Der Düsseldorfer Vermögensforscher Thomas Druyen über Superreiche und den Unterschied zwischen Reichtum und Vermögen.

Thomas_Druyen-3.jpg
Der Düsseldorfer Thomas Druyen gilt als einziger deutschsprachiger Reichtums- und Vermögensforscher.

Der Düsseldorfer Thomas Druyen gilt als einziger deutschsprachiger Reichtums- und Vermögensforscher.

Melanie Zanin

Der Düsseldorfer Thomas Druyen gilt als einziger deutschsprachiger Reichtums- und Vermögensforscher.

Düsseldorf. Der Düsseldorfer Vermögensforscher Thomas Druyen über Superreiche und den Unterschied zwischen Reichtum und Vermögen.

Herr Druyen, Sie sind der einzige Vermögenskulturforscher im deutschen Sprachraum. Was wollten Sie mit zwölf Jahren werden?

Thomas Druyen: Ich glaube Schauspieler. Zwei Herzen schlagen in meiner Brust: Mein Vater war Schauspielschüler bei Gustaf Gründgens. Meine Mutter war eine preußische Kaufmannstochter, bei der Leistung und Pflichterfüllung im Vordergrund standen. Das habe ich im Ergebnis neu gemischt.

Geworden sind Sie Vermögensforscher. Sind wir das in einem gewissen Sinn nicht alle?

Druyen: Ich glaube, wir wären gerne Vermögensforscher ... Das war mehr oder weniger Zufall. Ich bin Soziologe von Haus aus. Aber schon als Student hat mich der demografische Wandel und das Zusammenleben der Generationen interessiert. Im Rahmen dieser Forschung habe ich für eine Studie über 500 Menschen zwischen 60 und 100 Jahren interviewt. Da waren auch einige dabei, die sehr reich waren. Reichtum war eigentlich nicht mein Suchmuster. Aber mir fiel auf, dass wir über die Superreichen so gut wie gar nichts wissen. Es wurde bis dahin über die Spitze der Reichtumspyramide kaum geforscht, auch weil man an sie schlecht herankam.

Thomas Druyen wurde 1957 in Süchteln geboren. Er studierte Soziologie, Jura, Publizistik und Philologie in Münster, wo er 2000 zum Professor berufen wurde. Von 1996 bis 2013 war er verheiratet mit Jenny Jürgens. Er lebt in Gerresheim.

Thomas Druyen ist Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien und gilt als einziger deutschsprachiger Reichtums- und Vermögensforscher. Seit kurzem widmet sich Druyen verstärkt der Zukunftsforschung. Seit Oktober ist er Leiter des neuen Instituts für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement, ebenfalls an der Freud-Uni in Wien.

Sind Sie reich?

Druyen: Das ist ein Witz im Verhältnis zu den Leuten, die ich interviewt habe. Reichtum beginnt im einstelligen Millionenbereich, in der Vermögensforschung fangen wir bei 30 Millionen Euro erst an.

Es geht also um Multimillionäre. Mit welchem Ziel haben Sie Ihre Forschung begonnen?

Druyen: Auch und vor allem um Milliardäre. Es gab zum damaligen Zeitpunkt sechs Millionen Millionäre und 350 Milliardäre weltweit. Heute sind es 14 Millionen und 2500. Diese kleine Klientel besitzt einen großen Teil des Weltvermögens. Es war mir rätselhaft, warum speziell diese Gruppe nicht schon vorher wissenschaftlich untersucht worden ist. Seit über zehn Jahren analysieren wir nun die Bedeutung dieser Hochvermögenden auch im Sinne der psychologischen Begleitumstände. Wir möchten dazu beitragen, den Mythos des Reichtums verständlich und durchschaubar zu machen.

Ändert das denn etwas?

Druyen: Gute Frage. Da das Thema Reichtum eine mythische Wundertüte ist, ist auch Aufklärung ganz unverzichtbar. Wenn sie dann noch zu mehr Verantwortung führt, ist es sicher sinnvoll.

Wie definieren Sie den Unterschied zwischen Reichtum und Vermögen?

Druyen: Reichtum ist quantitativ. Die Frage ist: Was macht man mit dem Geld? Und: Was macht das Geld mit einem? Vermögen ist das, was man zu leisten imstande ist. In diesem Sinne hat jeder ein Vermögen. Wenn eine Lehrerswitwe mit kleiner Rente Migrantenkindern die deutsche Sprache beibringt, ist das ein ganz hohes Vermögen. Reichtum heißt, an sich zu denken. Vermögen heißt: Verantwortung zu übernehmen. Deshalb sprechen wir von Vermögenskultur. Damit meine ich nicht nur, dass Vermögen gespendet oder gestiftet wird, sondern vor allem auch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber die Krux dieser Gesellschaft ist, dass wir wahnsinnig viel darüber wissen, was gut wäre – es aber nicht tun.

Warum ist das so?

Druyen: Wir leben in einer Ankündigungsdemokratie. Schauen wir uns die Verlautbarungen aus der Politik an. Es wird permanent etwas versprochen und nicht gehalten, weil viele Strategien und Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen.

Wann ist die Schere zwischen Arm und Reich zu weit offen?

Druyen: Das Bild von der Schere ist wirklich simpel. Die These kann man belegen, aber auch die Gegen-These dokumentieren, weil die Zahl der Armen nach UN-Angaben zurückgegangen ist. Tatsächlich öffnet sich die Schere zwischen Mittelschicht und Superreichtum immer weiter. Ohne gesunde Mittelschichten gibt es keine Demokratie. Exorbitanter Reichtum, der nicht mehr in Bezug zur Lebenswirklichkeit steht, ist fehlgeleitet.

Wie soll man dem begegnen? Mit Enteignung?

Druyen: Dieses Wort ist in meinem Sprachschatz nicht vorhanden.

Wie ist es mit dem Wort Umverteilung?

Druyen: Ja, es wird doch ständig umverteilt, vor allem auf den Finanzmärkten. Was wir brauchen, ist eine faire und gerechtigkeitsfördernde Steuergesetzgebung – ohne Schlupflöcher als Privilegien. Sie sehen: Ich bin Vermögensforscher, aber kein Interessenvertreter. Ich unterscheide: Reiche, die sich nur um sich selbst kümmern, sind der Gesellschaft nicht dienlich. Vermögende, die Verantwortung übernehmen, sind unverzichtbar für die Zukunft.

In Düsseldorf gibt es eine Reihe Menschen, die wohltätig im Hintergrund wirken – wie die Ehrenbürger Udo van Meeteren oder Albrecht Woeste. Die müssten doch auch Ihrem Idealbild entsprechen?

Druyen: Ja, van Meeteren und andere haben auch noch mäzenatisches Blut. Das ist großartig. Einer der ersten Mäzene der Stadt war übrigens Helmut Horten. Der hat der Stadt Altenheime geschenkt und wollte nicht erwähnt werden. Diese Mentalität befreit von Eitelkeit ist bewunderungswürdig.

Verdirbt Geld den Charakter? Wie ist es um die Moral der Milliardäre bestellt?

Druyen: Hohe Geldsummen sind eine extreme Herausforderung für den Charakter. Ab einer gewissen Dimension ist der Verführungsgrad enorm hoch. Natürlich erliegen einige der Illusion, alles wäre käuflich. Umgekehrt ist es aber auch charakterbildend – wenn man dem widerstehen kann. Und das können auch zahlreiche Vermögende. Das oberflächliche Bild in der Öffentlichkeit von vielen Reichen ist ja völlig unangemessen, das wird von den Geissens und ähnlichen Karikaturen geprägt. Dabei sehen unternehmerische und verantwortungsbewusste Tätigkeiten völlig anders aus. Wichtig ist, dass wir keine Stereotypen in die Welt setzen.

Braucht es in Gesellschaften Reiche?

Druyen: Mir ist keine nachhaltige Gesellschaft bekannt, die es ohne ein bestimmtes Maß an Hierarchien geschafft hätte. Wenn Kompetenzen keine Rolle gespielt hätten, wären wir aus dem Neandertal nie herausgekommen. Es braucht Formen der unternehmerischen Lebensgestaltung und der verbindlichen Ordnung. Es bedarf der Vermögensbildung, um eine demokratische Gesellschaft zu gewährleisten.

Bei Geld hört die Freundschaft auf. Haben Sie schon Freunden Geld geliehen?

Druyen: Nichts Spektakuläres. Aber in der Freundschaft sind zuweilen andere Formen der Unterstützung viel wesentlicher, die man mit Geld keineswegs erreichen könnte.

Geld macht nicht glücklich, Geld kann man nicht essen?

Druyen: Keine Frage. In meiner Vermögensforschung und den vielen Gesprächen mit Multimillionären und Milliardären habe ich immer wieder gehört und erlebt, dass selbst Unsummen nicht zwangsläufig Glück erzeugen. Außerdem wissen wir von Studien renommierter Universitäten, dass sich der Grad der Zufriedenheit jenseits eines Jahreseinkommens von 75 000 US-Dollar nicht wesentlich erhöht. Reichtum und Vermögen erzeugen Verfügungsgewalt, Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiräume. Aber Gesundheit, Liebe und Glück sind auch mit Geld nicht käuflich.

Düsseldorf gilt als Stadt der Neureichen. Macht es einen Unterschied, wenn großer Reichtum plötzlich neu erworben wurde?

Druyen: Natürlich, wenn man über Generationen mit Vermögen vertraut und bewandert ist, entwickelt sich eine andere Erfahrungsmentalität, als wenn diese Herausforderung plötzlich eintritt. Man sieht es ja an den Lottomillionären. 75 Prozent dieser Gewinner haben nach vier Jahren alles verbraucht. Ohne Selbstdisziplin ist selbst das Glück schwer zu tragen.

Sie haben eine Stiftung gegründet „Dialog der Generationen“. Die existiert nicht mehr. Warum?

Druyen: Das war langfristig als Familienstiftung geplant. Nachdem meine Ehe geschieden wurde, war der Stiftungszweck nicht mehr realisierbar. Dennoch sind wir beide, jeder für sich, dem Generationenthema treu geblieben. Das Projekt „Herzwerk“ von Jenny Jürgens ist vorbildlich.

Seit Oktober sind Sie auch Direktor eines neuen Instituts an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. Worum geht es da?

Druyen: Aus sozialpsychologischer Perspektive gehen wir davon aus, dass der Mensch der Gegenwart total überfordert ist. Zu viele Krisen, Bedrohungen und eine unfassbar schnelle Veränderung unserer technischen, politischen und globalen Umwelt. Wir reagieren nur noch. Es fehlt die Zeit, sich zu besinnen, vorauszuschauen. Diese fehlende Zukunftskompetenz wollen wir erarbeiten. Wenn heute ein Mädchen geboren wird, hat das eine Lebensperspektive von hundert Jahren. Da ist man ohne Planung und Vorsicht in Teufels Küche. Da sind wir allerdings schon jetzt.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer