Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, Makler übernehmen Delikatessenläden.

Raum-Fabrik an der Hohe Straße: Hier werden nicht Räume produziert, sondern nur angeboten.
Raum-Fabrik an der Hohe Straße: Hier werden nicht Räume produziert, sondern nur angeboten.

Raum-Fabrik an der Hohe Straße: Hier werden nicht Räume produziert, sondern nur angeboten.

WZ-Autorin Inge Hufschlag.

Sergej Lepke, Bild 1 von 2

Raum-Fabrik an der Hohe Straße: Hier werden nicht Räume produziert, sondern nur angeboten.

Düsseldorf.  Trauriges Stadtbild: Hohläugig schauen uns Schaufenster an, sogar in Straßen, die doch eigentlich als hip gelten, wie die Loretto- oder die Hohe Straße. Einzelhändler gehen nicht mehr in die Läden, sondern ins Internet. Oder werden vertrieben. Die gierigen Vermieter seien schuld, heißt es. Mode-Läden in einer Nebenstraße der Kö kosten plötzlich mehr als das Doppelte. Das verdient ein Designer nicht.

Wer sonst? Der Makler! Denn was folgt auf lange Leerstände in der City? Zuerst waren’s die Handy-Läden. Da ist inzwischen eine gewisse Marktsättigung zu beobachten. In der Altstadt sprossen Kioske für Spirituosen to go wie Pilze aus dem Boden. Junggesellen-Abschied - auch von der alten Altstadt-Gemütlichkeit?

Während Mode-Läden ins Internet abwandern, gehen die Immobilien-Makler, früher ein eher diskretes Gewerbe, auf die Straßen. Eigentlich eine wunderliche Kommunikation in digitalen Zeiten: DIN-A-4-Seiten mit Wohnungsangeboten als Schaufenster-Dekoration.Vielleicht kommt das ja der Düsseldorfer Luxus-Laufkundschaft Düsseldorfer entgegen: Mal eben ‘ne Villa shoppen und dann auf’m Markt drauf anstoßen.

Wo einst der Düsseldorfer seine Delikatessen kaufte und an einem entspannten Samstagmorgen noch ein Schwätzchen hielt, werden nun statt Wein und Weihnachtsgans Apartments, Wohnungen, Häuser feilgeboten. „Raum Fabrik“ heißt der Laden mit der langen düsteren Schaufensterfront vor dem Hintergrund vieler blanker Schreibtische. Die nehmen’s mit der Sprache ja nicht so genau, die Makler. In einer Fabrik, wird, wie der Name schon sagt, eigentlich was fabriziert. Wenn das hier so wäre, wenn man in einem Laden Wohnraum herstellen könnte, dann müsste das Geschäft Traum-Fabrik heißen.

 Traumhaft ist oft auch das ABC, mit dem ein Makler seine Ware anpreist. Ähnlich, wie man’s auch aus Reise-Prospekten kennt, wo „Ferienhaus in unberührter Natur“ heißt, dass es weit und breit nichts ist, „Mitten im Szene-Viertel“ meist gleich über der Disco liegt, und „Meerblick“ meint, dass man stundenlang bis zum Strand braucht.

Aber das weiß man ja inzwischen. Über die Jahre während zahlreicher Wohnungsbesichtigungen in den verschiedensten Lagen habe ich meine Lektion gelernt und mir danach fürs Immo-Deutsch meine eigenen unmaßgeblichen Übersetzungshilfen erarbeitet. Bis im Juni das neue Maklergesetz in Kraft tritt, werden die noch kostenlos weitergegeben. Danach nur noch auf Anfrage und gegen Provision:

 

A wie Altbau-Charme = nicht billige Bruchbude

 

B wie Besichtigungstermin = Flashmob für Wohnungssuchende

D wie Diskriminierungsverbot = diskrete Sichtung von Mietern und Kaufinteressenten nach Kriterien wie Rasse, Religion, sexuelle Identität, Altersarmut, Kinderreichtum oder anderen Behinderungen.

E wie Einzimmerwohnung für den modernen Single = bessere Besenkammer

F wie Französischer Balkon = Halterung für bis zu drei Geranien

G wie Gartennutzung = Lizenz zum Rasenmähen

H wie Heizkosten = unkalkulierbares Thema, das oft viel Energie kostet

I wie In-Viertel = Achtung: überhöhte Quadratmeterpreise

J wie Junges Wohnen = Speicher im 6. Stock ohne Aufzug

K wie Küche = kann als indirekter Preisaufschlag übernommen werden

L wie Loft = ansonsten unvermietbare Gewerbe-Immobilie

M wie Mansarde = schlecht isolierter Trockenspeicher

N wie Nordseite = nie die Sonne sehen

O wie ortsübliche Vergleichsmiete = same, same, but different!

P wie parkähnlich = verwildertes Grundstück. Vorsicht: Rattengift!

Q wie Quartier = runtergekommenes oder gerade raufkommendes Stadt-Teilchen

R wie ruhige Umgebung = weit und breit keine Einkaufsmöglichkeit

S wie stadtnah = 20 Minuten zur S-Bahn, mit der dann eine gute Stunde in die City

T wie Terrassenwohnung = Einladung zum Einbrechen

U wie Urbanes Wohnen = No Go Area

V wie Verkehrsanbindung, Bahnhofsnähe = ICE fährt jede Nacht durchs Schlafzimmer

W wie Wohnberechtigung = mehr Schein als Sein

X wie x-mal = Vergebliche Anrufe beim Makler, verbrämt mit Warteschleifen

Y wie Yuppie-Wohnung = ab 20 Euro pro Quadratmeter - eiskalt

Z wie zentrale Lage = finsterstes Bahnhofsviertel, folgen Sie einfach dem Straßenstrich …

Alle Missverständnisse beseitigt? Wenn nicht: Dann ab in den nächsten Immo-Shop. Das sind sie an Ort und Stelle rasch ausge(t)räumt.

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