Interview: Was hat sich für Blinde verbessert, woran mangelt es noch immer besonders? Gerd Kozyk hat 24 Jahre lang den Düsseldorfer Blindenverein angeführt – und zieht Bilanz.

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Gerd Kozyk hört nach 24 Jahren als Vorsitzender des Düsseldorfer Blindenvereins auf.

Gerd Kozyk hört nach 24 Jahren als Vorsitzender des Düsseldorfer Blindenvereins auf.

Bernd Schaller

Gerd Kozyk hört nach 24 Jahren als Vorsitzender des Düsseldorfer Blindenvereins auf.

Herr Kozyk, warum hören Sie nach 24 Jahren als Vorsitzender des Düsseldorfer Blindenvereins auf?

Gerd Kozyk: Ganz einfach: Weil ich seit Mai 2008 auch Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Nordrhein mit 2500 Mitgliedern bin. Das wird mir als Ehrenamtler einfach zu viel Arbeit. Aber ich bleibe beratend im Düsseldorfer Vorstand.

Wann verloren Sie ihr Sehvermögen?

Kozyk: Mit 21, seitdem gelte ich als medizinisch blind, wobei ich noch zwei Prozent Sehvermögen habe. Wie es dazu kam, weiß ich nicht. Bei mir handelt es sich um einen degenerativen Prozess in der Netzhaut, der war nicht aufzuhalten.

Schon sehr bald haben Sie sich damals im Blindenverein engagiert.

Kozyk: Ein Mitglied des Blindenvereins, mit dem ich heute noch befreundet bin, hat mich darauf aufmerksam gemacht und herangeführt. Dafür bin ich sehr dankbar, denn der Verein hat mit enorm geholfen, Freude am leben zu haben.

In Düsseldorf leben rund 1000 Blinde, wieviele sind im Verein?

Kozyk: Leider nur 180, das Durchschnittsalter liegt bei 65 Jahren. Leider kapseln sich viele Blinde ab und vereinsamen so natürlich. Bei uns gibt es viele Veranstaltungen und gemeinsame Ausflüge vom Autofahren bis zum Streicheln von Krokodilen, daneben aber auch ganz regelmäßige Treffen in konstanten Gruppen. Und vor allem beraten wir natürlich, Betroffene und ihre Angehörige. Das alles würde viele Blinde sicher aufmuntern, aber es ist schwer, an sie heranzukommen.

Weisen denn Augenärzte nicht auf den Verein hin?

Kozyk: Ab und an schon, aber zu selten. Ich habe bisweilen den Eindruck, dass Augenärzte mit Blinden nicht so ganz viel anfangen können - vielleicht, weil die sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten erinnern.

Zur gesellschaftlichen Entwicklung: Ist das Leben für Blinde in Düsseldorf einfacher geworden?

Kozyk. Ja. Es gibt eine Reihe von Verbesserungen. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Barrierefreiheit nicht nur Rampen und Aufzüge für gehbehinderte meint, sondern auch für Menschen wichtig ist, die nicht hören oder sehen können. Und da gibt es immer mehr Orientierungshilfen.

Zum Beispiel?

Kozyk: Wir haben in Düsseldorf mehrere hundert blindengerechte Ampeln, an denen man fühlen kann, ob grün oder rot ist. In öffentlichen Gebäuden gibt es Bodenleitsysteme, die den Weg zum Aufzug oder Pförtner weisen, erstmals installieren das jetzt auch Geschäfte, zum Beispiel in den Bilker Arcaden. Fortschritte gibt es auch bei der Rheinbahn, an immerhin zwei Haltestellen, am Brehmplatz und am U-Bahnhof Nordstraße gibt es auf Knopfdruck akustische Ansagen, welche Bahn einfährt. Denn das ist immer ein Problem für Blinde: welche Bahn kommt denn da? Man braucht die Hilfe anderer, manchmal aber spricht jemand kaum Deutsch und an den Fahrer kommt man in den neuen Bahnen auch kaum ran.

Welche Defizite drücken am meisten?

Kozyk: Schnell noch was positives: seit Herbst 2008 gibt es in Düsseldorf einen Behindertenbeirat, der recht nah an der Rathauspolitik ist. Das verschafft uns mehr Gehör und Einfluss. Ansonsten wünschen wir uns natürlich noch viel mehr Audio-Kommunikation im Alltagsleben oder die Verwendung von Blindenschrift. Konkret wäre es sehr wichtig, dass das geplante Orientierungs- und Leitsystem beim Umbau des Hauptbahnhofs auch tatsächlich realisiert wird.

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