Die Gruppe Joseph Boys hat einiges auf sich genommen, um ein künstlerisch und lokalpatriotisch wertvolles Bandfoto aufzunehmen. Die Anerkennung reicht jetzt allerdings auch bis ans Ende der Republik.

Bandfoto Joseph Boys
Und unter ihnen ein Sumpf: die Mitglieder von Joseph Boys im Wasser an der Kö.

Und unter ihnen ein Sumpf: die Mitglieder von Joseph Boys im Wasser an der Kö.

Bandfoto: Andreas Endermann

Und unter ihnen ein Sumpf: die Mitglieder von Joseph Boys im Wasser an der Kö.

Düsseldorf. Mit dem ersten Schritt wird alles noch schlimmer als befürchtet. Andreas Endermann setzt einen Fuß in den Kö-Graben, und der ist nicht nur eiskalt. Um den Fotografen herum treiben Blätter, Müll, ein toter Vogel. Unter seinem Stiefel steigt Schlamm auf, es riecht nach faulen Eiern. Die Mitglieder der Gruppe Joseph Boys stehen am Rand des Graben, halten sich die Nasen zu und denken noch einmal darüber nach, ob das wirklich so eine gute Idee war, hier das neue Bandfoto aufzunehmen. „Das wird kein Spaß“, sagt einer von ihnen.

Als die Musiker in der jetzigen Form zusammenfanden und ihren Namen beschlossen, war klar, dass Konzerte, Plattencover und eben auch Bandfotos nicht mehr ganz normal sein konnten. Fortan spielten sie auf Joseph Beuys an, bauten Schlitten und Filz in ihre Inszenierungen ein, und kombinierten das gerne mit einem „gesunden Lokalpatriotismus“, etwa indem sie ihre Fotos vor dem „Fortuna-Eck“ in Flingern aufnahmen. Folglich konnte die Band für ihr Foto auch nicht irgendein Gewässer nehmen, es musste der Kö-Graben sein. Ursprünglich wollten es sich die fünf Herren etwas leichter machen und in ein Schwimmbad oder einen privaten Pool steigen. Aber leicht kann jeder und leicht macht am Ende nur halb so viel Spaß.

Motive der Band Joseph Boys
Foto: Joseph Boys

„Gesunder Lokalpatriotismus“: Das Dosentelefon ist eine Hommage an Joseph Beuys und war auch auf einem Plattencover der Band zu sehen. Das „Fortuna-Eck“ spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte der Band Joseph Boys.

Den ersten Anlauf nehmen das Quintett und sein Fotograf an einem Samstag. Doch ausgerechnet an diesem Tag demonstrieren in der Düsseldorfer Innenstadt die Kurden, die Straßen sind voll mit Einsatzfahrzeugen der Polizei oder anderweitig gesperrt. Mit Neoprenanzügen und Ausrüstung bis an den Graben zu kommen? Keine Chance.

Zweiter Tag, zweiter Anlauf: Diesmal ist deutlich weniger los, einen großen Menschenauflauf wird es im Bildhintergrund nicht geben. Während sich alle Beteiligten noch vorbereiten, tauchen zwei Polizisten auf Fahrrädern auf. Sänger Andreas Artelt hatte sich im Vorfeld schon einmal erkundigt, ob es verboten ist in den Graben zu gehen, und erfahren, dass es dafür keine Auflagen gibt. Auch die beiden Polizisten auf den Rädern haben nach einem kurzen Gespräch nichts gegen die Aktion einzuwenden. Dauert bei dem Wetter ja nicht so lange.

Vorbild stammt aus den sechziger Jahren.

Motive der Band Joseph Boys
Foto: Jospeh Boys

Und noch eine Anspielung auf den großen Künstler, der der Band im etwas weiteren Sinne ihren Namen gab: ein Schlitten neben den Bildern der Musiker. Auch mit diesem Foto warben die fünf Düsseldorfer für ihre Musik.

Das Motiv soll an Fluxus erinnern und einen früheren Auftritt von Joseph Boys. Artelt hatte im Internet eine Fluxus-Inszenierung aus den Sechzigern entdeckt, auf der ein Mann im weißen Hemd mit Schirm und Melone auf dem Kopf im Wasser steht. Diese Requisiten mussten also auf jeden Fall sein. Und da die Band in einem Video und bei einem Konzert mit Masken aus Zeitungspapier gearbeitet hatte, wollte sie bei ihrer Interpretation des Fluxus-Bildes auch nicht leicht zu erkennen sein. Die Masken waren diesmal aus Filz.

Joseph Boys spielen im Vorprogramm der US-Gruppe Meat Wave. Das Konzert mit der größten Heimatnähe findet am 23. Januar im Blue Shell in Köln statt. Am 24. März gehen sie von Monheim aus auf die Sojus-Bootstour.

Das Umziehen bringt unerwartete Schwierigkeiten. Die sechs Männer am Kö-Graben hatten sich zuvor in einem Tauchgeschäft Neoprenanzüge besorgt. Die anzulegen macht schon keinen Spaß. Und dann erst kommen die weißen Hemden und die schwarzen Krawatten. Die Umzieher können ihre Arme kaum knicken, die Hemden wollen nur mit Hilfe jeweils eines anderen darüber rutschen. Die Krawatten hat Artelt zum Glück für alle schon zu Hause gebunden.

Ganz genau haben die Musiker vorsichtshalber nicht hingeguckt, als der Fotograf die ersten Schritte gemacht hat. Die untere Seite des Grabens gleicht einem Sumpf. Der Fotograf zieht seine Stiefel mit viel Kraft wieder aus dem Boden, stellt einen Stuhl auf und bringt sich in Position. Die Band muss jetzt rein, zieht die Masken auf und friert ein. Das Wasser läuft in den Anzug, wenn die bloßen Hände doch mal das Wasser berühren, merken die Inhaber, wie kalt es wirklich ist. Zumindest den Gestank bemerken sie nicht mehr.

Als die Männer wieder aus dem Wasser kommen, sind sie deutlich euphorischer als auf dem Hinweg. „Das war großartig“, sagt einer von ihnen. Sie schauen auf dem Bildschirm der Kamera die ersten Fotos an.

„Dürfen wir das Bild jetzt schon benutzen?“

Das Foto bestätigt die Freude und auch den Plan, der dahinter steckte. Joseph Boys hatte lange dasselbe alte Bandfoto verwendet. Das neue Motiv findet auf Facebook und Instagram jede Menge Fans. Veranstalter, bei denen die Düsseldorfer erst in vielen Monaten und in fernen Städten gastieren, schreiben: „Dürfen wir das Bild jetzt schon benutzen?“

Bleibt eine Frage: Warum sind Joseph Boys ausgerechnet im Winter in den Kö-Graben gestiegen? Gibt es eine simple Antwort: „Wir hatten die Idee einfach zur falschen Jahreszeit.“

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