Ein halbes Jahr lang ist WZ-Volontärin Gabi Kowalczik mit der Bahn zwischen Wesel und Düsseldorf gependelt. Was sie dabei alles erlebt musste, hat sie aufgeschrieben.

Fahrpreisanstieg
Langweilig gestaltet die Regionalbahn ihr Gelassenheitstraining für Pendler nie. (Symbolfoto)

Langweilig gestaltet die Regionalbahn ihr Gelassenheitstraining für Pendler nie. (Symbolfoto)

Lukas Schulze

Langweilig gestaltet die Regionalbahn ihr Gelassenheitstraining für Pendler nie. (Symbolfoto)

Düsseldorf. Eine Bekannte sagte mal zu mir: „Der RE 5 ist eigentlich ein Gelassenheitstraining.“ Nach fast sechs Monaten Bahnpendeln zwischen Wesel und Düsseldorf weiß ich nun, was sie damit meinte. Denn Trainingseinheiten bietet diese Verbindung wahrlich genug. Mal heißt die Übung „Entspannender Zwischenhalt mit Aussicht aufs Grün irgendwo zwischen Duisburg und Düsseldorf Flughafen“. Ein anderes Mal steht „Tief durchatmen und auf den nächsten Zug warten, weil der RE 5 ausfällt“ auf dem Trainingsplan. Und beinahe schon Standard ist die kleine Übung „Meditatives Stehen am Bahnsteig und der freundlichen Stimme lauschen, die die heutige Verspätung durchsagt“. Langweilig zumindest gestaltet die Bahn ihr Gelassenheitstraining für Pendler nie, das muss man zugeben. Hier ein paar Auszüge aus meinem Pendler-Trainingsprogramm.

Der allmorgendliche Blick auf die App

Der Tag beginnt schon früh mit einem Blick in die Bahn-App. Wird der RE 5 pünktlich in Wesel abfahren und ich dementsprechend pünktlich bei der Arbeit sein? Oder weiche ich lieber auf den RE 19 aus, eine Verbindung zwischen Wesel und Düsseldorf des Verkehrsunternehmens Abellio? Der fährt allerdings so zeitig, dass ich 45 Minuten zu früh dran bin. Aber eben nicht zu spät. Der unerfahrene Pendler schaut zu Hause in die App, sieht eine pünktlich angekündigte Abfahrt des RE 5 und wundert sich dann verärgert am Bahnhof – wenn der RE 19 natürlich längst weg ist – über Verspätung oder gar Ausfall. Alles Trainingssache, diesen Fehler macht der gelassene Pendler nach einigen Trainingseinheiten nämlich nicht mehr. Er weiß, dass der RE 5 zwischen Koblenz und Wesel pendelt und dass der Zug, der kurz nach der vollen Stunde in Wesel abfährt, genau derselbe ist, der vorher aus Koblenz in der Niederrhein-Stadt ankommt.

Der Trick zu mehr Gelassenheit am Morgen ist also folgender: Nicht in der App nach der Abfahrt in Wesel suchen, denn diese wird auch dann noch pünktlich angezeigt, wenn der Zug schon mit 24 Minuten Verspätung auf dem Weg nach Wesel unterwegs ist (siehe Screenshots 12. Juni) und demnach dort überhaupt nicht mehr nach Plan abfahren kann. Nein, der entspannte Pendler hat einfach direkt die Verbindung von Koblenz nach Wesel im Blick und kann früh abschätzen, ob ein Ausweichen auf den RE 19 nötig wird oder nicht.

Ein halbes Jahr lang ist WZ-Volontärin Gabi Kowalczik mit der Bahn zwischen Wesel und Düsseldorf gependelt. Was sie dabei so alles erlebt hat, beschreibt sie hier. Ein halbes Jahr lang ist WZ-Volontärin Gabi Kowalczik mit der Bahn zwischen Wesel und Düsseldorf gependelt. Was sie dabei so alles erlebt hat, beschreibt sie hier.

(Der aus Koblenz kommende Zug hat 24 Minuten Verspätung (links). Dennoch zeigt die App an, dass der Zug ab Wesel pünktlich abfahren wird (rechts) - was nicht möglich ist. Screenshots Gabi Kowalczik)

Der Begründungswürfel

Die Bahn ist oft so nett und informiert ihre Fahrgäste über den Grund einer Verspätung oder Verzögerung. Per Durchsage am Bahnsteig oder im Zug und auch über die Bahn-App. Mal ist die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges Schuld daran, dass Pendler warten müssen. Mal sind es Verzögerungen im Betriebsablauf. Doof nur, wenn per Durchsage und App völlig unterschiedliche Begründungen angegeben werden. Etwa, wenn es im Zug heißt, es gebe eine technische Störung auf der Strecke. Der Blick in die App aber gleichzeitig eine Verspätung aus vorheriger Fahrt vermeldet (siehe Screenshot 18. Mai). Wie kann das und was stimmt denn nun? Böse Zungen behaupten, die Begründungen werden eh nur ausgewürfelt – mögen die etwa Recht haben? Der gelassene Bahnfahrer macht sich hierüber gar keine Gedanken. Zu spät ist zu spät. Wieso, ist doch egal.

Zeit ist relativ

Eine wichtige Lektion für Pendler auf dem Weg zu mehr Gelassenheit: Fünf Minuten sind noch lange nicht fünf Minuten. Denn während der unerfahrene Bahnfahrer auf die Durchsage „Heute circa fünf Minuten später“ vertraut, weiß der gelassene Pendler, dass in dem kleinen Wörtchen „fünf“ die Zahlen zwei bis zehn stecken können. Also tief durchatmen und einfach warten – ob es nun zwei Minuten Verspätung werden oder zehn. Hier ist die App übrigens recht zuverlässig und zeigt genauer an, wo der Zug gerade ist und mit welcher Verspätung er unterwegs ist.

Ein halbes Jahr lang ist WZ-Volontärin Gabi Kowalczik mit der Bahn zwischen Wesel und Düsseldorf gependelt. Was sie dabei so alles erlebt hat, beschreibt sie hier.  

(Während die App eine Verspätung aus vorheriger Fahrt anzeigt, heißt es per Durchsage: technische Störung. Manchmal stimmen die Angaben, warum die Bahn verspätet ist, nicht überein. Screenshot: Gabi Kowalczik)

Sportprogramm während der Bauarbeiten

Die Wochen nach den Osterferien waren für RE 5-Pendler sehr angenehme. Zu dieser Zeit gab es ja die große Baumaßnahme zwischen Düsseldorf und Köln. Und das bedeutete, der RE 5 konnte nicht durchfahren, sondern pendelte von Wesel aus nur bis Düsseldorf und zurück. Verspätungen gab es während dieser Zeit kaum – was eine kürzere Strecke und weniger Ballungsraum so alles ausmacht. Damit es Pendlern aber nicht langweilig wird, wurde kurzerhand ein Sportprogramm am Düsseldorfer Hauptbahnhof eingeführt. Durchsage des Trainers: Der RE 5 nach Wesel fährt heute nicht von Gleis 19, sondern von Gleis 18 ab. Alle klemmen sich ihre Taschen unter den Arm, treppab und wieder treppauf zum Nachbargleis. Kurz durchatmen, den Blick zur Seite wenden und sehen, wie der Zug einfährt – an Gleis 19. Also wieder Klamotten beisammen halten und los. Treppab, hopp hopp. Treppauf, zurück zum Ausgangspunkt. Gleich mehrfach hat die Bahn dieses Sportprogramm angeboten. Besonders bei Pendlern, die ihr Fahrrad dabei hatten, kam das super an.

Die Tücken des Fahrplans

Wie kann es eigentlich sein, dass die Züge einer bestimmten Linie so oft verspätet sind? Dass das „Heute circa zehn Minuten später“, das am Abend am Bahnsteig durch den Lautsprecher schallt, schon Standard ist und man sich beinahe freut, dass es heute „nur“ zehn Minuten sind und nicht 20? Das wollte ich wissen, und zwar von der Bahn selbst.

„Bei der Linie RE 5 handelt es sich um eine Linie mit einem sehr langen Laufweg“, lautet die Antwort eines Bahnsprechers. „Sie durchquert auf ihrer mehr als zweieinhalbstündigen Fahrt von Koblenz bis Wesel fast den gesamten Westen NRWs einmal von Nord nach Süd. So kann eine Störung, die beispielsweise 100 Kilometer von Wesel entfernt auftritt, eine Verspätung des Zuges in Wesel nach sich ziehen.

Zudem passieren die Züge der Linie RE 5 über auch wichtige und stark frequentierte Hauptkorridore, wie beispielsweise den Abschnitt zwischen Bonn und Düsseldorf. In einem dicht befahrenen Netz können Verspätungen im weiteren Fahrtverlauf nur sehr begrenzt wieder abgebaut werden. Zudem können sich Verspätungen eines Zuges mitunter auch auf andere Züge auswirken – bei sehr langen Linien, wie der RE 5, werden Verspätungen daher eher spürbar und können je nach zeitlicher Lage im weiteren Fahrtverlauf auch zunehmen.“ Und genau deshalb ist der RE 5 ein Gelassenheitstraining – ganz einfach.

Ein Freund sagte mal zu mir, er regt sich erst ab 15 Minuten Verspätung auf, vorher lohne es einfach nicht. Er pendelt aber auch schon seit knapp zehn Jahren. Ich brauche noch etwas Übung – und habe die nächste Trainingseinheit bereits gebucht.

© WhatsBroadcast

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