Kriminalität: Acht Männer sollen ihr Opfer aus Mordlust fast totgeprügelt haben. Was geht nur in solchen Tätern vor?

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Staatsanwalt Johannes Mocken fordert harte Strafen gegen Gewalttäter, die noch auf wehrlose Opfer eintreten. (Archiv

Staatsanwalt Johannes Mocken fordert harte Strafen gegen Gewalttäter, die noch auf wehrlose Opfer eintreten. (Archiv

Dieter Knopp

Staatsanwalt Johannes Mocken fordert harte Strafen gegen Gewalttäter, die noch auf wehrlose Opfer eintreten. (Archiv

Düsseldorf. Acht junge Männer, die sich an einem fröhlichen Abend in einer Disko vornehmen: Wir wollen jemanden sterben sehen. Die willkürlich ein Opfer aussuchen und es durch Tritte so zurichten, dass es mit mehreren Schädelbrüchen notoperiert werden muss. Die WZ berichtete am Mittwoch über die unfassbaren Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen acht 19 bis 29 Jahre alte Düsseldorfer. Am Tag, nachdem der Fall an die Öffentlichkeit gedrungen ist, bleibt für Behörden und Experten die hilflose Frage: Warum?

Staatsanwalt Johannes Mocken kann sich nicht erinnern, dass es in Düsseldorf schon einmal einen ähnlichen Fall gegeben hat. Dass junge Menschen aus reiner Mordlust töten wollen. "Zum Glück ist das sehr ungewöhnlich. Aber dass es generell immer brutaler zugeht, die Hemmschwelle, auch am Boden Liegende noch gegen den Kopf zu treten, sinkt, ist durchaus zu beklagen." Der gesteigerten Härte setzt auch die Staatsanwaltschaft Härte entgegen. "Bei Tritten gegen den Kopf sind die Staatsanwälte angehalten, immer eine Haftstrafe zu fordern - auch bei Ersttätern", erklärt Mocken. Die Gewalttäter bräuchten spürbare Sanktionen.

Und in der Regel handelt es sich bei den Tätern, die eine solche Brutalität an den Tag legen, eben um Männer mit einer "Gewaltkarriere". Die so etwas wie eine Hemmschwelle schon lange überwunden haben. Dass solche Täter auch vor der abgeklärten Planung einer Gewalttat - wie im vorliegenden Fall - nicht zurückschrecken, weiß Polizeisprecher Wolfgang Wierich, der lange Jugendsachbearbeiter war. "Ich kann mich an einen Fall erinnern, da haben drei junge Männer in einer Altstadtdisko je 100 Euro auf den Tresen gelegt, ein Opfer ausgesucht und gesagt: Wer es niederschlägt bekommt das ganze Geld. Einer hat dem Opfer dann einen Glaskrug über den Kopf gezogen." Bei dem Trio handelte es sich allerdings um sehr junge Erwachsene um die 20, allesamt als Gewalttäter bei der Polizei bekannt.

Diese Beschreibung trifft allerdings auf Gustav W. - den mutmaßlichen Haupttäter des Mordversuchs in der Altstadt - nicht zu. Der 27-jährige Rumäne, der mit einem Anlauf von mehreren Metern gegen den Kopf des 22-jährigen Opfers getreten haben soll - ist wegen Diebstahlsdelikten bekannt. Durch Aggressivität hingegen fiel er bislang nicht auf. Und jetzt offenbar gleich mit der äußersten Brutalität, die man sich vorstellen kann. "Das kann ich mir nicht erklären", sagt Wierich. "Das ist wirklich dramatisch."

Psychologe: "Die Dynamik der Gruppe nicht unterschätzen"

"So etwas habe auch ich noch nie gehört", sagt Prof. Werner Greve vom Institut für Psychologie an der Uni Hildesheim - früher stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen. "Aus heiterem Himmel passiert so etwas eigentlich nie." Es sei wahrscheinlich, dass zumindest die Rädelsführer schon Gewalterfahrungen hatten - auch wenn diese der Justiz nicht bekannt sind. Möglicherweise waren sie selbst Opfer.

Am 13. Februar 2009 sollen die acht Männer das 22-jährige Opfer in der Altstadt angegriffen haben, weil sie einen Menschen sterben sehen wollten - so die Anklage. Mindestens einer der Beschuldigten sitzt jetzt in U-Haft, einer ist flüchtig.

Laut Prof. Werner Greve trügt der Eindruck, die Brutalität steige - auch weil die Aufmerksamkeit auf dem Thema durch die Vernetzung der Medien heute größer sei. Tatsächlich seien Fallzahlen etwa bei Morden und Vergewaltigungen langfristig leicht rückläufig.

"Was man auch nicht unterschätzen darf, ist aber die Dynamik in der Gruppe", sagt Greve. Sowohl beim Entschluss zu der Gewalttat als auch bei der Tat selbst hätten sich die Akteure gegenseitig vermutlich angetrieben. "Und wenn eine Lawine erst mal rollt, macht sie selten halt und rollt wieder bergauf", verdeutlicht der Experte.

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