Das Hagen-Quartett und Cellistin Sol Gabetta überzeugten mit viel Feinsinn.

Das Hagen-Quartett und Cellistin Sol Gabetta überzeugten mit viel Feinsinn.
Das Geschwister-Quartett Hagen mit der Star-Cellistin Sol Gabetta (2.v.r.) auf der Bühne der Tonhalle.

Das Geschwister-Quartett Hagen mit der Star-Cellistin Sol Gabetta (2.v.r.) auf der Bühne der Tonhalle.

Susanne Diesner

Das Geschwister-Quartett Hagen mit der Star-Cellistin Sol Gabetta (2.v.r.) auf der Bühne der Tonhalle.

Nichts ist, wie es scheint. Dieser Satz gilt oft in der Musik. Ludwig van Beethovens frühes Streichquartett D-Dur op. 18 Nr. 3 bewegt sich noch nah an der Wiener Schule des alten Lehrmeisters Joseph Haydn. Aber selbst hier schlummert bereits der revolutionäre Beethoven, wenn auch noch nicht so offensichtlich. Der Beginn scheint aus dem Nichts zu kommen, ähnlich wie beim später entstandenen Quintett C-Dur, Deutschverzeichnis 956 Franz Schuberts. Beide Werke standen auf dem Programm beim Gastspiel des Hagen-Quartetts in der Tonhalle.

Zu dem exquisiten Kammerensemble gesellte sich die Star-Cellistin Sol Gabetta. Die prominente Musikerin erwies sich als Kassenmagnet der Veranstaltung. Mithin zeigte sich der Mendelssohn-Saal gut gefüllt mit Zuhörern.

Aber Gabetta trat nicht als Star in Erscheinung, sondern integrierte sich sachdienlich ins Quintett, um Schuberts spätes Gipfelwerk für zwei Violinen, Bratsche und zwei Celli in allen Klangfacetten aufleuchten zu lassen.

Es entstand eine Darbietung von feiner Textur und großer Ausdruckstiefe. Die Expressivität kam aber nicht plakativ daher, sondern entwickelte sich subtil. Die Fünf forcieren nichts, sondern halten sich dynamisch lange Zeit zurück, um die Akzente umso kraftvoller erscheinen zu lassen. Streckenweise musizieren Gabetta und das Hagen-Quartett allzu nobel und geizen mit dramatischen Effekten. Dadurch drohte der Spannungsbogen punktuell durchzuhängen, doch in der Gesamt-Dramaturgie zahlte sich das Konzept aus: Die Musiker verschossen sozusagen nicht zu früh ihr Pulver.

Schuberts großes Streichquintett ist ohnehin eine höchst seltsame und widersprüchliche Komposition. Das helle C-Dur verbreitet keineswegs durchgehend eitel Sonnenschein.

Schuberts Werk an sich ist eine widersprüchliche Komposition

Unheimliche Schattierungen sind allgegenwärtig. Vor allem im Schlusssatz, dem ein tänzerisches Allegretto zugrunde liegt, erscheinen Heiterkeit und Idylle trügerisch. Das Dur wird durch das Moll permanent in Frage gestellt. Und jeden Moment droht sich die beschwingte Stimmung in ihr glattes Gegenteil zu verkehren. Schubert hält den emotionalen Schwebezustand bis zum Schluss durch, an dem ein herbes Unisono wirkt wie der Deckel über einem tiefen Abgrund.

All diese Nuancen kamen in der Interpretation durch das Hagen-Quartett und Sol Gabetta klar zum Vorschein. Besonders stimmungsvoll gelang der balsamische, langsame Trio-Mittelteil des Scherzo-Satzes. Derweil spielt sich auch Primarius Lukas Hagen kein bisschen auf als Ensembleleiter an der Ersten Geige. Er reißt die Melodieführung nicht an sich, sondern achtet von vornherein auf die klangliche Feinabstimmung.

Auf dem Programm steht neben Musik der Klassik und Romantik auch ein kurzes Opus der Moderne: Sechs Bagatellen für Streichquartett des Schönberg-Schülers Anton Webern (1883-1945). Die Stücke dauern zusammen lediglich vier Minuten. Doch die haben es in sich.

Webern übt sich hier in einem sehr artifiziellen und subtilen Umgang mit der Zwölfton-Harmonik. Doch trotz des hohen Abstraktions-Niveaus wirken die mal weich und mal scharf klingenden Miniaturen romantisch. Die Hagens spielen die Bagatellen sehr analytisch, aber auch klangsinnlich. Im tonalen Umfeld des Programms bildet Webern einen anregenden Kontrast.

Angesichts einer gewissen Reizüberflutung mit wohligen Harmonien entfalten Weberns Klänge die Wirkung eines sanften Ohren-Putzers. Kräftiger Beifall im Saal - auch nach Webern.

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