Der Generalintendant der Oper über die Zukunftsfähigkeit (s)einer Kunstform.

Düsseldorf, Heinrich-Heine-Allee, 5 Uhr morgens. Es ist noch kalt um diese Zeit. Das Licht im Opernhaus ist auf Nachtbetrieb gedimmt. In seinem Wiederschein nimmt man einzelne dunkle Gestalten wahr. Sie versammeln sich vor der Eingangstür zum Kassenfoyer. Immer mehr Menschen kommen dazu, und bald schon hat sich eine beträchtliche Menge gebildet. In der gegenüberliegenden Polizeistation wird man unruhig. Was tut sich da? Sind das Altstadt-Freaks oder formiert sich hier gar eine unangemeldete Protestaktion?

Lange Schlangen von Wartenden: Opern-Vorverkauf ist Rock’n’Roll

Zwei Kleintransporter fahren vor und parken auf dem Betriebsgelände neben dem Opernhaus. Die Türen zu den Ladenflächen werden geöffnet. Man erkennt Kessel, aus denen es dampft. Heißer Tee wird an die Wartenden ausgeschenkt, deren Zahl schon unüberschaubar geworden ist. Im Morgenlicht klären sich die Konturen: Es sind Menschen verschiedenen Alters, die da zusammen gekommen sind: junge Leute, reifere Jahrgänge, auch viele Kinder sind dabei. Sie sind gut gelaunt, unterhalten sich oder tragen Headsets, über die sie Musik hören.

Musik ist es, die alle vereinigt, Musik und Theater. Deshalb drängen sie sich vor der Opernkasse, wo in wenigen Stunden der Vorverkauf für die nächste Saison beginnt.

"Oper für alle" ist nicht nur ein Slogan, sondern wahr geworden

Oper für alle, das ist nicht nur ein Slogan, das ist wahr geworden in Düsseldorf wie in Duisburg, wo die Deutsche Oper am Rhein zu Hause ist. Sie meinen, ich träume? Sie haben recht, aber ich weiß, woraus der Stoff meiner Träume ist. Er besteht aus der Überzeugung, dass Oper eine Kunstform für alle ist, die über 400 Jahre ihre Faszination, Beständigkeit und Unverwüstlichkeit bewiesen hat und deren Beweglichkeit und Lebendigkeit immer wieder staunen lässt. Sie wird auch der rasant wachsenden Schnelllebigkeit unserer Zeit, der zunehmenden Mobilität und Geschwindigkeit aller Ereignisse gewachsen sein.

Der Saisonstart 2009/2010 hat mich in dieser Zuversicht ungemein gestärkt. Ich denke an die festliche Gestimmtheit aller bei der glanzvollen Eröffnungsgala, an die Freude und spontane Begeisterung der vielen Tausend, die diese Gala als "Oper am Rhein für alle" auf dem Burgplatz mit gefeiert haben, ich denke an unsere gleichermaßen Zustimmung und Zündstoff auslösenden Eröffnungspremieren "Peter Grimes" und "Salome" und an die Unmittelbarkeit, mit der sich das Publikum für die große Vision unseres neuen Ballettdirektors Martin Schläpfer und seiner Compagnie geöffnet hat.

Christoph Meyer (49) war u.a. ab 1993 Leiter des künstlerischen Betriebsbüros an der Oper Köln, 1995 bis 2000 künstlerischer Produktionsdirektor am Gran Teatre Del Liceu in Barcelona, 2000 Generalsekretär der Deutschen Oper Berlin, ab 2004 Operndirektor in Basel, ab 2007 Interims-Intendant in Leipzig.

Diese Zuversicht trägt die tägliche Arbeit unseres großen internationalen Ensembles. Wichtig ist, dass es uns gelingt, noch mehr Menschen mit unserer Leidenschaft anzustecken und ihnen das Gefühl zu vermitteln, ohne Oper und Ballett einen bedeutenden Glücksmoment des Lebens zu verpassen.

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