Jubiläum: Anne Kalender-Sander, Direktorin der VHS, und ihr Vorgänger Bernhard Hicken über 90 Jahre Volkshochschule in Düsseldorf.

wza_500x433_545020.jpg
Anne Kalender-Sander und Burkhard Hicken.

Anne Kalender-Sander und Burkhard Hicken.

Judith Michaelis

Anne Kalender-Sander und Burkhard Hicken.

Düsseldorf. Frau Kalender-Sander, Herr Hicken, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kursus bei der VHS?

Kalender-Sander: Oh ja, sehr gut sogar. Es war ein Kurs in Altgriechisch, kurz vor meinem Studium. Das war ganz schön kompliziert, allein schon wegen der ungewohnten Schrift. Hicken: Ich erinnere mich nicht mehr genau. Ich vermute aber, es war ein Englisch-Kurs.

Welchen haben Sie zuletzt besucht?

Hicken: Kurse besuche ich kaum noch, dafür gehe ich aber gern und oft zu Vorträgen, meist mit politischen Themen. Kalender-Sander: Mir fehlt dafür einfach die Zeit - Interesse ist da. Asiatische Gesundheits- und Entspannungstechniken interessieren mich, bei den Sprachen Englisch und Französisch.

Welche Kurse sind im Moment besonders gut besucht?

Gegründet 1919 mit 120 Kursen und Vorträgen. Insgesamt meldeten sich vor 90 Jahren 5000 Menschen an. In diesem Jahr werden für rund 5700 Veranstaltungen 70 000 Anmeldungen erwartet. 1000 Dozenten unterrichten in Düsseldorf.

Seit 1999 ist Anne Kalender-Sander (64) Direktorin der Volkshochschule. Ihr Vorgänger Bernhard Hicken (75) hat die VHS zwischen 1973 und 1998 geleitet.

Arbeiter- und Handwerkerbildungsvereine sowie die Universitätsausdehnungsbewegung des späten 19. Jahrhunderts gelten als Vorläufer der heutigen Volkshochschulen. Prominentestes Vorbild in Deutschland ist die Humboldt-Akademie, ein privates Institut für Erwachsenenbildung, das 1878 von Max Hirsch gegründet wurde. 1915 schlossen sich die Humboldt-Akademie und die Freie Hochschule Berlin zur "Humboldt-Akademie, Volkshochschule Groß-Berlin" zusammen.

Im Januar 1902 entstand die erste deutsche Volkshochschule in Berlin. Sie wurde im Bürgersaal des Roten Rathauses gegründet. Eine richtige Gründungswelle von Volkshochschulen setzt nach dem Ersten Weltkrieg ein. 1919 wurde die Förderung des Bildungswesens gesetzlich verankert.

Derzeit existieren in Deutschland 967 Volkshochschulen, die 7679 hauptamtliche Mitarbeiter und 191 000 Lehrkräfte beschäftigen. Jährlich neun Millionen Teilnehmer belegen 655 000 Kurse.

Kalender-Sander: Stark sind wir bei den Sprachen allgemein, besonders hoch sind die Teilnehmerzahlen bei den Deutschkursen. Derzeit bieten wir 31 Fremdsprachen an. Vor 20 Jahren waren es nur 20. Auch die Kurse in "Deutsch als Fremdsprache" sind immer voll. Da Düsseldorf ein wichtiger Standort für Japaner ist, ist unser Fachbereich Japanisch sehr gut ausgelastet. Sie müssten mal sehen, was bei uns los ist, wenn wir Japanisch-Prüfungen haben. Die sind weltweit immer am selben Tag, das nächste Mal am 6.Dezember mit rund 600 Prüfungsteilnehmern. Dann ist das ganze Haus belegt. Beliebt sind auch Sport- und Kunstkurse sowie Gesundheitsthemen. Hicken: Früher waren es vor allem die Englischkurse, die gut besucht waren. In den 70er Jahren kamen gerade die Sprachlabors in Mode. Wenn es nach unseren Teilnehmern gegangen wäre, hätte wir in jeden Raum so was eingerichtet.

Gibt es auch Kurse, die gar nicht gut gehen?

Kalender-Sander: Bei uns gibt es gar keine Flops. Das hat einen einfachen Grund: Wir müssen wie jeder andere auch auf die Kosten schauen, Kurse, für die es zu wenig Anmeldungen gibt, oder die nicht gut laufen, werden nicht oder nicht wieder angeboten. Flops verbietet bei uns schon unsere betriebswirtschaftliche Philosophie. Bei uns hat jeder Fachbereich sein eigenes Budget und ist somit fast ein eigener Bildungsunternehmer. Das ermöglicht die größtmögliche Flexibilität, bringt aber für die jeweiligen Fachbereichsleiter auch eine Menge Verantwortung.

Herr Hicken, mussten Sie früher auch genau auf die Finanzen schauen?

Hicken: Ja natürlich, Geld war immer ein Thema. Wir haben uns zu meiner Zeit jeweils zu einem Drittel aus Teilnehmergebühren und Zuschüssen von Land und Stadt finanziert. Heute hat sich das ja ein bisschen verschoben. Kalender-Sander: Stimmt, mittlerweile machen die kommunalen Zuschüsse den größten Teil unseres Etats aus, die Landesmittel sind nach vier Kürzungsrunden erheblich zurückgegangen. Wir konnten die Kürzungen bis jetzt aber zum Glück auffangen.

Merken Sie die Krise?

Kalender-Sander: Allein schon daran, dass die Zahl der Ermäßigungen spürbar zugenommen hat. Das ist ein Zeichen dafür, dass mehr Arbeitslose unsere Angebote nutzen. Wir haben auch in der Vergangenheit Personal abgebaut. Von früher 100 Mitarbeitern sind noch 76 übrig geblieben. Wir haben es aber geschafft, unser Programm dennoch zu erweitern. Im Moment kann ich aber schwer einschätzen, wie sich die Lage entwickeln wird. Bis 2010 sind die Zuschüsse gesichert.

Herr Hicken, welche Entwicklung überrascht Sie am meisten?

Hicken: Ich hätte in den 70er Jahren nie gedacht, dass es 30 Jahre später Alphabetisierungskurse bei der VHS geben würde. Aber da zeigt sich ja, dass die Einrichtung Volkshochschule flexibel auf Anforderungen reagiert. Das war mir zu meiner Zeit besonders wichtig: Die Freiheit von Planung und Lehre muss gewahrt bleiben.

War sie denn jemals in Gefahr?

Hicken: In Düsseldorf war sie eigentlich immer selbstverständlich. Kalender-Sander: Wir verstehen unser Angebot als Spiegel gesellschaftlichen Wandels. Da ist Themen- und Lehrfreiheit natürlich ganz fundamental.

Wie feiern Sie das VHS-Jubiläum?

Kalender-Sander: Am 9. September haben wir eine große Feier. Ansonsten haben wir uns wieder ein tolles Semesterprogramm mit Veranstaltungen zum Jubiläum einfallen lassen. Das Semester startet am 1. September im Weiterbildungszentrum am Bahnhof mit einem Vortrag von Avi Primor, dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland.

© WhatsBroadcast

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer