ihren Kindern Max und Leo vor ihrem Haus in Unterbach.
Gero Hefeker und Isabell Herrmann mit ihren Kindern Max und Leo vor ihrem Haus in Unterbach.

Gero Hefeker und Isabell Herrmann mit ihren Kindern Max und Leo vor ihrem Haus in Unterbach.

SergeJ Lepke

Gero Hefeker und Isabell Herrmann mit ihren Kindern Max und Leo vor ihrem Haus in Unterbach.

Düsseldorf. Das rote Backsteinhaus in Unterbach liegt ziemlich direkt am Waldrand. Im Garten blüht es pink, die Terrassentür steht immer offen. So können Leo (3) und Max (fast 9) nach draußen, wann sie mögen. Es ist ein hübsches Zuhause. Vor allem aber ist es die Logistikzentrale von Isa Herrmanns und Gero Hefekers kleinem Familienunternehmen. An dem großen Esstisch gleich vor der Terrassentür entsteht ihre Finanzverwaltung, Einkaufsplanung, vor allem aber die Organisation und ständige Optimierung von Transportwegen. Beide Eltern sind berufstätig. „Das Tempo ist mörderisch“, sagt Vater Gero (40).

Zahlen, wie viele Familien mit zwei arbeitenden Eltern in Düsseldorf leben, gibt es nicht. Fest steht: Es sind viele. Das Modell „Mehr als ein Kind, mehr als ein Einkommen“ macht längst Schule. Aber: „Es ist eine unglaubliche logistische Herausforderung für die Eltern – gerade wenn sie ihren Kindern alles ermöglichen wollen“, sagt die Leiterin eines Düsseldorfer Familienzentrums. „Alle wollen Super-Eltern sein. Aber die Gefahr ist groß, dabei selbst auf der Strecke zu bleiben.“

„Das Tempo ist mörderisch.“

Gero Hefeker, Vater, über die Organisation des Familienlebens

Diese Erfahrung haben Gero und Isa früh gemacht. Vier Jahre lang lebten sie mit Sohn Max in Unterbilk auf gut 60 Quadratmetern mit zwei Zimmern. Kaum Rückzugsmöglichkeiten. „Irgendwann hieß es: umziehen oder trennen“, sagt Isa. Also ging es nach Unterbach, ins Eigentum. Und wenig später kam Leo. Hatte sie bei Max noch ein volles Jahr Elternzeit, blieb die Mutter jetzt nur fünf Monate zu Hause, ihr Mann übernahm vier weitere Monate. „Ich wollte zurück in meinen Job – ich hatte gerade eine Position als Laborleitung bekommen“, berichtet die 41-jährige Biologin. Leo kam mit einem halben Jahr zur Tagesmutter, mit einem Jahr dann in die Kita.

Der Tagesablauf ist eine logistische Meisterleistung

Inzwischen ist der Tag streng durchgetaktet. Um 5 Uhr steht Gero auf, duscht. „Dann kriegt Isa einen Kaffee ans Bett. Wenn sie aufsteht, bin ich schon weg.“ Er ist Patientenmanager in der Uni-Klinik – und hat keinen Führerschein, er fährt Bus. Isa bringt die Jungs zur Schule und Kita, dann fährt sie weiter zur Arbeit – eine 80-Prozent-Stelle hat sie bei einem Biotech-Unternehmen, was wie üblich bedeutet, dass sie 100 Prozent Arbeit in 80 Prozent der Zeit packt.

Das Abholen der Kinder läuft rotierend. Mittwoch etwa geht Isa mit Leo zum Kinderturnen – wo sie auch mal ihre Freundinnen sieht. Dann muss der Papa Max von der Schule abholen. Den frischen Einkauf auf dem Markt erledigt Isa donnerstags zwischen Kita und Arbeit, der restliche Großeinkauf erfolgt samstags vor Max’ Tennisstunde gemeinsam. Sonntags hat der Achtjährige jetzt auch noch Inline-Hockey in Niederheid – wieder eine Aufgabe für die motorisierte Mutter. Und alles wird ohnehin auf den Kopf gestellt, wenn unter der Woche ein Kind krank ist. Dann bleibt Isa vormittags zu Hause, setzt den kranken Sohn mittags bei Gero an der Klinik ab und fährt weiter zur Arbeit, wo sie dann abends Zeit dranhängen muss. Großeltern hat das Paar nicht in der Nähe. „Das ist dann wirklich eine logistische Meisterleistung“, sagt Gero Hefeker.

Familienberatung: Die meisten Eltern machen viel zu viel

Aber sie auch als solche zu benennen, fällt vielen Eltern schwer, hat die Familienzentrumsleiterin festgestellt. „Ich höre von vielen, wenn ich sie anspreche: Wir müssen das doch schaffen – es schaffen ja auch andere.“ Diesen immensen Druck beobachtet auch Christel Börgartz-Bimberg von der Familienberatungsstelle der Diakonie in Flingern immer wieder. Mütter, die beruflich nicht abgehängt werden wollen; Väter, die trotz Ernährerrolle Zeit für die Kinder freischaufeln wollen. „Bei den meisten Familien, die zu uns kommen, arbeiten beide“, berichtet sie. Und die meisten versuchten dennoch, ihren Kindern alle Hobbys, jede Förderung zu ermöglichen. „Sie machen viel zu viel.“ Und sähen sich irgendwann gegenseitig nur noch als Eltern, als Kollegen im Unternehmen Familie – nicht mehr als Partner. Eine „dicke Paarkrise“ könne die Folge sein. In der Beratung versuche sie mit den Eltern, Einsparpotenziale zu finden. Druck herauszunehmen.

Mal wieder etwa Anderes sein als Eltern. Das versuchen auch Gero Hefeker und Isa Herrmann. Einen Sportabend hat sich die Mutter für den Donnerstag erkämpft. Einmal in der Woche will sie noch joggen gehen – in den letzten drei Monaten allerdings hat das nicht ein einziges Mal geklappt. Gero will mehr Radfahren. Und freitags ist gemeinsamer Pizza-Abend mit den Kindern. Ein Glas Wein für die Eltern. Endlich mal zusammen entspannen. Heute Abend allerdings muss Isa noch schnell in die Bücherei fahren, während Gero den Teig knetet – sie hat eine Mahnung bekommen, weil sie ausgeliehene Bücher nicht zurückgegeben hat. Auch die beste Logistik hat manchmal eben noch Lücken.

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