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Neulich sinnierte Hans Hoff in der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee über sein Leben. Und über das anderer Männer. Archiv

Neulich sinnierte Hans Hoff in der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee über sein Leben. Und über das anderer Männer. Archiv

Melanie Zanin

Neulich sinnierte Hans Hoff in der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee über sein Leben. Und über das anderer Männer. Archiv

Düsseldorf. Neulich stand ich in der Bahn und dachte über das Leben nach. Ich tue das immer, wenn ich eine Bahn besteige. Die Bahn zwingt mich quasi dazu, über mich im Besonderen und die Welt im Allgemeinen zu sinnieren. Was dem Diogenes seine Tonne und dem Epikur der Garten war, ist für mich die Bahn. Sie mag fahren, wohin sie fahren mag, für mich ist sie in erster Linie philosophisches Zentrum, eine Art Meditationspunkt und Besinnungsraum in einem. Dort wo alle versuchen, in ein nicht näher definiertes Nichts zu starren, fühle ich mich frei von Anspruch, und es bleibt mir Zeit für profunde Analysen des Seins, für die Erforschung jedes beliebigen Warums.

Als ich kürzlich an der Heinrich-Heine-Allee wieder mal meine philosophische Tagungsstätte, vulgo U-Bahn, enterte, geschah Wunderliches. Ich bemerkte rasch, dass um mich herum lauter alte Männer mit Glatze und Nerdbrille standen. Ich fand sie alle sehr alt und sehr glatzig, und die Brillen fand ich auch doof. Ich schüttelte mich förmlich vor Abscheu, bis ich feststellte, dass diese alten Glatzenträger mit ihren Brillen haargenau so aussahen wie ich. Ich ging spontan davon aus, dass es irgendwo eine Fabrik gibt, die alte Männer mit Glatzen und nerdigen Brillen herstellt und dann mit der Rheinbahn an den Kunden bringt.

Als nächstes kam mir der Gedanke, dass ich mich möglicherweise in meiner Rheinbahn-Meditation selbst vervielfältige, um in die Kommunikation mit einem oder mehreren mir ebenbürtigen Wesen eintreten zu können. Aber beides war ein Trugschluss. In Wahrheit stand ich meiner eigenen Mittelmäßigkeit gegenüber. Ich kam zu einer traurig anmutenden Erkenntnis. So wie ich sehen Hunderte aus, wenn nicht gar Tausende. Ich erschrak bei dieser Erkenntnis, denn meine Abneigung gegen alte Männer mit Glatze und Nerdbrille zeugt ja ganz offensichtlich von einer gehörigen Portion Selbstverleugnung. Ich mag mich ganz offensichtlich nicht besonders und projiziere diese galoppierende Abneigung auf all die Typen, die aussehen wie ich. Natürlich bin ich in Wahrheit ganz anders. Hinter meiner biederen Fassade blitzt ein durchgehend geöffnetes intellektuelles Gewitter der Sonderklasse.

In meinem Hirn brummt es fortwährend, während all die alten Glatzen da draußen doch nur mit Gleichmut ihren tristen Lebensabend zu bewältigen suchen. Die U78 hielt an der Nordstraße, und die alten Männer mit den Glatzen waren immer noch da. Sie waren gekommen, um zu bleiben. Sie stiegen auch am Kennedydamm nicht aus, auch nicht an der Theodor-Heuss-Brücke. Sie strebten mit mir gen Norden. Bevor ich mich als alter Verschwörungstheoretiker fragen konnte, ob dies das Werk der Illuminaten oder sonstiger obskurer Vereinigungen sein könnte, fiel mir wieder ein, dass ich ja auf dem Weg zum Konzert der Rolling Stones war, und dass all diese alten Männer mit Glatze auch auf dem Weg waren, Mick Jagger und Keith Richards noch einmal livehaftig in Augen- und Ohrenschein zu nehmen. Ich überlegte kurz, ob ich nicht besser aussteigen sollte.

Ein Konzert mit meinesgleichen zu erleben, bedeutete ja quasi, auf jegliche Exklusivität zu verzichten. Und was hätte ich dann am nächsten Tag zu erzählen? Etwa: Ich war auf einem Alte-Männer-Konzert. Alte Männer auf der Bühne, alte Männer im Publikum. Echt, jetzt? Ich blieb dann doch in der Bahn und schaute mir auch das ganz nette Konzert an. War natürlich alles nicht so aufregend wie früher. Manches war halt früher doch besser. Oder einfach nur früher. Mick Jagger 1973 in der Kölner Sporthalle bei „Midnight Rambler“ auf dem Boden im Nebel, das war atemberaubend. Heute ist es atemberaubend, wenn man als alter Mann mit Glatze dabei länger als eine Minute mithüpfen will.

Ich suchte in der Bahn verzweifelt nach einem Unterscheidungsmerkmal, das mich abgrenzen könnte von all den anderen alten Durchschnittsmännern mit Glatze und Nerdbrille. Zu meinem Glück fand ich eines. Gleich neben mir stand einer, der sah aus wie ich. Aber er war nicht wie ich. Er hatte ein Sitzkissen dabei. Ein Sitzkissen! Ein Mann geht zu den Rolling Stones und nimmt ein Sitzkissen mit! Wo ist nur der Geist von „Street Fighting Men“ geblieben?

Am Schluss des Konzerts ging ich schon, als Jagger noch davon sang, dass er keine Befriedigung erlangen könne. Ich wollte nicht hören, dass da jemand Satisfaction will und nicht kriegt. Habe ich selbst oft genug erlebt. Ich eilte also zur Bahn, wo glücklicherweise noch ein Platz ganz vorne frei war. Ich suchte mir einen Sitz ohne Gegenüber. Ich hatte genug von alten Männern mit Glatze. Schon bevor Jagger fertig war, zockelte meine Bahn los und ich ließ die alten Glatzen hinter mir.

Leider kam ich an der Heinrich-Heine-Allee an einer Spiegelwand vorbei. Was sah ich? Einen alten Mann mit Glatze und Nerdbrille, der sich frustriert selbst ansah. Ehrlich gesagt hatte ich schon bessere Tage.

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