Wenn mal ein Gesprächspartner fehlt: Einfach von den Durchsagen am Hauptbahnhof berieseln lassen.

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An Gleis 15 kann sich unser Autor gerne mal für Stunden aufhalten. Nicht weil es so schön ist, sondern weil er sich woanders hin träumt.

An Gleis 15 kann sich unser Autor gerne mal für Stunden aufhalten. Nicht weil es so schön ist, sondern weil er sich woanders hin träumt.

Sergej Lepke

An Gleis 15 kann sich unser Autor gerne mal für Stunden aufhalten. Nicht weil es so schön ist, sondern weil er sich woanders hin träumt.

Düsseldorf. Wenn mal wieder keiner mit mir reden mag, dann kann das leicht dazu führen, dass ich mich einsam fühle. Normalerweise frequentiere ich dann die Büdchen in meinem Viertel, aber je nach Tageszeit sind deren Geschäftsführer auch nicht gerade die großen Labertaschen, aus denen pausenlos Wörter quellen. Wenn dem so ist, wenn keiner was von mir will, dann fahre ich zum Bahnhof und freue mich, dass man nicht mehr wie in meiner Jugend Bahnsteigkarten lösen muss.

Ich setze mich dann, wenn es nicht arg zu kalt ist, auf einen dieser nicht sehr gemütlichen Drahtgeflechtstühle an Gleis 15 oder 16 und bilde mir ein, ich würde gleich gen Süden düsen. ICE natürlich. Temporausch, Sie verstehen. Ich stelle mir vor, wie ich in vier Stunden und 43 Minuten nach München fahre, in Lichtgeschwindigkeit die A3 entlang sause, wie ich auf dem Weg nach Basel Frankfurt und Mannheim hinter mir verschwinden sehe, wie ich mich treiben lasse.

In Wahrheit bewege ich mich natürlich überhaupt nicht von der Stelle. Ich hocke da und phantasiere meine Reisen nur. Ich will in keinen Zug, ich will nur angesprochen werden. Von höheren Mächten. Und da sind sie schon. „Ihre nächsten Anschlüsse“, sagt eine Stimme und verrät mir dann meine Möglichkeiten. Wohin ich könnte, wenn ich denn wollte. Aber ich will ja nicht, ich will nur angesprochen werden. Man soll sich um mich kümmern, oder wenigstens so tun.

Attention. Security-Advice“, säuselt eine andere Stimme, die weiß, dass ich des Englischen halbwegs mächtig bin. „Do not leave your luggage unattended.“ Schade, ich habe kein Gepäck, um das ich mich nicht kümmern könnte. Deshalb ignoriere ich die folgende Übersetzung einfach so. „Sicherheitshinweis. Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt.“

Ich sehe die Züge kommen, in den Bahnhof hineingleiten, und ich sehe sie hinausgleiten. Manchmal möchte ich winken und „ach“ sagen. Aber wem sag ich das? Dem riesigen metallenen Lindwurm, der da vor mir am Gleis faucht? Ich weiß, dass er in ein paar Stunden ganz woanders sein wird, aber ich bleibe hier.

Zwischendurch schaue ich auf die Skyline, die Düsseldorf jenseits des Bahnhofs aufbietet, und ich stelle jedes Mal fest, dass diese nicht als Visitenkarte taugt. Beurteilte man meine wunderbare Heimatstadt allein anhand dieser Skyline, die man von Gleis 15 aus sieht, dann würde man sich wohl, so man denn klaren Geistes wäre, weigern, den Zug zu verlassen.

Vorsicht bei der Einfahrt“, sagt der Lautsprecher. Dann kommt wieder ein Zug, und dann wimmelt es wie in diesen Büchern, die Kinder so sehr begeistern. Plötzlich bin ich mitten drin im Wimmelbuch vom Bahnhof. Da sind lauter Menschen, die nach unten streben und sich kreuzen mit jenen, die nach oben klettern, den Zug besteigen, der sich dann ächzend und prustend und fauchend in Bewegung setzt.

Kaum ist der Zug weg, kommt eine Taube und inspiziert den Bahnsteig. Sie pickt hier, sie pickt dort, sie sorgt hier offenbar für Ordnung im Auftrag der Bahn. Kein Krümel, der ihrem Taubenauge entgehen könnte.

Ein bisschen lustig wird es immer, wenn sich am Nachmittag die Verspätungen multiplizieren. Dann überschlagen sich die Lautsprecherstimmen, weil sie ja, bevor sie etwas mitteilen können, immer sagen müssen, welche Ziele der Zug ansteuert, welche Nummer er hat und wann er planmäßig ankommen sollte. Erst wenn sie das alles herunter gehechelt haben, können sie sagen, dass der Zug voraussichtlich zehn Minuten Verspätung haben wird. Oder eine halbe oder gar eine ganze Stunde. Das sind für mich jedes Mal Momente großer Freude, weil mir die Verspätungen ja wurscht sind. Ich will nicht weg. Ich will einfach hier nur sitzen am Gleis 15. Reisen soll mein Geist. Der ist jung genug für sowas.

Irgendwann habe ich dann aber doch genug von meiner Kopfreise. Dann stehe ich auf und trotte von dannen. Bevor ich mich durch die Menschenmengen quetsche, formuliere ich aber nochmal in bestem Bahnhofsdeutsch. „Gleis 15. Der Mensch von 1955 auf dem Weg nach Unterbilk über Konrad-Adenauer-Platz, Graf-Adolf-Straße und Regierungsviertel. Planmäßige Abfahrt ‚jetzt gleich’ hat voraussichtlich keine Verspätung. Vorsicht bei der Abfahrt.“

Im Hafen grüße ich dann in meinen Lieblingskiosk hinein und bekomme ein flottes „Alter, was geht?“ entgegengeschleudert. Hey, der Mann kann wieder reden. Kann er haben. Der ICE Hans Hoff nähert sich auf Gleis O. Vorsicht bei der Einfahrt.

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