Spezialisten der Uni-Klinik operieren Patienten mit Bewegungsstörungen.

Medizin
Acht Jahre ist es her, dass Christopher Woköck von Bettina Westhoff operiert wurde. Heute geht er nahezu normal.

Acht Jahre ist es her, dass Christopher Woköck von Bettina Westhoff operiert wurde. Heute geht er nahezu normal.

Bernd Schaller

Acht Jahre ist es her, dass Christopher Woköck von Bettina Westhoff operiert wurde. Heute geht er nahezu normal.

Düsseldorf. Wenn es seine Ärzte nicht gäbe, säße Christopher Woköck heute wahrscheinlich im Rollstuhl. Zehn Wochen zu früh geboren ist der heute 20-Jährige mit einer „Infantilen Cerebralparese“ auf die Welt gekommen – einer frühkindlichen Hirnschädigung, die vor allem die motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt.

Unter anderem ist die Muskelspannung verändert, am häufigsten sind die Muskeln spastisch und zeigen eine erhöhte Spannung. Nach einer langen Suche ist Christophers Mutter Felizitas Woköck, die mit ihrem Sohn in Straßenhaus im Westerwald lebt, vor acht Jahren auf die Spezialisten der Düsseldorfer Uni-Klinik aufmerksam geworden.

„Patienten aus ganz Deutschland kommen zu uns, regelmäßig lassen sich auch Patienten aus dem Ausland behandeln“, sagt Bettina Westhoff, Leitende Oberärztin für Kinder- und Neuroorthopädie der Orthopädischen Klinik.

„Etwas über ein Jahr nach seiner Geburt gab es die ersten Anzeichen – als Christopher drei war, hatten wir dann die Gewissheit, dass da tatsächlich etwas nicht stimmt“, sagt Felizitas Woköck. „Er war in seiner Entwicklung verzögert und konnte erst mit drei Jahren frei laufen, obwohl er geistig immer im Normalbereich war“, sagt sie.

Eine Bewegungsstörung tritt bei einer Cerebralparese immer auf

Fast zehn weitere Jahre hat es von da an gedauert, bis er nach Düsseldorf kam und operiert wurde. „Die Schädigung kann während der Schwangerschaft der Mutter, der Geburt oder in den ersten Lebenswochen entstehen“, sagt Westhoff. Zusammen mit Rüdiger Krauspe, dem Direktor der Klinik, hat sie Christopher operiert.

Bei etwa zwei von 1000 Geburten tritt die Störung auf, bei extremen Frühgeburten mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm sogar in 50 bis 65 Fällen. „Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, aber eine Bewegungsstörung tritt in Zusammenhang mit einer Cerebralparese immer auf“, sagt Westhoff.

„In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um spastische Bewegungsstörungen. Durch Beeinträchtigungen in der Knochen-, Muskel- und Gelenkentwicklung und daraus resultierende deformierende Kräfte entstehen Fehlstellungen an den Armen, der Wirbelsäule und den Beinen: Wirbelsäulenverkrümmungen, Hüft- und Kniefehlstellungen, Klump-, Spitz- oder Plattfüße können die Folge sein“, so die Ärztin.

Wird die Krankheit frühzeitig erkannt, kann sofort mit der Therapie begonnen werden: Die betroffenen Muskeln werden gedehnt und können auch durch das sonst aus der Schönheitsmedizin bekannte Botulinumtoxin geschwächt werden.

„So können das Muskelgleichgewicht und damit die Funktion verbessert und Muskelverkürzungen vermieden werden“, erklärt Westhoff. Je nachdem, wie ausgeprägt die Spastik und ihre Folgen sind, kann im Kindes- oder Jugendalter dann aber doch eine Operation nötig werden. „An der Gehirnschädigung kann man bisher jedoch nichts machen“, sagt Westhoff.

„Die Ganganalyse ist bisher nur in wenigen Zentren möglich“

In Christophers Fall war die Störung eher stark ausgeprägt. Er lief einwärts gedreht, mit einem extremen Hohlkreuz und sehr instabil. Im Ganglabor der Uni-Klinik haben die Ärzte unter anderem feststellen können, dass sein Becken beim Gehen zu weit nach vorn gekippt ist und dass das Timing in der Beugung des Knies schlecht ist, die Bewegung verzögert ist.

„Diese aufwändige Ganganalyse ist bisher nur in wenigen Zentren möglich“, sagt die Kinderorthopädin. Während einer fünfeinhalbstündigen OP wurden beide Oberschenkelknochen des damals Zwölfjährigen durchgesägt und nach außen gedreht, einzelne Sehnen und Muskeln wurden verlängert und versetzt. „Insgesamt haben wir zwölf Muskeln bearbeitet“, so Westhoff. Anschließend waren Knie, Sprunggelenk und Hüfte im Normalbereich.

„Ich habe zwar nie Probleme in der Schule gehabt, bin nie gemobbt worden, aber die Operation hat mir ungemein geholfen“, sagt der 20-Jährige heute. „Auch vorher habe ich stets versucht, am Sportunterricht teilzunehmen, aber ich war immer schnell aus der Puste. Das ist heute komplett anders.“

Durch die lange Fehlzeit konnte Christopher zwar nicht in seiner alten Klasse bleiben, demnächst wird er aber seinen Realschulabschluss an einer Körperbehindertenschule in Rhöndorf machen. „Danach möchte ich noch mein Abitur nachholen und dann im kaufmännischen Bereich arbeiten.“

Komplett verschwinden wird seine Behinderung zwar nie, aber mit regelmäßiger Krankengymnastik wird sie sich voraussichtlich auch nicht wieder verschlechtern. „Darum geht es uns – wir wollen unseren Patienten Lebensqualität zurückgeben“, sagt Bettina Westhoff.

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