Auf der Rennbahn wird jeden Tag galoppiert. Sascha Smrczek (37) trainiert dort 80 edle Pferde. Ein Knochenjob für 365 Tage im Jahr.

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Nach dem Galopp eine erfrischende Dusche – fast wie bei Menschen.

Nach dem Galopp eine erfrischende Dusche – fast wie bei Menschen.

In gestrecktem Galopp geht es einmal über die Sandbahn auf der Innenseite der Rennbahn. Jeden Morgen.

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Nach dem Galopp eine erfrischende Dusche – fast wie bei Menschen.

Düsseldorf. Die Vollblutstute wirft den Kopf zurück und macht einen Satz zur Seite. "Na, jetzt sei doch nicht so frech!", raunt der fast 60-jährige Alt-Jockey in ihrem Sattel, eine brennende Zigarette zwischen den Lippen. Er klopft dem zwei Jahre alten Pferd kurz auf den Hals. Dann geht es weiter, im Schritt Runde um Runde um den Misthaufen im Innenhof. Warm werden.

"Sie ist gut drauf", ruft der Reiter. Sascha Smrczek lehnt an der Stallwand und grinst. Die Stute darf ruhig mal frech sein, solange sie gut drauf ist. Schließlich ist sie eine Tochter des Erfolgs-Rennpferdes Königstiger. Und eines von derzeit 80 Pferden, die das Gehalt des Düsseldorfer Trainers zusammengaloppieren sollen.

Das Gehöft neben der Grafenberger Rennbahn hat mit dem schick behüteten Vip-Lounge-Zinnober an den Renntagen kaum mehr gemein als die Pferde. Gewienerte Lackstiefel sind fehl am Platz. Spinnweben und Stallstaub gibt es wie auf jedem Ponyhof für Kinderferien. Auch vollblütige Rennpferde machen Mist.

Der Alltag von Sascha Smrczek beginnt gegen halb sechs jeden Morgen. Sechs bis sieben Tage die Woche. Die meisten seiner 13 Angestellten wohnen praktischerweise gleich über den Stallungen in kleinen Wohnungen, die der Rennverein ihnen zum Sonderpreis vermietet.

"Langweilig wird es nie. Die Pferde sind jeden Tag ganz anders."

Sascha Smrczek über das tägliche Training mit den Vollblütern

Um 6 Uhr geht der erste "Lot" auf die Bahn: ein Grüppchen aus allen Mitarbeitern mit ihren Pferden. Vom Schrittzirkel um den Misthaufen lenken sie die Tiere auf eine Sandpiste vor dem Hof. Lockeres Traben. Smrczek steht daneben, raucht und berät per Handy einen Kunden, der sich ein neues Pferd zulegen will.

Sascha Smrczek fing mit 13 Jahren zu reiten an, als ein Nachbar seiner Eltern Pferde kaufte. Mit 16 begann er eine Ausbildung zum Pferdewirt mit Schwerpunkt Rennreiten. Als Trainer arbeitete er in Dortmund, bis er vor fünf Jahren den Stall in Grafenberg übernahm.

"Die Stallform ist gut", sagt Sascha Smrczek. In dieser noch jungen Saison haben seine Galopper schon mehrere Rennen gewonnen. Größte Hoffnung für den Preis der Diana (über 600 000 Euro Preisgeld) am 1. August in Düsseldorf ist die dreijährige Stute Semina.

Auf sein Zeichen fangen die Reiter allesamt an zu pfeifen. Das Zeichen für die sensiblen Pferde, langsamer zu werden. "Die zwei Jungen schön ruhig, für die anderen Montags-Canter", sagt Smrczek. Gemeinschaftliches Nicken. Dann setzt sich die Abteilung aus acht Vollblütern Richtung Rennbahn in Bewegung.

Die "zwei Jungen" sind gerade mal zwei Jahre alt und noch keine sechs Wochen unterm Sattel. Von ihnen erwartet Smrczek noch keine Rekordzeiten. Und auch für die Vollprofis bedeutet "Montags-Canter" ruhigen Galopp als Start in die Arbeitswoche.

Ein paar hundert Meter traben die Reiter über den Grafenberg, dann geht es im gestreckten Galopp über den Rest der Strecke. Eine Runde. Das muss Sascha Smrczek genügen, um Entwicklungen, Rückschritte und Wehwehchen aus der Entfernung auszumachen. "Eine Stoppuhr brauche ich nicht", sagt der Trainer. "Ich sehe auch so, ob das gut oder schlecht war." Zurück auf den Hof, Sättel runter. Dann werden die Pferde in der Führmaschine automatisch im Kreis geführt.

Derweil striegeln die Reiter schon wieder acht Pferde für den nächsten Lot. Um den Mist, Trab auf der Sandpiste und ab auf die Rennbahn. "Langweilig wird es nie", sagt Smrczek. "Die Pferde sind jeden Tag anders." Gemütliches Ausreiten und Grasen auf der Wiese allerdings ist für die Vollblüter nicht drin. "Da ist das Risiko einer Verletzung zu hoch", sagt Smrczek. "Es sind eben Hochleistungssportler." Dafür gehen sie früh in Rente.

Wie Prince Flori. Der siebenjährige Hengst ist das Aushängeschild des Stalls, Galopper des Jahres 2006. "Er hat bei mir schon die Grundschule besucht", sagt Smrczek stolz. Und für die Ausbildung hat sich Flori inzwischen reichlich revanchiert: 730 000 Euro Preisgeld hat er in seiner Karriere eingerannt - zehn Prozent davon gingen an den Trainer. "Er soll diese Saison nochmal angreifen", sagt Smrczek. "Dann wird er Deckhengst." Für den 37-Jährigen ein Abschied ohne Wehmut. "Irgendwann habe ich dann hoffentlich seinen Nachwuchs in den Boxen stehen."

Für Sascha Smrczek ist der Rennsport immer noch sein Hobby. Aber wie seine Pferde muss auch er entbehren. Eine Frau, die sein Leben zwischen Stall und Rennbahnen in ganz Europa mitmacht, hat er noch nicht gefunden. Bedauern empfindet er nicht. "Ich stehe jeden Morgen wieder sehr gern auf", sagt er. "Wer den Vollblut-Virus einmal hat, hat ihn für immer."

© WhatsBroadcast

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