Eine Brücke kann ein Mahnmal sein – und umgekehrt. Ein schönes Beispiel könnte an der Kasernenstraße entstehen

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Die Glasbrücke an der Kasernenstraße soll abgerissen werden. Bis zur Pogromnacht 1938 stand hier die Große Synagoge – an die heute wenig erinnert. Könnte die Brücke da helfen?

Die Glasbrücke an der Kasernenstraße soll abgerissen werden. Bis zur Pogromnacht 1938 stand hier die Große Synagoge – an die heute wenig erinnert. Könnte die Brücke da helfen?

Hufschlag

Die Glasbrücke an der Kasernenstraße soll abgerissen werden. Bis zur Pogromnacht 1938 stand hier die Große Synagoge – an die heute wenig erinnert. Könnte die Brücke da helfen?

Düsseldorf. Nun ist er schon fünf Jahre tot, unser Tausendfüßler, der sich einst so schön über die Tuchtinsel schlängelte. Ich trauere ihm immer noch hinterher. Manche Mitbürger hielten ihn für ein optisches Scheusal, für mich war er eine Zierde des Innenstadtbildes, einzigartig. Vielleicht hab ich nicht laut genug protestiert mit der damaligen „Lot stonn“-Bewegung.

Deshalb jetzt, und zwar dagegen, dass nicht alles immer gleich auf gut Glück im Geiste ab- und rausgerissen wird aus dem Herzen meiner Heimatstadt, nicht nur Ulmer Höh’ und WestLB, während bei sichtbar siechen Gebäuden oft (zu) lange gezögert wird. Siehe alte Papierfabrik im Hafen, illegaler Abenteuerspielplatz, der zur Todesfalle wird, meinetwegen auch das schmuddelige Ensemble hinterm Bahnhof. Geht man vorne raus, ist’s auch nicht viel schöner.

Man könnte meinen, unser Oberbürgermeister hat’s an der Abrissbirne, wenn er unser erstes Sahnestück, das Schauspielhaus, dem Erdboden gleichmachen möchte. Jetzt wird’s nur zugebaut. Planer mit Down-Under-Syndrom träumen derweil von der ganz großen Oper im Hafen. Dabei gäbe es doch genügend andere, bessere Möglichkeiten, Leben in Düsseldorfs sterilstes Stadt-Teilchen zu bringen.

Es gibt bekanntlich immer drei Möglichkeiten: Erhalt, Abriss oder: Umwandlung. Letzteres könnte ich mir gut vorstellen vor der Grenze zwischen Carl- und Friedrichstadt für die gläserne Brücke über die Kasernenstraße vom ehemaligen Handelsblatt-Gebäude zum Walzstahlhaus. Nach Willen der Stadt soll die abgerissen werden. Deutschlands größte, weil einzige Wirtschaftszeitung mit der Hausnummer 67 hatte in Boom-Jahren das gegenüberliegende Haus Nummer 36 langfristig dazu gemietet, um weiter expandieren zu können, was dann, weil die Blase platzte, mittelfristig nicht mehr nötig war. Später zog dann die AOK ein.

Der Brückenschlag vom Handelsblatt zum einstigen Sitz eines Stahl-Kartells am Schreibtisch des Ruhrgebiets bietet eine tolle Aussicht auf die Düsseldorfer Verkehrsachse von Bilk, an klaren Tagen bis nach Pempelfort. Das Handelsblatt nutzte den Weitblick gern als Hintergrund für seine Interviews.

Der Brückenschlag vor 20 Jahren dürfte dazumal kein Problem gewesen sein – obwohl das Walzstahlhaus unter Denkmalschutz steht und für den gesamten Bereich eine Erhaltungssatzung besteht, um den Abriss zu ermöglichen. Das wird sicher nicht billig. Warum also nicht besser behalten und gestalten?

Unserem renommierten Licht-Künstler Mischa Kuball fiele sicher etwas ein. Vielleicht sogar mit Bezügen zur Vergangenheit. Das Grundstück, auf dem das jetzt verlassene Handelsblatt-Gebäude (ein seinerzeit nicht unumstrittener angespitzter Bau in lichtscheuer Schießscharten-Architektur) steht, wurde auf den Grundfesten der ehemaligen Großen Düsseldorfer Synagoge errichtet. An die erinnert ein Gedenkstein und bis zum Auszug im Foyer ein Modell des Gotteshauses. Wo ist das eigentlich geblieben?

Die Große Synagoge ist 1938 in der so genannten Reichskristallnacht in Flammen aufgegangen, die Ruine abgetragen und auf der Brache ein Bunker zum Schutz der Düsseldorfer angelegt worden. Nach Kriegsende entstand dort das unterirdische Hotel „Stadt Düsseldorf“. Das musste für den Handelsblatt-Neubau behutsam gesprengt werden.

Ich erinnere mich noch gut an die Aussage des Sprengmeisters, des ehemaligen Karnevals-Prinzen Klaus Hackmann, 1983: „Könnte ich auch schneller machen, aber dann brauchen wir neue Stadtpläne.“ Wie lautete noch das Motto zum Rosenmontag: „Lott d’r Mot net senke“. Lassen wir jetzt mal so stehen.

Eine Brücke kann ein Mahnmal sein – und umgekehrt. Schon lange wird in Düsseldorf ein Ort lebendiger Erinnerung für während des Krieges verfolgte Homosexuelle angemahnt. Von Licht- und Garten-Installationen war schon die Rede. Aber wo? Welch kunstvoll leuchtendes Mahnmal könnte sie sein über der pulsierenden Stadt. Es hätte allein durch die Pendlerströme automatisch tausende von „Besuchern“ pro Tag. 

Die Aufmerksamkeit für solch ein Mahnmal könnte gar nicht abreißen. Denk mal Düsseldorf!

© WhatsBroadcast

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