Was ist dran am Titel „Langsamste Stadt Deutschlands“? Dezernent Keller zieht Aussagen der Studie in Zweifel.

Biologie-Student Tim Spannbrucker (26) jobbt als Fahrrad-Kurier, er kennt die neuralgischen Punkte, etwa die Berliner Allee zur Rushhour: „Die meide ich, da ist es immer zu voll.“
Biologie-Student Tim Spannbrucker (26) jobbt als Fahrrad-Kurier, er kennt die neuralgischen Punkte, etwa die Berliner Allee zur Rushhour: „Die meide ich, da ist es immer zu voll.“

Biologie-Student Tim Spannbrucker (26) jobbt als Fahrrad-Kurier, er kennt die neuralgischen Punkte, etwa die Berliner Allee zur Rushhour: „Die meide ich, da ist es immer zu voll.“

Kaufmann Branko Peters (32) fährt jeden Tag mit der Bahn von Oberkassel in die Innenstadt. Er meint: „Besonders langsam finde ich den Verkehr hier nicht.“

„Wir haben hier wirklich Schwierigkeiten. Es gibt keine Ecke, an der nicht gebuddelt wird“, sagt Rakulic Bratislav. Der 64-Jährige ist seit 36 Jahren als Taxifahrer in Düsseldorf unterwegs.

Nanninga, Bernd (bn), Bild 1 von 3

Biologie-Student Tim Spannbrucker (26) jobbt als Fahrrad-Kurier, er kennt die neuralgischen Punkte, etwa die Berliner Allee zur Rushhour: „Die meide ich, da ist es immer zu voll.“

Düsseldorf. Opposition und Umweltverbände sehen sich bestätigt: Seit Jahren kritisieren sie die Verkehrspolitik der Stadt, jetzt haben sie es schwarz auf weiß. Wie berichtet, landet Düsseldorf bei einer Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little zur Mobilität in 15 Städten auf dem letzten Platz. Sie bringt uns den unrühmlichen Titel „Langsamste Stadt in Deutschland“ ein und war Teil einer internationalen Untersuchung.

Unternehmensberatung meint: „Mobilität ist ein Standortfaktor“

Einen relativ schlechten Wert erreicht die Stadt etwa in der Kategorie Mobilitätsstrategie. Wilhelm Lerner, Direktor für den Bereich Strategie bei Arthur D. Little, erklärt: „Es geht unter anderem um diese Fragen: Ist nachhaltiger Verkehr ein Thema für die Städte? Beschränken sie mit Restriktionen den Individualverkehr? Und treffen sie strategische Aussagen zum Modal Split?“ Damit ist der Anteil von Rad und ÖPNV am Verkehrsaufkommen gemeint.

Generell sei das Zurückdrängen des massenhaften Individualverkehrs eine Zukunftsaufgabe. Städte dürften nicht im Stau ersticken. Das sei auch eine Frage der Wirtschaftsförderung: „Für viele Investoren ist Mobilität ein wichtiger Standortfaktor.“

Dieses Credo teilt auch Verkehrsdezernent Stephan Keller. Ja, der Umweltverbund (Bus und Bahn, Radfahrer und Fußgänger) müsse gestärkt werden, um Autoverkehr zu begrenzen, aber: „Ich sehe keinen Grund, weshalb wir den Individualverkehr behindern sollten. Das mag in London oder Hongkong nötig sein, aber hier doch nicht.“ Das Ergebnis der Studie sei im Ganzen zweifelhaft: „Am meisten stört mich die fehlende Transparenz. Woher kommen die Infos über unsere Mobilitätsstrategie? Mit uns hat niemand gesprochen.“

Dezernent: „Im Großen und Ganzen kommt man gut durch“

Zudem fuße die Studie teils auf älteren Daten. „Was wir in letzter Zeit angestoßen haben, wird gar nicht berücksichtigt.“ Beispiel Car-Sharing: In diesen Tagen werde der Vertrag mit „car2go“ unterzeichnet. Das Unternehmen starte Anfang 2012 mit einem neuen Car-Sharing-Angebot: Angemeldete Teilnehmer können Fahrzeuge der Flotte dann überall in der City ausleihen und wieder abstellen.

Keller verweist zudem auf die Ausbaupläne für den ÖPNV (z.B. U 81), den Radverkehr („werden wir weiter vorantreiben“) – und ein von der Studie gefordertes Kombiticket sei auch in Vorbereitung: „Wir prüfen gerade ein Kombi-Angebot für ÖPNV, Car-Sharing und Miet-Räder.“ Insgesamt sei die Stadt gut aufgestellt: „Im Großen und Ganzen kommt man gut durch den Verkehr.“

Von „stressfrei“ bis „zu voll“: Wie Einwohner den Verkehr erleben

In der Tat ist manch eine Aussage der Studie zweifelhaft, etwa über die Zufriedenheit mit dem Nahverkehr. So bleibt unverständlich, wieso Düsseldorf mit einem objektiv besseren Angebot als etwa Duisburg nur „befriedigend“ erhält, die Nachbarstadt aber mit „hoch“ eingestuft wird.

Und wie erleben die Düsseldorfer den Verkehr in ihrer Stadt? Bei einer Spontanumfrage gestern gingen die Meinungen auseinander. „Wir haben hier wirklich Schwierigkeiten. Es gibt keine Ecke, an der nicht gebuddelt wird“, sagt etwa Rakulic Bratislav (64), der bereits seit 36 Jahren in Düsseldorf Taxi fährt. „Vor allem für die Fahrgäste wäre eine Taxispur wichtig, viele sind unter Zeitdruck, wenn sie zum Flughafen wollen.“

Kaufmann Branko Peters (32) ist hauptsächlich mit der Straßenbahn unterwegs und sieht die Situation gelassen. „Ich habe keine Probleme mit dem Warten, ich bin da stressfrei.“ Er meint: „Besonders langsam finde ich den Verkehr hier nicht.“

Das geht Biologie-Student Tim Spannbrucker (26) anders. Er jobbt als Fahrrad-Kurier und bemängelt die vielen Baustellen und die Radfahrwege, die „oftmals als Parkmöglichkeiten gesehen werden“. Seit zwei Jahren ist er regelmäßig mit dem Rad unterwegs, kennt die neuralgischen Punkte. „Zur Rushhour meide ich etwa die Berliner Allee, da ist es immer zu voll.“

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