Einsamkeit und gespenstische Ruhe

Die Einsamkeit ist in La Manga überall spürbar.
Die Einsamkeit ist in La Manga überall spürbar.

Die Einsamkeit ist in La Manga überall spürbar.

Ein Kommentar von Matthias Rech.

Rech, Bild 1 von 2

Die Einsamkeit ist in La Manga überall spürbar.

La Manga. La Manga wurde verlassen. Der Wind treibt Wolken über die bunten Häuser, von denen an manchen Ecken der Putz platzt. In den Vorgärten warten Orangen und Zitronen vergeblich darauf, gepflückt zu werden. Straßenkatzen huschen über kniehohe Mauern und um dunkle Ecken.

Ein Pfau mit einigen abgeknickten Federn kreuzt die Straße. Auf dem Weg an der Strandpromenade schlägt einem die Einsamkeit dieses Ortes mit der Faust ins Gesicht. Wenn der Wind jetzt einen rollenden Busch über den Weg blasen würde und ein halbverhungerter Don Quijote auf einem klapprigen Pferd meinen Weg kreuzen würde, ich würde ihnen nur verständnisvoll zunicken.

Sobald ich das riesige Gelände des Mannschaftshotels „Principe Felipe“ verlasse, wird es einsam. Es scheint, als hätten selbst die Wellen sich ein anderes Meer gesucht, so brettflach liegt das Wasser da. An der Landstraße hatte das Schild noch großspurig die Urbanización Mar de Cristal angekündigt.

Im Ortskern wächst aber die Gewissheit, dass es hier so aussieht, als seien im Eurokrisen-Land Spanien endgültig alle Lichter ausgegangen. Alle paar Straßen steht ein Auto, hier und da ein Müllcontainer, der noch nicht abgeholt wurde. Müsste ich eine TV-Doku über das Leben nach dem Ende der Menschheit drehen, ich hätte die passende Kulisse gefunden.

Weiter führt mich der Weg durch die Geisterstadt zum Sporthafen. Nachdem ich vier Hunde und fünf Katzen getroffen habe, endlich – ein Mensch. Der Spanier ist in den Siebzigern. Nachdem ich beinahe meinen ganzen Spanisch-Wortschatz mit einem „Ola“ abgefeuert habe, einigen wir uns auf die „Hände-und-Füße-Sprache“.

Ich verstehe, dass er das ganze Jahr hier lebe, vor allem wegen der guten Meeresluft. Ich tanze ihm vor, dass ich aus Deutschland komme, worauf er mich fragt, ob ich schon im Wasser gewesen sei. Ich deute gestenreich an, dass mir dieses wellenlose Mittelmeer viel zu kalt sei. Er erwidert, dass er ein paar Russen beim Baden gesehen habe.

Die Wege trennen sich nicht, ohne dass er mir ein übergroßes Seepferdchen aus Beton und Fliesen mit den Worten „Esta bien!“ als Sehenswürdigkeit ans Herz gelegt hat. Ich bleibe freundlich und mache kehrt. Ich muss zum Abendessen in ein fast leeres Restaurant. Dem gesellschaftlichen Höhepunkt eines jeden Tages im Land der heruntergelassenen Rollläden.

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