„Freistoß für die Fortuna. Rösler legt sich den Ball zurecht, er steht 35 Meter zentral vor dem Tor. Brückner vom SC Paderborn schaut sich nach Spielern um, die mit ihm eine Mauer bilden wollen. Rösler schießt – und der Ball landet mitten in der Paderborner Abwehr. Jetzt läuft der Konter.“ - Die Spiele des Zweitligisten werden jetzt für Sehbehinderte live im Stadion kommentiert.

Der sehbehinderte Fortuna-Fan Jürgen Dinger zwischen den beiden Kommentatoren Andrej Myrokis (l.) und Frank Breuers.
Der sehbehinderte Fortuna-Fan Jürgen Dinger zwischen den beiden Kommentatoren Andrej Myrokis (l.) und Frank Breuers.

Der sehbehinderte Fortuna-Fan Jürgen Dinger zwischen den beiden Kommentatoren Andrej Myrokis (l.) und Frank Breuers.

Christof Wolff

Der sehbehinderte Fortuna-Fan Jürgen Dinger zwischen den beiden Kommentatoren Andrej Myrokis (l.) und Frank Breuers.

Düsseldorf. Andrej Myrokis lässt das Spielfeld keine Sekunde aus den Augen. Sein Blick haftet wie angeklebt auf dem runden Leder, das sich gerade auf direktem Weg zurück in den Strafraum von Fortuna Düsseldorf befindet. Nichts darf ihm entgehen, während er sich bemüht, den Verlauf der Zweitliga-Partie gegen den SC Paderborn mit Worten nachzuzeichnen. Denn heute wird seine Stimme für vier Fortuna-Fans zu den Augen, die sie selbst im Stich gelassen haben.

Zum ersten Mal kommentiert Myrokis gemeinsam mit seinem Kollegen Frank Breuers ein Fortuna-Spiel für sehbehinderte Zuschauer. Sie sitzen zu zweit auf Platz elf und zwölf in Block eins, um sich abwechseln zu können, falls die Konzentration doch einmal nachlässt. „Man muss permanent auf Ballhöhe sein und die Partie detailliert beschreiben können“, sagt Myrokis. „Außerdem darf man sich nicht auf das Spielgeschehen beschränken, sondern sollte auch die Aktion auf den Rängen im Blick haben.“

Das Geschehen auf den Rängen gehört ebenfalls zur Reportage

Wenn die ersten Zuschauer in den Gästeblöcken zum Beispiel anfangen, sich die T-Shirts über den Kopf zu ziehen, ist dies für Breuers und Myrokis ebenso nennenswert wie eine Flanke von Fortuna-Verteidiger van den Bergh. „Knapp 200 Ostwestfalen sind heute zu Besuch, und einige entledigen sich bei den frühlingshaften Temperaturen schon ihrer Oberbekleidung“, spricht Breuers kurz vor Ende der ersten Halbzeit in sein Mikrofon. Und seiner Stimme ist ganz deutlich anzuhören, dass er bei diesen Worten ein breites Grinsen im Gesicht trägt.

Zur Stadion-Atmosphäre kommen jetzt viel mehr Infos dazu

Neben dem Mikrofon gehören noch Kopfhörer und ein quadratischer Empfänger, den sich sowohl Kommentatoren als auch Zuhörer um den Hals hängen zur Ausrüstung. Die Technik nämlich funktioniert ähnlich wie die Audioführungen im Museum. Breuers und Myrokis sprechen ins Mikro, die Zuhörer drehen ihren Empfänger auf und können ihren Stimmen durch die Kopfhörer lauschen.

Auch in anderen Fußball-Stadien gibt es diesen Dienst. „Es ist schön, dass unser Verein jetzt auch mitzieht“, findet Breuers. Schließlich ermögliche der Kommentar blinden Menschen oder jenen mit eingeschränktem Sehvermögen ein völlig neues Spielerlebnis. „Die, die bisher nur die Atmosphäre genießen konnten, bekommen jetzt viel mehr Infos“, sagt Myrokis. Und das sei eine besondere Motivation. „Wir sind keine Profis, können unseren Spaß am Fußball jetzt aber mit anderen teilen.“

Obwohl sich sein Spaß beim 0:0 am Samstag in Grenzen hält. „Fortunas Strafraumbeherrschung kann man mit drei Minus bewerten“, erklärt Mykrokis seinen Zuhörern zu Beginn der zweiten Halbzeit. „Schauen wir, wie es weitergeht.“

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