Am Wochenende stieg an der Arena die Meisterschaft im Ultimate Frisbee. Die Düsseldorfer wurden überraschend Zweite.

Nur zwei Leute stehen, während der Rest über den Platz sprintet, sich freiläuft oder den Pass abfangen will: Der Spieler mit der Scheibe (r.) und sein direkter Gegenspieler.
Nur zwei Leute stehen, während der Rest über den Platz sprintet, sich freiläuft oder den Pass abfangen will: Der Spieler mit der Scheibe (r.) und sein direkter Gegenspieler.

Nur zwei Leute stehen, während der Rest über den Platz sprintet, sich freiläuft oder den Pass abfangen will: Der Spieler mit der Scheibe (r.) und sein direkter Gegenspieler.

Sergej Lepke

Nur zwei Leute stehen, während der Rest über den Platz sprintet, sich freiläuft oder den Pass abfangen will: Der Spieler mit der Scheibe (r.) und sein direkter Gegenspieler.

Düsseldorf. Die Stimme war auch ein Tag später noch nicht ganz wieder da. Kratzig und fast unhörbar sprach Aaron Brucklacher über sein Wochenende. Das ist nicht ungewöhnlich für einen Ultimate-Frisbee-Spieler, erst recht nicht für einen, der in seinem Team etwas zu sagen hat. Im Wortsinn. Zwei Tage lang rannte und schrie Brucklacher, 26, über die Rasenplätze unweit der Arena. Man erlebt schließlich nicht jedes Jahr eine Deutsche Meisterschaft in der eigenen Stadt.

Dafür waren die besten 16 Mannschaften des Sports, der in Deutschland seit den 80ern gespielt wird, den aber kaum jemand kennt, nach Stockum gekommen. Am Ende feierte „Bad Skid“ aus Massenbach im Landkreis Heilbronn seinen siebten Titel in Serie. Weniger vorhersehbar war der zweite Platz für die „Frisbee Family“, das Ultimate-Team des ART aus Rath. Eine „starke Leistung“ sei das für einen Aufsteiger, sagte Brucklacher, zumal sein Team „wenig Erfahrung“ habe, „manche spielen erst drei Jahre“.

Was ist das für ein Sport, bei dem man so schnell um den Titel spielen kann? Das fragten sich auch die Zuschauer, die zufällig vorbeikamen und verwundert dabei zusahen, wie die Spieler scheinbar wild durcheinanderrennen. Bei dem nur der eine mit der Scheibe stehen muss, um eine Anspielstation zu finden. Maximal zehn Sekunden dauert das, bis sich ein Passweg auftut und das Frisbee 70, 80 Meter durch die Luft fliegt, um kurz später punktgenau in der Hand des Mitspielers zu landen.

Klappt das in der gegnerischen Endzone, ist das wie beim Football oder Rugby ein Punkt – und das Geschrei ist groß. Auf dem Spielfeld, wo das punktende Team auch mal tanzt und ein spezielles Lied singt, aber auch drumherum, wo die übrigen Spieler und ihre Fans eine Mischung aus Festival und Picknick veranstalten.

Eine Mischung aus Hipster-Festival und dem Campus eines US-Colleges

Die einen sitzen auf Decken, Bierbänken oder Angerstühlen, die anderen stehen drumherum. Die einen gucken einfach zu und achten darauf, einen besonders lässigen Eindruck zu hinterlassen, was manchen sogar gelingt. Andere schreien unentwegt Kommandos aufs Feld. Wie die Vereinsnamen sind die meist auf Englisch: „Defence“, wenn die Abwehr nicht aufmerksam genug ist. Oder „Call“, wenn sie einen Regelverstoß sehen.

Aaron Brucklacher kam nicht zufällig zum Ultimate. Sein Vater Matthias gilt als Pionier. Ein Freund habe die Idee aus den USA mitgebracht, 1990 gründeten sie die „Frisbee Family“. Seit einigen Jahren ist die eine eigene Abteilung innerhalb des ART mit 50 aktiven Spielern.

Das nächste Projekt soll ein Jugendteam sein. Dabei helfen soll die Meisterschaft vom Wochenende. „Es war super, das Turnier hierzuhaben, wir haben jetzt gutes Videomaterial, mit dem wir werben können. Und außerdem hatten die Leute aus Düsseldorf die Möglichkeit, sich den Sport aus nächster Nähe angucken“, sagt Aaron Brucklacher.

Montags (20 Uhr) als Hochschulsport auf dem Uni-Sportplatz, zudem dienstags und donnerstags (19.30 Uhr) im Rather Waldstadion.

Kaum einer ist älter als 30. Mann trägt in der Regel Shorts, Muskelshirt, Baseball-Cap und Bart, Frau das, was der Second-Hand-Laden so hergab: Röhrenjeans oder Leggins, dazu Retro-Brille und auch mal Hut. Andere Jeans und T-Shirt. Das wirkt sehr amerikanisch, sehr cool. Wer mal in einem US-College war, kennt das.

Sie seien eben eine „typische Trendsportart“, sagt Aaron Brucklacher, es entstehe „eine entspannte Atmosphäre während des Turniers, da die Community nicht groß ist wir uns untereinander kennen“.

Zu den knapp 10 000 aktiven Spielern in Deutschland – in den USA, wo Ultimate herkommt, sind es mehr als fünf Millionen – gehören auch die beiden Würzburger Martin Wohlleber und Carsten Meinheit. Auch sie kennen fast jeden, auch sie sind Studenten. Und sie sind oder waren Nationalspieler. Deshalb hat sie ihr Sport schon reisen lassen. In Toronto haben sie gespielt, oder in Dubai. Wohlleber fliegt im Januar zur U 24-WM nach Australien. Bezahlen muss er das „größtenteils selbst“, so ist das im Trendsport.

Was nicht heißt, dass sie ihn nicht ernst nehmen würden. Vier Mal trainieren sie pro Woche, „vor großen Turnieren sieben Mal“, sagt Meinheit, „auch viel Lauf- und Krafttraining“. Entsprechend geht es zur Sache. Das Spiel ist eine einzige Rennerei, ständig fliegt jemand spektakulär durch die Gegend, um die Scheibe noch zu erreichen. Das Miteinander in den Pausen sei schön, sagt Meinheit, „aber auf dem Platz ist es der sportliche Wettbewerb, der einen reizt“.

In den USA sei das noch mal ganz anders. Da ist Ultimate nicht nur ein normaler College-Sport, da gibt es auch eine zumindest semiprofessionelle Liga, in der Gehälter gezahlt werden. Und in einigen Jahren könnte der Hype noch größer werden, auch hierzulande. Das Internationale Olympische Komitee hat schon angeklopft. Statt Doping- und Korruptions-Skandale zu moderieren, will es lieber Trendsport bieten und die Jugend erreichen. Skateboarden ist bereits 2020 in Tokio dabei, Ultimate Frisbee könnte acht Jahre später in Los Angeles folgen. Vielleicht ist dann der ein oder andere aktiv, der am Wochenende in Stockum über den Rasen flog.

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