Bei der Kandidaten-Kür „Im Tönnchen“ war Improvisationstalent eine gefragte Tugend.

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Oliver Bayer ist Chef der Piratenpartei.

Oliver Bayer ist Chef der Piratenpartei.

Arend

Oliver Bayer ist Chef der Piratenpartei.

Düsseldorf. Donnerstag, 19 Uhr: Im Hinterzimmer des Brauereiausschanks „Im Tönnchen“ befinden sich 50 Menschen, sieben Laptops und drei Tablet-Computer. Die Luft ist stickig, obwohl nicht geraucht wird. Hier nominiert die Piratenpartei ihre Landtagskandidaten. Die Stimmung ist gut, eine Forsa-Umfrage sagt sechs Prozent voraus. Vier Bewerber müssen aufgestellt werden – mindestens einer wird gute Chancen auf einen Sitz im Landtag haben.

Vor dem Erfolg steht ein bürokratisches Labyrinth. Aberdutzende Regeln müssen beachtet werden, damit das Wahlamt die Kandidaten später auch zulässt. Die Piraten versuchen es mit dem Prinzip „Trial and error“ („Versuch und Irrtum“). Ansage vom Versammlungsleiter: „Da der Akkreditierungs-Pirat einen Fehler gemacht hat – 42 Stimmberechtigte wurden registriert, aber nur 41 Stimmkarten ausgegeben – müssen wir Euch namentlich aufrufen. Wer ist nicht einverstanden?“ – Eine Hand hebt sich: Marc O. (40) will seinen Nachnamen nicht öffentlich genannt haben. Dann geht’s los, ein Pirat nach dem anderen wird aufgerufen, dann: „Wer wurde nicht aufgerufen?“ Statt einer heben sich zwei Hände – ein neues Problem.

Und so geht es weiter: Problem um Problem wird mit Hingabe zum Detail („Wenn der Paragraf 18.4 den 18.1 aufhebt, ist ja alles okay . . .“) und einer Portion Improvisationstalent geklärt.

Dabei unermüdlich am Werk: der Vorsitzende Oliver Bayer (35, schlammgrüner Schlabber-Pulli). Er wuselt hin und her, ist Ansprechpartner für alle anderen Piraten. Die sind ein bunt gemischter Haufen und bestehen augenscheinlich aus zwei Gruppen: hier die computeraffinen Jungen – und dort die älteren Semester, die es womöglich schon bei einer anderen Partei versucht haben und nach herber Enttäuschung ein neues Glück suchen.

Erste Runde: Kreon kandidiert gegen KatrinaR und Grumpy

Amtlich ist das bei Winny Dehn (58): Sie hat 2005 für den Landtag kandidiert und im Düsseldorfer Osten für die WASG zwei Prozent geholt. Bei ihrer Vorstellung sagt sie: „Ich war im Herzen schon immer Pirat.“

Grüne: Die Grünen nominieren ihre Landtagskandidaten heute ab 10.30 Uhr im Bürgersaal Bilk an den Düsseldorf Arcaden, Bachstraße 145.

FDP: Die Liberalen folgen am Dienstag, 19 Uhr, in der Rheinterrasse.

Linke: Die Linken treffen sich am Mittwoch um 19 Uhr, ebenfalls im Bürgersaal Bilk.

SPD: Die Sozialdemokraten tagen am Donnerstag, 17 Uhr, im Geschwister-Scholl-Gymnasium, Redinghovenstraße 41.

CDU: Die Union trifft sich am Freitag, 30. März, um 19 Uhr – sie tagt ebenfalls in der Rheinterrasse.

Piraten: Die Piratenpartei ist die erste Partei, die ihre Kandidaten bereits nominiert hat: Marc Olejak (Wahlkreis 40), Frank Grenda (Wahlkreis 41), Frank Herrmann (Wahlkreis 42), Andreas Mehrtens (Wahlkreis 43).

Anders als die etablierten Parteien müssen die Piraten (208 Mitglieder in Düsseldorf) Unterstützerunterschriften sammeln, um antreten zu dürfen. 1000 sind für die Landesliste nötig, zudem muss jeder Direktkandidat 100 Unterschriften von Bürgern aus dem Wahlkreis beim Wahlamt vorlegen.

Die Frist für die Piraten, aber auch alle anderen nicht im Landtag vertretenen Gruppierungen und Kandidaten läuft: Sie haben nur wenige Wochen Zeit, dann müssen alle Unterlagen beim Wahlamt eingereicht werden.

Derweil werden außer den realen auch die Internet-Spitznamen per Beamer an die Wand geworfen. Im ersten Wahlgang etwa tritt Kreon (Oliver Bayer) gegen KatrinaR (Christoph Reichert) und Grumpy (Marc Olejak) an. Die „Kandidatengrillen“ genannte Fragerunde dreht sich vor allem um persönliche Fragen. Inhaltlich gibt es jenseits der Kernthemen (Transparenz, Datenschutz) viel Raum für Besonderes. So fordert Grumpy eine „Kennzeichnung von Polizisten, wenigstens per Nummer“, KatrinaR will Transsexualität im Landtag thematisieren und verspricht Transparenz auch in privaten Finanzfragen: „Ich werde jeden Monat meinen Kontoauszug veröffentlichen.“ Bayer wiederum glaubt: „Ich kann mich in alle Themen einarbeiten.“

Das hilft ihm am Ende nicht: Er scheitert in der Stichwahl, ebenso Winny Dehn. Dafür setzt sich Marc Olejak durch – jetzt auch mit ganzem Namen. Ob sein Weg durchs Labyrinth der Regeln tatsächlich in den Landtag führt? Das entscheiden zunächst die Landesdelegierten der Partei – und am 13. Mai die Wähler . . .

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