Wie steht es mit dem Datenschutz für Kinder? Wir sprachen mit Bettina Erlbruch und Ansgar Sporkmann vom Kinderschutzbund.

Lästereien im Internet: Oft entsteht Mobbing schon durch das unbedachte Hochladen eines Fotos.
Lästereien im Internet: Oft entsteht Mobbing schon durch das unbedachte Hochladen eines Fotos.

Lästereien im Internet: Oft entsteht Mobbing schon durch das unbedachte Hochladen eines Fotos.

Geschäftsführerin des KSBD: Bettina Erlbruch

Ansgar Sporkmann ist Medienbeauftragter des Kinderschutzbundes.

Berg/dpa, Bild 1 von 3

Lästereien im Internet: Oft entsteht Mobbing schon durch das unbedachte Hochladen eines Fotos.

Düsseldorf. Eltern, die Bilder ihrer Kinder auf Facebook posten, und Jugendliche, die jeden eigenen Schritt im Netz dokumentieren – in der neuen Welt der neuen Medien ganz normal. Doch wo sind die Grenzen und Gefahren? Dieser Frage widmet sich in dieser Woche die Fachtagung „Datenschutz ist Kinderschutz“ des Kinderschutzbundes in Düsseldorf. Die WZ sprach mit dessen Geschäftsführerin Bettina Erlbruch und Ansgar Sporkmann, Vorstandsmitglied und Medienbeauftragter.

Frau Erlbruch, Herr Sporkmann, warum glauben Sie, haben heute so viele Menschen das Bedürfnis, ihre Kinder in sozialen Netzwerken zu präsentieren?

Bettina Erlbruch: Früher hatten wir alle Fotoalben, die man Freunden und Verwandten gezeigt hat. Heute gibt es eben das virtuelle Fotoalbum. Vielen ist nur überhaupt nicht bewusst, was sie damit lostreten.

Welche Gefahren birgt dieses Verhalten denn?

Ansgar Sporkmann: Dieses Fotoalbum kann heute mitunter eben die ganze Welt sehen. Und oft nicht nur mal ein Foto, sondern massig. Vom Kreißsaal, über die erste Wiege bis zum Kindergarten. Das ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Kindes. Man fragt es ja nicht – und wir als Kinderschutzbund finden das nicht in Ordnung. Das ist das Formelle.

Erlbruch: Im Internet sind aber nun einmal auch Menschen unterwegs, die sich auf diesem Weg sehr leicht Fotos besorgen können, die in die absolute Intimsphäre gehen – halb bekleidet oder auf dem Töpfchen. Pädosexuellen eröffnet das neue Wege, sich „Material“ zu besorgen. Das wollen Eltern ja nicht.

Was empfehlen Sie ihnen: null Präsenz des Kindes im Netz? Oder gibt es Abstufungen?

Erlbruch: Es ist sicher wichtig, sich erst einmal zu überlegen: Was möchte ich mit wem teilen. Es gibt ja in den sozialen Netzwerken Privatsphäre-Einstellungen.

Sporkmann: Stichwort Medienkompetenz. Da ist bei den Eltern heute meist mehr im Argen als bei den Kindern. Vielen ist gar nicht bewusst, dass die Grundeinstellung bei Facebook festlegt: „Alle“ können meine Bilder sehen. Das sind dann 1,6 Milliarden Facebooknutzer. Oder sie sagen zwar ihren Kindern, die sollen nie ihre Anschrift veröffentlichen – schalten dann aber selbst GPS nicht aus, wenn sie ein Bild hochladen, und offenbaren so genau, wo der Garten liegt, in dem ihr Kind da gerade spielt. Zudem sollte man sich aber auch bewusst sein, dass etwa Facebook alle Rechte an den hochgeladenen Bildern erhält. Ich persönlich habe da ein Grummeln im Bauch. Aber das ist eine Frage der eigenen Haltung.

In welchem Alter entdecken denn Kinder selbst Internet und soziale Netzwerke für sich?

Sporkmann: Ich bin viel in Schulen unterwegs. Da haben in der vierten Klasse schon 20 bis 30 Prozent ein Smartphone. Bei den Elf- bis Zwölfjährigen sind es 99 Prozent. Und da habe ich als Elternteil kaum Kontrollmöglichkeiten.

Wie sollte man den Weg der eigenen Kinder ins Internet begleiten? Kontrolle oder Vertrauen?

Erlbruch: Man sollte sie in jedem Fall wirklich begleiten. Mit ihnen vor den PC setzen, im sozialen Netzwerk anmelden, die Einstellungen anpassen. Auch nach altersgerechten Angeboten suchen. Und fragen, was die Freunde denn online so machen – ohne zu schimpfen, wenn man das nicht in Ordnung findet.

Sporkmann: Es gibt sehr gute Jugendschutzprogramme, mit denen man am Computer bestimmte Seiten sperren kann – etwa Pornoseiten. Das ist allemal besser, als den Browserverlauf zu kontrollieren, was viele Eltern machen. Und man darf sich als Mutter oder Vater auch ruhig mal von den Kindern etwas zeigen und erklären lassen – die wissen selbst am besten, wie Snapchat, Instagram und Co. funktionieren.

Erlbruch: Was den Eltern bewusst sein muss, ist, dass sie die Kinder ohnehin nicht vollkommen schützen können. Gewaltvideos etwa können sie immer noch auf dem Schulhof bei ihren Freunden sehen. Es geht darum, mit den Kindern über diese Themen zu kommunizieren.

Was sind die Risiken, wenn Kinder und Jugendliche selbst soziale Netzwerke nutzen?

Erlbruch: Mobbing ist eine Riesenbaustelle – was wir auch am Kinder- und Jugendtelefon deutlich merken. Es gibt keinerlei Rückzugsmöglichkeiten für Betroffene. Wer früher in der Schule ausgeschlossen wurde, war dafür vielleicht im Sportverein beliebt. Aber das Internet ist rund um die Uhr.

Sporkmann: Oft entsteht Mobbing schon durch das unbedachte Hochladen eines Fotos, das etwa die Freundin betrunken auf einer Party zeigt. Das ist das größte Problem.

Erlbruch: Dazu kommt, dass viele Erwachsene im Internet unterwegs sind, die es mit Kindern und Jugendlichen nicht gut meinen. Auch sexuelle Belästigung über das Internet spielt eine Rolle.

Nimmt die Vorsicht der Menschen in Bezug auf ihre Daten ab? Oder wächst das Bewusstsein eher?

Erlbruch: Beides. Es gibt eine höhere Aufmerksamkeit für das Thema. Aber in weiten Kreisen auch eine große Sorglosigkeit.

Sporkmann: Wieder das Stichwort Medienkompetenz: Man sollte die Geschäftsbedingungen der Netzwerke, die man nutzt, selbst schon grob kennen. Ich empfehle die Seite www.klicksafe.de – da erklärt ein kurzes Video verständlich, wie zum Beispiel Facebook funktioniert. Generell stellen wir schon fest, dass langsam eine Sensibilisierung für solche Dinge eintritt. Aber eben nur langsam.

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