Das Gericht trennte die Geschwister. Ein Ausnahmefall. Der Umgang ist jetzt vom Gericht geregelt – doch der Kampf geht weiter.

Düsseldorf. Damit Beatriz Moreira (alle Namen der Familie geändert) ihren kleinen Bruder treffen kann, musste die inzwischen 17-Jährige vor Gericht ziehen. Jetzt darf sie den 14 Jahre alten José alle zwei Wochen freitags besuchen. Bei ihrem Vater zu Hause. „Er erzählt, meine Mutter sei verrückt“, sagt Beatriz.

Sie hasst die bösen Worte, fühlt sich unwohl in diesem Haus. Wenn sie aber ihren kleinen Bruder sehen will, muss sie das Gefühl ertragen. Es ist der traurige Alltag der zerbrochenen Familie Moreira-Schubert. Ein Alltag, der Beatriz regelrecht krank machte.

Schon vor zwei Jahren berichtete die WZ über das Schicksal der deutsch-brasilianischen Familie. Damals hatte Beatriz Depressionen, litt unter Ohnmachtsanfällen, fiel mehrmals am Tag einfach um. Laut Ärzten in der Uni-Klinik aus Verzweiflung über den Streit der Eltern – und Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Von ihm trennte das Gericht sie 2004. Nach einem erbitterten Streit der Mutter Giovanna Moreira und des Vaters Thilo Schubert um das Sorgerecht wurde das Geschwisterpaar kurzerhand aufgeteilt wie im Doppelten Lottchen: Beatriz blieb bei der Mutter, José kam zum Vater. Eine absolute Ausnahmeentscheidung, bestätigte ein Gerichtssprecher der WZ.

„Der Vater schafft es nicht, José aus dem Konflikt herauszuhalten“

Seither kämpfen Beatriz und ihre Mutter um den Kontakt zu José. Im Grunde sogar erfolgreich: Vor zwei Jahren fällte ein Gericht den Beschluss, dass der Junge nicht nur Beatriz alle 14 Tage sehen darf, sondern auch jedes zweite Wochenende und die erste Hälfte der Schulferien bei Mutter und Schwester verbringen soll.

„Aber wann immer ich ihn abholen will, stehe ich vor verschlossenen Türen“, sagt Giovanna Moreira. „An seinem Geburtstag habe ich José fünf Minuten gesehen – vor der Tür. In die Wohnung darf ich nicht.“

Der 14-Jährige wolle die Mutter nicht sehen, das müsse man akzeptieren, argumentiert Schubert vor Gericht. Doch die Aussagen des Jungen gehen nur auf die Beeinflussung durch den Vater zurück, glaubt Giovanna Moreira.

Wenn nicht sogar auf eine Bedrohung. Ein Bericht des Jugendamtes über Josés Reaktion auf den Gerichtsbeschluss scheint ihr Recht zu geben. Darin heißt es, der Junge habe sich gefreut, Mutter und Schwester wiederzusehen – sei dann angesichts des wütenden Vaters jedoch zurückgerudert: „Die tiefe Betroffenheit des Vaters über diese Entscheidung des Gerichts kann José nicht übersehen und ertragen. Der Vater schafft es nicht, José aus dem elterlichen Konflikt herauszuhalten. José nimmt sehr sensibel die Wut und Enttäuschung seines Vaters wahr.“

Giovanna Moreiras Anwältin Ute Hasskamp, Mitglied im Vorstand der Anwaltskammer, schreibt inzwischen nach jedem versäumten Wochenende einen Antrag auf Ordnungsgeld gegen Thilo Schubert. Der erste wurde bereits zurückgewiesen – mit dem Hinweis darauf, dass José mit 14 Jahren selbst mitentscheiden könne, ob er Mutter und Schwester sehen will.

Dass er das tatsächlich kann, zieht Dr. Eberhard Motzkau von der Kinderschutzambulanz am EVK in Zweifel. „Ich halte es für möglich, dass sich Kinder so an ein Elternteil gebunden fühlen, dass sie keine abweichende Meinung mehr äußern“, sagt Motzkau. „Und wenn Eltern sich so streiten, rutschen Kinder sofort in eine Verantwortungsposition.“ Vermutlich verstärkt durch die Geschwistertrennung, welche aus Sicht der Kinder laut Motzkau den Eindruck erweckt haben könnte: Du, Sohn, kümmerst dich künftig um den Vater und du, Tochter, um die Mutter.

Ob der Junge also tatsächlich einfach keine Lust hat, seine Mutter zu sehen, oder ob der Familienkrieg ihn inzwischen zermürbt hat, ist unklar. „Dennoch ist die Vollstreckung in Umgangsfällen sehr schwierig“, sagt Anwältin Hasskamp. Besonders wenn ein Elternteil die „Blockade auf dem Buckel des Kindes“ so vehement aufrecht erhalte. Der Fall ist auch für die Rechtsexpertin einmalig. Nicht nur wegen der seltenen Entscheidung, die Kinder zu trennen: „Dass es über Jahre so massiv brodelt, ist sehr ungewöhnlich.“

Beatriz’ Ohnmachtsanfälle haben aufgehört – sie hofft weiter

Giovanna Moreira und ihre Tochter wollen dennoch nicht aufgeben. Nach einer sechsmonatigen Auszeit in Brasilien sind immerhin Beatriz’ Anfälle verschwunden. Sie wurde gerade an einer Schauspielschule angenommen und freut sich auf die Ausbildung. Und sie hofft weiter, dass sie irgendwann doch einfach mal mit ihrem kleinen Bruder ins Kino gehen kann, ein Eis essen oder etwas anderes mit ihm unternimmt, das ganz normale Geschwister so tun.

© WhatsBroadcast

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