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Die Reinheit rund um diese Statue im Klemensviertel beruhigt unseren Autor und gibt ihm das Gefühl der inneren Reinheit zurück.

Die Reinheit rund um diese Statue im Klemensviertel beruhigt unseren Autor und gibt ihm das Gefühl der inneren Reinheit zurück.

Judith Michaelis

Die Reinheit rund um diese Statue im Klemensviertel beruhigt unseren Autor und gibt ihm das Gefühl der inneren Reinheit zurück.

Wenn ich ein schienengeleitetes Beförderungsmittel benutzt habe, ist mir verstärkt nach Reinlichkeit. Schon wenige Stationen mit einem Bahngefährt lösen bei mir Gefühle aus, die von tiefer innerer Verschmutzung zeugen. Ich schwitze offenbar anders, wenn ich den öffentlichen Nahverkehr mit einem Zug oder einer Bahn praktiziere.

Urplötzlich versagen alle vorab fürsorglich applizierten Deodorantprodukte ihren Dienst, und ich verwandele mich nach meinem Empfinden in eine Art olfaktorischen Kampfstoff, was mich regelmäßig zweifeln lässt, ob mein Erscheinen im Rahmen der Genfer Konvention noch erlaubt ist.

Mit viel Glück befinde ich mich in solchen Fällen in der Nähe einer für meinen privaten Gebrauch reservierten Nasszelle, was mir ermöglicht, den Schienenmuff im wahrsten Wortsinne abperlen zu lassen. Nun ist viel Glück nicht das, was eine nennenswerte Anzahl von Menschen als steten Begleiter verbuchen kann, weshalb oft auch die zweitbeste Lösung für mich in Frage kommt.

Ich begebe mich dann nach Kaiserswerth, an einen Ort, an dem überflüssige Gebrauchsstoffe ungefähr so beliebt sind wie Präsident Donald Trump in Mexiko. Mein Ziel ist das Klemens-Viertel, eine Art Phantasialandkulisse für Konsumenten, wo inmitten kunstvoll drapierter Häuschen mit blätterndem Achtzigerjahre-Charme ein Brunnen sprudelt. Acht Fontänen katapultieren dort Wässriges in die Luft und kreisen eine imposante Statue ein, einen nackten grünen Mann, der entschlossen gen Westen zu schreiten scheint, in Wahrheit aber wohl nur seinen Acker zu befruchten versucht.

Aber es ist nicht der Nackte, der mich lockt. Auch der Brunnen übt keinerlei Anziehungskraft auf mich aus. Nein, es ist vielmehr die Ordnung, die hier herrscht. Nein, die Ordnung herrscht hier nicht. Dieser Platz ist die Ordnung selbst. Hier ist alles geregelt. Und wenn ich schon alles sage, dann meine ich auch wirklich alles.

Rund um den grünen Nackten beispielsweise sind Schilder angebracht, die im Wechsel sagen „Kein Trinkwasser“ und „Betreten verboten“. Die Schilder finden sich nicht nur auf einer Seite, nein, sie schmücken den Brunnen rundherum. Könnte ja sein, dass jemand mal von der anderen Seite käme und dächte „Ah, Trinkwasser“, dann würde ihn das dort angebrachte Schild gleich darauf hinweisen, dass hier kein Trinkwasser zur Verfügung steht.

Mich beruhigt es ungemein, dass an diesem Platz alles so penibel geregelt ist. Das eröffnet in mir regelmäßig Gedanken über das Wesen der Kaiserswerther, für die dieser Platz ja geschaffen wurde. Freunde berichteten mir, dass dort regelmäßig Laubbläser, Laubsauger und Kehrmaschinen im Einsatz sind. Heißa, Sauberkeit. Dieser Platz lässt mich meine individuelle Verschmutzung glatt vergessen. Ich bin begeistert von der Fürsorge, die hier betrieben wird. Hier sind die Dinge geregelt bis ins Detail. 

Bäume zum Beispiel werden hier separiert durch ein Gitter, das ihren Stamm umschließt. Wohl zum Schutz der Passanten. Wahrscheinlich haben diese Gewächse häufiger schon jemanden verletzt. Weiß man ja aus dem zugehörigen Lied, das demnächst wieder vor pflanzlichen Attentätern warnt. „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.“ Nicht im Klemens-Viertel. Da sind die Bäume eingegittert, diese potenziellen Schurken.

Aber weder die Schilder noch die Fußfesseln für die Bäume allein sind es, die mir das Gefühl geben, dass ich mit meinem temporären Waschzwang nicht allein bin. Es ist die Gesamtanmutung des Platzes, in den die Macher überall Ausrufezeichen der Marke „Wir bleiben sauber“ gepflanzt haben. Es sind die vielen Abfallbehälter.

Kürzlich habe ich eine zweistellige Anzahl von Abfallbehältern gezählt, ohne mich großartig von der Stelle bewegt zu haben. Ich wage mal kühn die Behauptung, dass im Klemens-Viertel die höchste Düsseldorfer Dichte an Kübeln zu messen ist. Man findet an diesem Platz nur schwer einen Ort, von dem aus man keinen Abfallkorb zu Gesicht bekommt. Die stehen hier quasi Patrouille und passen auf, dass nichts zu Boden fällt. Damit sie das ordentlich erledigen können, sind sie hie und da sogar in Zweiergrüppchen aufgehängt. Man weiß ja, wie oft Abfallkörbe schon über Einsamkeit geklagt haben. Hier aber können sie rundum glücklich sein. So sieht das Paradies für Abfallkörbe aus.

Dabei war das Glück der Entsorgungsbehältnisse wohl noch nicht einmal die Hauptmotivation der zuständigen Aufsteller. Möglicherweise hat ja einfach mal jemand auf den Brunnen geschaut und sich gefragt: Wie können wir die Menschen davon abhalten, hier zu lange zu verweilen? Man weiß ja, dass verweilende Menschen gerne dazu neigen, Dinge unter sich und hinter sich zu lassen.

Da kam dann die Idee: Wir stellen ganz viele Kübel auf. Es ist dann wohl auch noch jemand gekommen und hat gesagt, dass die Bäume obenrum so arg kahl aussähen. Und da haben sie auch Kübel in die Bäume gehängt. Nein, haben sie nicht gemacht. Das sind gar keine Kübel, die da hängen, das sind irgendwelche Dinge, die aussehen wie Vogelfutterstationen oder Luftmessgeräte. Was weiß ich.

Mich beruhigt dieser Platz im Klemens-Viertel auf jeden Fall ungemein. Hier entspanne ich. Hier findet meine reinliche Seele Ruh. Das einzig Vertrackte an der Situation ist allerdings die Heimreise. Da muss ich wieder in die Bahn, und dann geht das ganze Spiel von vorne los.

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