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Pater Wolfgang vor dem Club „The Tube“ an der Kurzen Straße, wo zehn Mal im Monat ausländische und regionale Punk-Bands auftreten.

Pater Wolfgang vor dem Club „The Tube“ an der Kurzen Straße, wo zehn Mal im Monat ausländische und regionale Punk-Bands auftreten.

Judith Michaelis

Pater Wolfgang vor dem Club „The Tube“ an der Kurzen Straße, wo zehn Mal im Monat ausländische und regionale Punk-Bands auftreten.

Düsseldorf. Pater Wolfgang gerät ins Schwärmen, wenn er über die kulturelle Vielfalt zwischen Schulstraße und Ratinger Straße spricht. Im Interview

Wie vielfältig ist das kulturelle Leben in der Altstadt und Carlstadt?

Pater Wolfgang: Düsseldorfs Altstadt und die Carlstadt beherbergen kulturelles Leben in einer Breite, die in dieser Qualität kaum irgendwo in Deutschland so konzentriert zu finden ist. Kom(m)ödchen und Marionettentheater, Live-Musik in Kneipen, die Kunstakademie, Museen und Galerien, Institute, Kirchen, Führungen entlang der historischen Häuser, Goldschmiedeatelier und Antiquitätenhandel: Kulturell gibt es hier auf weniger als einem Quadratkilometer fast nichts, was es nicht gibt. Mir gefällt es, mich beim Flanieren durch die Straßen und Gassen unversehens ins KiT („Kunst im Tunnel“) locken zu lassen oder in ein Kneipenkonzert, von dem ich vorher keine Ahnung hatte.

Wo spielt abends die Musik?

Pater Wolfgang: Tonhalle und Oper liegen gleich nebenan und nicht nur beim Düsseldorfer Orgelfestival „IDO“ spielen die herausragenden Orgeln der Altstadt-Kirchen zu Konzerten auf. Doch lohnt es sich, auch neben den Stätten klassischer Musik die Augen offen zu halten!

„Gerade die Altstadt bietet Treffpunkte wie Sand am Meer.“

Pater Wolfgang

Geboren wurde Wolfgang Sieffert 1957 in Oberbilk als viertes von acht Geschwistern. Er wuchs in Vennhausen auf. 1976 machte er sein Abitur am Gymnasium Am Poth. Seit 1965 ist er Mitglied in der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, sportlich betätigt sich Pater Wolfgang seit 1969 bis heute als Ringer. Er studierte vorübergehend Pharmazie an der Heine-Uni, trat in den Dominikanerorden ein und studierte in Fribourg/Schweiz und in Bonn Philosophie und Theologie. 1990 wurde er zum Priester geweiht und gehört seither dem Düsseldorfer Konvent an. Er gründete die Armenküche in der Altstadt und arbeitet als Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt, die zuletzt von Düsseldorf nach Ratingen umzog.

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Denn es gibt eine ganze Reihe von Kneipen, in denen Live-Acts unterschiedlicher Musikrichtungen stattfinden. Hervorheben möchte ich The Tube an der Kurzen Straße, das seinen Gästen jeden Monat an rund zehn Abenden mit ausländischen wie regionalen Punk-Bands „was auf die Ohren“ gibt. Und die Destille an der Bilker Straße in der Carlstadt, fast schon am Schwanenmarkt: Wunderbar, dass es diese Künstler- und Literatenkneipe gibt, in der neben regelmäßigen Lesungen und philosophischem Café an jedem Sonntagabend Jazzkonzerte stattfinden. Wer Glück hat, erlebt hier eine unangekündigte Session.

Wo bekommt man sein kleines intellektuelles Abenteuer?

Pater Wolfgang: Aufmerksamkeit verdient das Maxhaus; im Kloster-Innenhof werden immer wieder vorzügliche Abendveranstaltungen angeboten. Außerdem teile ich die Einschätzung von Cees Nooteboom: der großartige holländische Schriftsteller hat seine Lieblings-Buchhandlung an der Bolkerstraße und ist einer von vielen „Promis“, die im Heine-Haus gelesen haben. Die Literatur-Buchhandlung ist auch ein wundervoller Ort zum Schnöven. Wenn ich mich durch das Buchhändler-Ehepaar beraten lasse, haben auch meine geliebten Krimis literarische Qualität! Eine weitere Oase des Geistes ist der „Rundgang“ der Kunstakademie durch die Möglichkeit, mit Kunststudenten zu sprechen. Daneben ein eher untypischer Tipp, weil mir um unser Kloster in der Altstadt leider häufig wenig inspirierte Führungen und Stadtrundgänge begegnen. Eine Heine-Führung mit Wulf Metzmacher von der Geschichtswerkstatt belebte meine grauen Zellen. Ähnlich ging es mir nach einer Besichtigung der Stiftskirche und der Schatzkammer von St. Lambertus mit Altküster Hermann J. Richartz.

Wo wird die Lust auf Bilder befriedigt?

Pater Wolfgang: „Lust auf Bilder“ – sie kann hier abwechslungsreich befriedigt werden. Beim Erforschen der Exponate aus 8000 Jahren im Hetjensmuseum sind sinnliche Entdeckungen ebenso möglich wie in den zeitgenössischen Wechselausstellungen der städtischen Kunsthalle. Die großen Meister der NRW-Kunstsammlung sind jeden Monat am ersten Mittwoch ab 18 Uhr bei freiem Eintritt zu bestaunen. Wer das Besondere mag, stöbert in den vielen Galerien, etwa im Laden von Frank Lötfering am Carlsplatz an der Bilker Straße 1. Hier stellt der Lohauser Künstler seine Eindrücke vom Stadtleben vor. Wer dagegen Lust hat, Bilder laufen zu sehen, wird im Filmmuseum und in den beiden Filmkunst-Kinos Cinema und Black-Box aufs Beste befriedigt.

Mein Kulturliebling

Pater Wolfgang: Das ist ganz klar das Düsseldorf Festival, der frühere Altstadtherbst. Jedes Jahr wieder überraschen mich neue Eindrücke in Musik, Tanz und Artistik, die nicht nur meine Erwartungen, sondern auch die üblichen Schubladen sprengen. Nicht selten haben mich Abende im Theaterzelt am Burgplatz absolut verzaubert.

Welcher ist der Höhepunkt des Jahres?

Pater Wolfgang: Das ist ganz schwer zu sagen: Laternenzug an St. Martin, Hoppeditz-Erwachen, Hohestraßen-Fest, Kirmesfeuerwerk, Japantag, Frankreichfest, Büchermeile. . . Viele würden den Karneval nennen, dessen Abschlusstage für mich wie für viele Altstadtbewohner eher zum Davonlaufen sind. Mein ganz persönlicher Höhepunkt ist das „Essen für Arme und Reiche“ der Altstadt-Armenküche, ein jährliches Fest auf dem Burgplatz, das neben der Musik unterschiedlicher Bands eine ganz eigene Atmosphäre entspannter Begegnung bietet und so ein Zeichen des Miteinanders setzt.

Wo trifft man sich?

Pater Wolfgang: Gerade die Altstadt bietet Treffpunkte wie Sand am Meer – für die unterschiedlichsten Typen und kaum einer entspricht dem Schicki-Micki-Image, das unserer Stadt gern nachgesagt wird. Auf der Ratinger Straße treffen sich nicht nur mittwochabends die Düsseldorfer ab 30 Jahren; die Kurze Straße hat zurzeit sicher die interessanteste Kneipenmischung und das bunteste Publikum; in und vor den Hausbrauereien versammeln sich neben Gruppen auch Familien und Geschäftsleute. Am meisten beeindruckt mich die Atmosphäre vor dem Uerige; wenn ich mich hier umsehe, entdecke ich zu jeder Zeit Frauen und Männer, Ur-Düsseldorfer und daneben Menschen, die sich in den unterschiedlichsten Sprachen unterhalten, Junge sitzen oder stehen dicht bei Alten, wenig begüterte „arme Teufel“ neben Maßanzügen. Keine Sorte Mensch fehlt hier im entspannten lokal-globalen Gewühl, sicher auch, weil die Köbesse alle Gäste gleich behandeln. Solche Weite erfreut mein Düsseldorfer Herz.

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