2e19fa2c-0505-45c3-988c-74020ff57f80.jpg
Die „Kugelspielerin“ von Walter Schott ist immer kurz davor, die Kugel zu werfen.

Die „Kugelspielerin“ von Walter Schott ist immer kurz davor, die Kugel zu werfen.

Sergej Lepke

Die „Kugelspielerin“ von Walter Schott ist immer kurz davor, die Kugel zu werfen.

Sie wirft nicht. Sie tut nur so. Sie will nur spielen. Oder wirft sie doch? Jetzt gleich? Oder später? Ich warte. Ich hocke vor ihr, aber sie lächelt mich nur an. Lächelt sie wirklich? Man weiß das bei Frauen ja nie so ganz genau. Auf jeden Fall weiß sie zu beeindrucken mit der Eleganz ihres jungen Körpers, mit der Geschmeidigkeit ihrer Bewegung. Nur die Frage, wann sie denn nun wirft, die beantwortet sie mir nicht.

Ab und zu habe ich am Rande des Graf-Adolf-Platzes ein Rendezvous mit der offiziell „Die Kugelspielerin“ genannten Statue, die in meinen Augen ja eigentlich eine Kugelwerferin ist. Eine frühe Boule-Spielerin vielleicht? Manches deutet darauf hin in ihrer Haltung. Wie sie den rechten Fuß zurückstellt, quasi auf dem dicken Zeh balanciert. Wie sie die linke Hand hinter dem Rücken versteckt, um ihr wallendes Kleid zu bändigen, um den bevorstehenden Wurf nicht vom Stoff beeinträchtigen zu lassen. Von vorne kann man nicht sehen, wie sie hinter ihrem Rücken den Zeigefinger abspreizt. Voll konzentriert auf den bevorstehenden Wurf.

Sie ist keck, die Kugelwerferin. Wie sie dasteht, eingefroren in einer Pose des Wollens, des gleich Werdens. Geschaffen von Walter Schott, der Stadt geschenkt von Gustav Herzfeld. Das Jahr 1902 ist auf dem Sockel vermerkt. Man kommt nicht gleich auf 1902, wenn man diese teichgrüngraue Jungfer erblickt. Erst recht nicht, wenn man entdeckt, dass ihre rechte Brust eine nackte ist, die sich im Schwung der Bewegung frivol aus dem Schutz des Kleides geschält hat.

Eine nackte Brust? Mitten in Düsseldorf? Am Graf-Adolf-Platz? In der Kö-Verlängerung? Ja, da steht sie und will ihre Kugel gen Süden werfen. Sie will ganz offensichtlich mit den Menschen spielen, die auf den vier Bänken vor ihr Platz nehmen. Sie will ihnen ein bisschen schenken von ihrer jugendlichen Leichtigkeit.

Mitten im Verkehrsgetöse signalisiert sie dem gestressten Passanten, dass er sich doch bitteschön in dieser botanischen Oase entspannen möge. Chill dein Leben, Baby! Hat sie nie gesagt. Würde sie aber vielleicht sagen, wenn sie von heute wäre. Und dass sie dem Bergischen Löwen und der Kö den Rücken kehrt, kann man auch als durchaus provokante Geste verstehen. Sie will spielen, nicht stolzieren. Vielleicht wäre die Welt ja eine bessere, wenn mehr Menschen spielten.

Was hat diese Frau nicht alles gesehen in ihren 115 Jahren? Wie oft wurde sie fotografiert? Sie hat Stürmen getrotzt, Schnee auf ihrem langen Haar ertragen, und wenn freche Gören an ihr herumgekrabbelt sind, hat sie keine Miene verzogen. Die Ruhe selbst ist sie, diese Frau. Bewundernswert. Sie hat es aber auch ein bisschen gut. Muss man schon mal anmerken. Der Rasen hinter ihr ist fast immer höchst akkurat getrimmt. Die umliegenden Beete sind von wohlgeordneter Natur. Alle Flächen dieses Miniparks sind wohlgeordnet. Da war jemand mit Sinn für Symmetrie zugange. Den vier Bänken an der Graf-Adolf-Straße stehen vier Bänke an der Bahnstraße gegenüber, den grünen Mauerauflagen links entsprechen die grünen Mauerauflagen rechts.

Hier hat alles vor allem deshalb eine Ordnung, damit die Kugelwerferin auffällt in ihrer Verspieltheit. Sie ist die Statue gewordene Drohung, die urbanen Abläufe auch mal ein bisschen durcheinander zu bringen.

Was geschähe wohl, wenn sie wirklich mal ihre Kugel würfe? Wenn diese kullerte auf die vor ihr liegenden Gehwegplatten, gar auf die Graf-Adolf-Straße? Ich stelle mir vor, wie der komplette Verkehr zum Erliegen käme. Wie alle anhalten müssten, weil nichts mehr ginge, weil da diese Kugel wäre. Und in allen Gesichtern stünde Verwunderung und die Frage, wie das denn geschehen konnte, dass die Großstadt mal kurz innehält.

Dann würde irgendwer, vielleicht ein Kind, die Kugel entdecken, sie der Werferin zuordnen und das runde Ding zurücktragen zur grüngrauen Frau. Das Kind legte dann die Kugel wieder dorthin, wo sie schon seit über hundert Jahren lag. Die Menschen im Stau würden sich das erstaunt anschauen, und sie trügen vielleicht kurz ein Lächeln auf ihren Lippen. Sie wüssten auf einmal, dass es im Leben doch noch ein bisschen mehr gibt als nur das Gelingen, das Streben von Termin zu Termin.

Doch, ich bin sicher, eines Tages wird sie ihre Kugel wirklich werfen. Wann das sein wird, kann ich nicht sagen. Sie sagt es mir nicht. Es spielt auch keine Rolle. Es geht ja um die freudige Erwartung dieser Aktion, um den einfachen Gedanken, dass im Leben einmal ganz kurz alles durcheinander geraten könnte und dann doch wieder sehr in Ordnung wäre. Danke, kleine Kugelspielerin.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer