Germanist Professor Dieter Borchmeyer spricht im Interview über Hitler, Wagner, Thomas Mann und ein Buch des Kollegen Hans Vaget.

Eine Szene aus Wagners „Rheingold“ beim Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“.
Eine Szene aus Wagners „Rheingold“ beim Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“.

Eine Szene aus Wagners „Rheingold“ beim Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“.

Wagner-Experte Dieter Borchmeyer liest in Düsseldorf.

Hans-Jörg Michel, Bild 1 von 2

Eine Szene aus Wagners „Rheingold“ beim Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“.

Düsseldorf. Auf Einladung des Richard-Wagner-Verbandes und der Thomas-Mann-Gesellschaft Düsseldorf kommen zwei ausgewiesene Kenner der Werke Wagners und Manns ins Haus der Universität: die Professoren Hans Vaget und Dieter Borchmeyer. Vaget hat soeben ein Buch über Wagners Wirkung auf Adolf Hitler und Thomas Mann veröffentlicht unter dem Titel „Wehevolles Erbe“. Über das Buch und die teils unheilvolle Rezeption Wagners im 20. Jahrhundert wollen Vaget und Borchmeyer nun diskutieren. Mit Borchmeyer sprachen wir schon mal vorab.

Wollen Sie Hans Vaget nur interviewen oder soll es eine Diskussion werden?

Interview
Foto: web.de

Wagner-Experte Dieter Borchmeyer liest in Düsseldorf.

Dieter Borchmeyer: Wir kennen uns seit Jahrzehnten und werden schon diskutieren. Aufgrund der gemeinsamen Interessen an Goethe, Wagner und Thomas Mann fühlen wir eine brüderliche Verbundenheit.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Borchmeyer: Persönlich kennengelernt haben wir uns 1980 auf dem Internationalen Germanisten-Kongress. Es fing nicht so sehr gut an. Er hatte mein Buch über Goethe und die Französische Revolution ungnädig rezensiert. Das lag wohl daran, dass er damals selber auf dieser Spur war und in mir einen Konkurrenten sah. Jedenfalls hat ihm seine Rezension später leidgetan und ich habe sie ihm nicht übel genommen.

Geboren 1941 in Essen, studierte Borchmeyer Germanistik und katholische Theologie in München. Als Professor war er zugleich Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur an der Uni Heidelberg und bis 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Borchmeyer ist Verfasser zahlreicher Bücher, darunter „Was ist Deutsch?“ (Rowohlt 2017).

Gemeinsam mit seinem Kollegen Hans Vaget spricht Borchmeyer über dessen neues Wagner-Buch „Wehvolles Erbe“. Termin: Dienstag, 19. September, 19.30 Uhr, Haus der Universität, Schadowplatz 14.

Stimmen Sie bei Wagner in allem überein?

Borchmeyer: Es gibt divergierende Auffassungen. Mit denen leben wir aber gut seit vielen Jahren. Bei Thomas Mann haben wir kaum Differenzen. Doch bewerten wir Wagners Antisemitismus unterschiedlich. Ich finde, dass man den sehr differenziert betrachten muss. Wagner war zwar von einer Juden-Phobie erfüllt, aber kein Rassist. Denn er sagte, dass irgendwann die Einheit der menschlichen Rassen triumphieren werde. Wagner vertrat die Ansicht, dass keine Rasse die andere ausbeuten sollte. Er komponierte Musik für die Aufhebung aller Rassen.

Manche Regisseure sehen in manchen Opernfiguren Wagners Juden-Karikaturen.

Borchmeyer: Es ist noch nie überzeugend gelungen, bei Wagner antisemitische Figurenzeichnungen zu zeigen. Auch nicht in der unsäglichen Meistersinger-Inszenierung in Bayreuth, wo Beckmesser als Juden-Karikatur dargestellt wird. Beckmesser besitzt den Charakter des deutschen Pedanten. Das hat Wagner selbst so gesagt. Und da frage ich mich: Warum nimmt man eine solche Aussage nicht ernst?

Dennoch die Frage: Wie viel Hitler steckt in Wagner?

Borchmeyer: Thomas Mann sagte er: „Es steckt viel Hitler in Wagner.“ Man merkt aber immer wieder, wie unangenehm es Thomas Mann war, Wagner in die Nähe Hitlers zu stellen. Die Last von Hitlers Wagnerei führte dazu, dass man Wagner mehr in die Schuhe schob als drin steckte. Vor dem Dritten Reich hat Thomas Mann auch viel unbefangener über Wagner geschrieben. Und die ganz späten Äußerungen gehen ebenfalls wieder in eine andere Richtung.

Aber Wagners Antisemitismus müsste Hitler doch gefallen haben.

Borchmeyer: Es ist sehr merkwürdig: Hitler kannte sich mit Wagner besser aus, als manche es wahrhaben wollen. Und trotzdem hat sich Hitler nie auf Wagners Antisemitismus bezogen. Einer der Gründe dafür könnte gewesen sein: Wagners Antisemitismus passte nicht zu dem Hitlers. Wagner zielte ja auf die Aufhebung des Zwiespalts zwischen den Rassen. Außerdem war Wagner nicht eigentlich Staatssache, sondern eine zur Staatssache gemachte Privatmarotte Hitlers. Staatskomponist war nicht Wagner, sondern Beethoven. Nach Hitlers Tod wurde der Trauermarsch aus Beethovens „Eroica“ gespielt. Der Trauermarsch aus Wagners „Götterdämmerung“ erklang aus dem Radio nach dem Tod Lenins.

Und wie viel Wagner steckt in Thomas Mann?

Borchmeyer: Ohne Wagner ist Thomas Mann kaum rezipierbar. Thomas-Mann-Forscher, die Wagner nicht kennen, bemerken viele Einflüsse nicht. Hans Vaget und ich amüsieren uns über manche Mann-Kenner, die Vieles nicht richtig mitbekommen. Zum Beispiel ist der „Tod in Venedig“ eine verdeckte Wagner-Novelle. Und die Leitmotiv-Technik ist prägend für die Grundstruktur seines ganzen literarischen Werkes.

Woran mag es liegen, dass Wagner mal zum Guten und dann wieder mal zum Bösen inspiriert?

Borchmeyer: Das ist tatsächlich eine große Frage. Musik ist eben vieldeutig, eine Weltsprache, semantisch frei verfügbar. Darum kann sie verschieden verwendet werden. Mit Texten geht das nicht so leicht, weil sie semantisch stärker festgelegt sind.

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