Personenschützer Roland Herden über die Stimmung unter den Kollegen nach dem versuchten Mord in der Nachtresidenz

Interview
Roland Herden ist ausgebildeter Personenschützer und seit 20 Jahren Türsteher in Düsseldorf – und außerdem Buchautor.

Roland Herden ist ausgebildeter Personenschützer und seit 20 Jahren Türsteher in Düsseldorf – und außerdem Buchautor.

Dieter Sieckmeyer

Roland Herden ist ausgebildeter Personenschützer und seit 20 Jahren Türsteher in Düsseldorf – und außerdem Buchautor.

WZ: Wenn so etwas wie in der Nachtresidenz passiert, redet man in der Türsteher-Szene darüber?

Roland Herden: Klar reden wir drüber. Erstmal checken wir ab, ob wir denjenigen kannten, oder ob an diesem Abend jemand gearbeitet hat, den wir kennen, damit wir Infos aus erster Hand bekommen. Die Presse ist uns da zu schwammig. Wir sind ziemlich gut vernetzt. Immer kennt einer einen, der einen kennt. Unsere Gedanken sind da schon recht straight. Da hat wieder einer aus falschem Stolz gehandelt, obwohl ihm sicherlich vorher Respekt entgegengebracht worden ist. Als Zweites kommt uns dann natürlich in den Sinn, dass wir für diesen Job zu wenig Geld bekommen. Und wir rufen uns in Erinnerung, wie wir uns vorher noch anhören durften, wie ruhig immer alles ist und dass wir uns mal nicht so anstellen sollen.

Hat sich das Verhalten der Menschen geändert? Ist das Klima an der Tür rauer geworden?

Herden: Das Verhalten der Menschen ist in der Tat rauer geworden. Es ist schon fast so, als würden sie ihren angestauten Unmut auf alles und jeden projizieren, der Autorität ausstrahlt wie Polizei oder Rettungskräfte. Ich stand schon oft dabei, wie Polizisten auf das Übelste beleidigt oder Sanitäter aus der Ferne beworfen wurden. Dass wir Türsteher übel beleidigt werden, gehört schon fast zu einer festen Konstante des Nachtlebens. Da ziehen die meisten Jungs noch nicht mal mehr eine Augenbraue hoch.

Wie fühlt man sich an der Tür? Hat jeder Angst, dass er selbst zu Schaden kommt, oder gehört das absolute Selbstbewusstsein einfach zu dem Beruf?

Roland Herden wurde 1970 in Duisburg geboren und absolvierte zunächst eine Lehre als Süßwaren-Techniker. Nach der Bundeswehr beschäftigte er sich mit verschiedenen asiatischen Kampfsportarten.

Seit 20 Jahren arbeitet Herden als Türsteher in Düsseldorf, regelmäßig im Stahlwerk, aber auch in der Altstadt. Der 47-Jährige ist auch ausgebildeter Personenschützer und darf eine Waffe tragen. Eingesetzt war er unter anderem für Audi zum Schutz des Rally-Teams im Ausland.

Schon seit der Jugend schrieb Herden nebenher Drehbücher und Geschichten. In seinem ersten Roman „Wer stirbt schon gern für Schokolade?“ verarbeitete er auch sein Wissen als Süßwaren-Techniker. Gerade hat Herden mit „Abgefahrene Anekdoten“ sein neuntes Buch veröffentlicht.

Herden: Keine Frage, absolutes Selbstbewusstsein gehört dazu. Wenn Du das nicht hast, hast du an der Tür nichts verloren. Weil Du ständig unterbesetzt bist und trotz alledem viele Dinge koordinieren musst. Du erfüllst Wünsche des Betreibers („Lass die Gäste zügig und höflich rein. Auch wenn sie sich dir gegenüber kapriziös benehmen wenn es mit der Gästeliste mal nicht schnell genug geht“), des Veranstalters („Achtet auf das Rauchverbot, sonst gibt es Ärger mit dem O-Amt, sagt dem DJ er soll die Bässe nicht so reinhämmern, sonst gibt es Ärger mit den Anwohnern etc.“) und machst nebenher ja auch noch die eigentliche Tür („Passt heute nicht, heute ist die und die Veranstaltung. Nächste Mal wieder gern. Geht doch da und da hin.“).

Was macht einen guten Türsteher aus? Welche Fähigkeiten muss man mitbringen?

Herden: Gar nicht mal so einfach. Ich bin zudem noch aufgrund meiner militärischen Vergangenheit befugt, Betriebssanitäter zu sein. So habe ich noch mal einen Part mehr, den ich aber sehr gern erfülle, wenn ein Bardame sich bei Spülen geschnitten hat oder ein Gast in eine Scherbe getreten ist. Zudem sind wir Türsteher auch noch halbe Psychologen, die schlichten, wenn Pärchen sich streiten oder ein Typ der Liebe seines Lebens nachweint. Am Ende einer Nacht wirst du daran gemessen, wie viel Ärger und ob es Beschwerden seitens der Gäste gab. Dann ist man natürlich schon etwas angefressen, wenn alles gut gelaufen ist und man daran gemessen wird, dass man einen Gast mit der Taschenlampe angeleuchtet hat, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass Rauchverbot herrscht. Der Veranstalter wünscht sich dann, Du hättest mit ihm bei 110 Dezibel ein einfühlsames Einzelgespräch führen sollen. Mit dem einen, und den anderen 30 auch noch...

Wie ist das Verhältnis zwischen Türstehern und der Polizei?

Herden: Das Verhältnis zwischen Polizei und Türsteher ist überaus respektvoll. Den gemeinen Türsteher, der sich damit profiliert, anderen Menschen was vor die Mütze zu hauen, gibt es so an sich gar nicht mehr. Die Betreiber achten immer darauf geschultes Security-Personal, einzustellen. Auf der anderen Seite gibt es auch nicht mehr die kompromisslose Polizei, die zu keinem Dialog bereit ist. Es ist ein Miteinander. Wir sitzen in der Altstadt alle in einem Boot. Einmal habe ich bei einer üblen Massenschlägerei einem Polizisten das verlorene Funkgerät wieder aufgehoben, damit er Verstärkung rufen konnte. Auf der anderen Seite wollte ein abgewiesener Gast mit grossem Krakele den Laden verklagen. Eine Polizeibeamtin hat darauf hin mit wenigen Satzbausteinen dieses hirnrissige Vorhaben ausgehebelt. Sagen wir mal so: Wir fallen uns jetzt nicht in die Arme, wenn wir uns sehen oder betrachten uns als Kollegen. Aber ein stummes anerkennendes Nicken sagt im Nachtleben ja mehr als tausend Worte.

© WhatsBroadcast

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