Stadt-Teilchen DUSsel gehabt in Lohausen – vom Warten, Lesen und Zeit vertreiben

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Reisende warten im Düsseldorfer Flughafen.

Reisende warten im Düsseldorfer Flughafen.

Ein Zeitschriften-Regal – ideal, um sich die Zeit zu vertreiben.

dpa, Bild 1 von 2

Reisende warten im Düsseldorfer Flughafen.

redaktion.duesseldorf@wz.de

Düsseldorf freut sich auf die Wiedereröffnung des Aquazoos, wo jetzt wieder viele exotische Tiere in ihrem Element bestaunt werden können. Durchgängig länger geöffnet ist dagegen ganz in der Nähe ein anderer Gebäudekomplex im Stadt-Teilchen Lohausen: Der Flughafen Düsseldorf, kurz DUS, seit Monaten eine Art Aquazoo, besser gesagt Terrarium für Warteschlangen.

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Reisende warten im Düsseldorfer Flughafen.

Reisende warten im Düsseldorfer Flughafen.

Ein Zeitschriften-Regal – ideal, um sich die Zeit zu vertreiben.

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Ein Zeitschriften-Regal – ideal, um sich die Zeit zu vertreiben.

Zu beobachten sind überlange, dabei noch schnell wachsende menschliche Schlangen, die sich zusammengenommen in ihren Verhaltensauffälligkeiten kaum von ihren tierischen Vorbildern unterscheiden. Deren Eigenschaften: sich winden, schlingen, schleichen. Allerdings: Schlangen in freier Wildbahn können schon mal blitzschnell in die Luft gehen, wenn man sie reizt. Bei der menschlichen Art ist’s umgekehrt: Sie ist schnell gereizt, wenn sie nicht in die Luft gehen kann, sondern am Boden festgehalten wird. Dann wird sie giftig.

So ging’s mir erst kürzlich, wie später glücklicherweise auch dem Oberbürgermeister der Destination DUS. Extra früh an-, irgendwie durchgekommen, blieb dann gedehnte Zeit, sich durch den Gebäudekomplex zu schlängeln. Als Mutation aus Brillen-Schlange und Leseratte landete ich im Zeitschriften-Kiosk. Das beruhigte nicht nur, sondern machte Mut. Lebensmut. Wer glaubt oder fürchtet, Print sei tot, der schaue mal in den Blätterwald eines Flughafen-Kiosks, die Bahnhofsbuchhandlung tut’s auch. Ich gehöre also doch noch nicht zu einer aussterbenden Spezies.

Dann sollte ich aber auch auf mich achten. Deshalb konzentriere ich mich auf Rat gebenden Frauen-Zeitschriften. Lebenshilfe all überall. Beispiel „Donna“ mit dem Button drauf: Mehr Mut zum Ich. Weil „Meine Zeit ist jetzt!“ (Wie sollen die auch wissen, dass sie mir auf dem Flughafen gerade gestohlen wird.) Männer kommen auch vor mit der frohen Botschaft: „Deine Wechseljahre sind auch meine, Schatz.“ Kommt drauf an, was Mann darunter versteht. „Myself“ hat das Mantra: „Ich will, ich kann, ich werde.“ Die „Maxi“ titelt die Erkenntnis „Liebe macht uns ratlos, blind, verrückt. Aber ohne ist auch blöd.“ Du Liebes-Bisschen, wie neu! „Petra“ verspricht: „So zaubern Sie zehn Jahre weg.“ Ich hätte lieber noch zehn dazu. Kulleraugen bekam ich angesichts der Frontpage von „Madame“, die ich bisher für eine seriöse Publikation für ältere Damen gehalten hatte. Titelthema: Pussy Cut. Kein Schreibfehler, sondern eine schönheitschirurgische Empfehlung unterhalb der Gürtellinie.

Endlich wird mein Flug aufgerufen. Schon bin ich wieder ein Glied einer neuen Schlange. Reingeklettert, angeschnallt, der übliche Griff zum Airline-Magazin. Doch in der Sitztasche lauert eine ganz neue Art von Flugangst. Bereits auf den ersten Seiten springt mich ein schwarz vermummter Bösewicht an: „Das ist nicht ihr Nachbar.“ Darunter: „Dann sorgen Sie dafür, dass er draußen bleibt.“ Wie denn, ich hänge doch hier in der Luft? Gut, dass Nachbar Peter zu Hause aufpasst.

Auf den folgenden Seiten geht’s weiter: „Einbrecher machen keinen Urlaub.“ Dazu die Abbildung einer Reisetasche – für die fette Beute. Umblättern: „Einbrecher sind smart – Ihr Zuhause ist smarter“ und könnte angeblich alleine auf sich aufpassen. Home, smart Home. Die haben sich mit der Anzeigenschaltung im Bordmagazin ihre Zielgruppe gut ausgesucht, quasi ohne Streuverlust. Aber wer versichert mich gegen gestohlene Zeit?

Alles gut gegangen. Daheim und unterwegs. Glatt gelandet aus Venedig. Am Gepäckband erwarten mich Standing Ovations. Das wäre doch nicht nötig gewesen! Doch, meint Freund Felix, den ich zufällig mit Frau und zwei kleinen Töchtern treffe. Die Familie kommt aus Kavala: „Wir warten seit über zwei Stunden auf unser Gepäck.“ Als sich das Band endlich in Bewegung setzt, applaudieren die Wartenden enthusiastisch. Mein Koffer kommt schon nach 50 Minuten. So was nennt man in Lohausen jetzt: DUSsel gehabt.“

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