Knarzende Karriereleiter und entspannender Stressless-Lift

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Zurzeit stillgelegt: Der Paternoster im Düsseldorfer Polizeipräsidium am Jürgensplatz.

Zurzeit stillgelegt: Der Paternoster im Düsseldorfer Polizeipräsidium am Jürgensplatz.

Zurzeit stillgelegt: Der Paternoster im Düsseldorfer Polizeipräsidium am Jürgensplatz.

dpa, Bild 1 von 2

Zurzeit stillgelegt: Der Paternoster im Düsseldorfer Polizeipräsidium am Jürgensplatz.

Düsseldorf. Upcycling ist in. Nicht abschaffen, sondern Aufwerten von Altbewährtem. Die Möbelmessen in Köln und Mailand standen in diesem Jahr fest auf schrägen Beinen. Junge Menschen finden alte Tische, Tassen und Techniken wieder cool. Gilt für Drinnen und Draußen. Zum Beispiel auch für Gaslaternen, auf denen wir als Düsseldorfer Pänz rumkletterten. Vielleicht sollen sie ja abgeschafft werden, weil das damals zu gefährlich war. Solche Logik lässt sich auch bei der aktuellen Entscheidung gegen den Betrieb von Paternostern vermuten.

Macht mich ganz melancholisch. Innerhäusige Transportmittel waren die Abenteuer-Spielplätze meiner Kindheit. Wenn es regnete, wurde in Hausfluren gespielt, am liebsten in solchen, wo’s Aufzüge gab. Wir machten „Schellemännchen“, klingelten bei wildfremden Leuten, um rein zu kommen. Wenn wir nicht gerade im November im Auftrag der Schule Geld sammelten für Martinstüten. Das war dann eine Lizenz zum Aufzugfahren in feinen Neubauten, in denen wir am Tag des Heiligen beim Gripschen überzeugt schmetterten: „Hier wohnt ein reicher Mann …“

Warum mir das gerade jetzt wieder einfällt? Eben wegen der nun paradoxerweise untersagten Benutzung des größten Lieblings-Spielzeugs meiner Kindheit: des Paternosters. Diese geniale Konstruktion eines Personen-Umlauf- oder Rundlauf-Aufzug, auch spöttisch als Proletenbagger bezeichnet (im Gegensatz zum herkömmlichen Aufzug als Bonzenheber) gehört ganz klar unter Denkmalschutz. Auch in Düsseldorf. Jonges-Baas Wolfgang Rolshoven hat ganz recht, wenn er betont: „Paternoster sind ein Stück Kultur.“

Mehr noch: Für mich waren sie sogar eine Art knarzende Karriereleiter, auf der ich jeden Tag befördert wurde. Das war im alten Pressehaus am Martin-Luther-Platz, bevor daraus die Schadow-Arkaden wurden. Wir hatten es immer eilig – es gab ja noch keinen Computer, aber immer schon den Druck des Redaktionsschluss. Wenn man abgehetzt „vom Termin“ kam, musste man nicht auf den Aufzug warten. Man nahm ganz entspannt die nächste Box. Diese kurze Fahrt im gleichmäßigen Tempo - das war wie, heute würde man sagen Entschleunigung. Der Paternoster brachte mich wieder runter, der reinste Stressless-Lift.

In diesem Zubringer zum Arbeitsplatz habe ich mich auch zum ersten Mal getraut, drin zu bleiben, eine Runde zu drehen. Ganz allein. Zwar signalisierte ein Emaille-Schild „Weiterfahrt ungefährlich“, aber erst, wenn es kein Zurück mehr gab. Eine Einladung zu solchem Abenteuer war damals auch ein beliebter Flirt-Trick unter jungen Kollegen. Vielleicht kommt daher ja das Wort Anbaggern?

Klar, auch ein Paternoster kann mal den Dienst versagen. Ich erinnere mich da aber nur an einen einzigen Fall. Kollegin Gerda musste auf dem Weg zu einem Abendtermin (= Event) der damals noch glanzvollen Igedo ihren bodenlangen Rock raffen, um gefahrlos einzusteigen. Was problemlos gelang. Doch dann blieb die ganze Chose stecken. In einer Etage konnte man zu Gerdas schicken Abendschuhen aufschauen, auf der darüber liegenden eine Klappe als Ausweg nach oben zu suchen. Ich weiß gar nicht mehr, auf welchem Weg wir Gerda letztendlich befreien konnten, nur: Elegant war das nicht. Heute wäre so was der Top-Klick bei you tube.

Apropos Mode: Später sah ich mal eine tolle Schau im Paternoster: Genial, wie die Models da langsam auf- und abschwebten, man auf der einen Seite zuerst einen Kopf, auf der anderen zuerst Füße sah. Eine völlig neue Form der Wahrnehmung. Später gab es Fashion-Shows auf Rolltreppen, zum Beispiel im Flughafen. Auch nicht schlecht, aber lange nicht so originell wie der Paternoster als vertikaler Catwalk.

In dem für mich zuständigen Finanzamt Altstadt hatte ich hingegen immer ein etwas mulmiges Gefühl. Weniger im Wilhelm-Marx-Haus. In der Bezirksregierung fand ich die Beförderungsart irgendwie passend. Und, klar, im Polizeipräsidium, dessen bewegliche Zellen sind einfach Kult.

Die Dinger sollen gefährlich sein? Ist es nicht vielmehr so, dass man beim Ein- und Ausstieg automatisch konzentriert? Phobikern (davon gibt es mehr als man denkt, ich kenne Kerle wie Bäume, die sind in keinen Aufzug zu kriegen) macht ein normaler Lift viel mehr Angst. Die setzt schon ein, wenn sich hinter der noch geschlossenen Glastür in der Düsternis ganz langsam die alten faserigen Galgenstränge erscheinen, an denen die enge Kabine (und das Leben) hängt. Da hilft für viele nur noch Vater-unser-Beten. Oder Andrea Nahles anrufen, damit sie uns den offenen Umlaufaufzug erhält.

Denn der Paternoster, benannt nach dem auch Paternosterschnur genannten Rosenkranz, lässt uns in seinen hölzernen Perlen jederzeit genügend Luft zum Atmen und freie Sicht auf allen Etagen. Dieses nostalgische Gefährt vermittelt eher so ein intergalaktisches Gefühl wie: „Beam me up Scotty“.

© WhatsBroadcast

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