Wie närrisch ist Düsseldorf? Die WZ-Möhne haben es ausprobiert.

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Am Breidenbacher Hof ist Schluss mit lustig: Doorman Alexander Elsner lässt sich nicht an den Schlips gehen. Fotos (2): Judith Michaelis

Am Breidenbacher Hof ist Schluss mit lustig: Doorman Alexander Elsner lässt sich nicht an den Schlips gehen. Fotos (2): Judith Michaelis

Hennes Hochmann opfert seine Bärchen-Krawatte – dafür will er ein Bützchen von den Möhnen.

Keinerlei Gegenwehr leisten Matthias Beau (2. v. l.) und Erik Oehnichen, die sich extra Schlipse im Schlussverkauf gekauft haben.

Die Ausbeute der WZ-Mitarbeiterinnen Svenja Lehmann (l.) und Kristina Milicevic: sechs Krawatten.

Judith Michaelis, Bild 1 von 4

Am Breidenbacher Hof ist Schluss mit lustig: Doorman Alexander Elsner lässt sich nicht an den Schlips gehen. Fotos (2): Judith Michaelis

Düsseldorf. Nichtsahnend verdrückt ein Mann mitten im Altweiber-Trubel auf dem Heinrich-Heine-Platz ein Würstchen. Doch was blitzt da unter der braunen Lederjacke hervor? Eine Krawatte! Und dann auch noch ein Bärchen-Motiv – die muss ab. „Oh nein“, fleht das Opfer, „ich komme aus dem Büro. Ich dachte, ich komme auch mit Schlips durch“, sagt Hennes Hochmann. Doch wir zücken gandenlos unsere Scheren, der Bärchen-Schlips ist unsere erste Beute.

Für uns Möhne, die närrischen Damen, ist am Freitag der wichtigste Tag im Karneval, wenn Tausende von uns das Regiment in der Stadt übernehmen. Das Abschneiden der Krawatten steht symbolisch für unsere Machtübernahme – seit 1824, als in Bonn die ersten heldenhaften Frauen das Rathaus stürmten. Ma sehen, wie jeck die Männer am Freitag in Düsseldorf sind!

In der Altstadt werden die Möhne schon erwartet

Es ist früher Nachmittag, wir haben noch lange nicht genug und ziehen weiter in die Bolkerstraße, wo sich die Männer scheinbar auf Altweiber vorbereitet haben: Keine Schlipse weit und breit. Stattdessen Krokodile, Arztkittel oder Ganzkörper-Gummianzüge. Eric Oehnichen hat sich jedoch eine Krawatte umgebunden. „Die habe ich extra für heute gekauft“, sagt er. Und auch Niklas Johanns stimmt unserem Angriff zu: „Ich wusste doch, was auf mich zukommt!“

Das war ein leichtes Spiel – aber wie weit kommen wir abseits der Altstadt? Der japanische Geschäftsmann, der über die Kö eilt, schaut uns verschreckt an. „Ich habe von der Tradition gehört. Bisher bin ich an diesem Tag immer im Büro geblieben“, gibt Takashi Nakagawa zu. Am Freitag trieb ihn ein Termin vor die Tür. Trotzdem, seine Krawatte sei zu teuer gewesen, sagt er und weicht einen Schritt zurück. „Warten Sie“, sagt er dann, greift in seine Tasche und zieht einen blau gestreiften Schlips heraus. „Das ist das erste Mal“, sagt er und lacht, während die Schere durch den Stoff gleitet.

Eine Abfuhr bekommen wir bei den großen Namen auf der Kö: Der Türsteher des Armani-Shops zögert, dreht seine Krawatte zwischen den Fingern. „Nein, lieber nicht“, sagt er dann. Bei Montblanc wird beim Anblick der Scheren gleich abgewinkt. „Denkt gar nicht erst dran“, heißt es im Prada-Shop. Bei Eickhoff gibt es erst gar nichts, was wir abschneiden könnten: „Wer trägt das denn noch? Krawatten sind nicht mehr modern“, erklärt uns ein Verkäufer.

Im US-Maklerkonzern Jones Lang LaSalle ist Feiern Pflicht. Alle Mitarbeiter waren am Donnerstag verkleidet und die Männer machten für die Frauen Frühstück.

Im China-Center am Südende haucht eine freundliche Frau „ich weiß nicht“ ins Telefon, als sie nach der internen Karnevalsfeier gefragt wird. „Ich versuche weiterhin, den Chinesen unser Brauchtum nahezubringen“, sagt PR-Chef Walter Schuhen, der selbst im Elferrat der Kakaju aktiv ist, „aber Karneval ist ihnen eher fern.“ Auch beim international ausgerichteten Architekturbüro Ingenhoven ist am Donnerstag arbeitsame Ruhe angesagt. „Wir feiern heute Abend“, sagt Sybille Fanelsa.

In Banken gehören sie aber immer noch zur Berufskleidung. Ein Paradies für Möhne? Bei HSBC Trinkaus kommen wir nicht weiter als bis zu grimmig dreinblickenden Männern am Empfang. Beide tragen Krawatte, dran dürfen wir nicht. Humorverzicht pur.

In den Geldhäusern arbeiten am Freitag Panzerknacker und Ärzte

Die Deutsche Bank – geschmückt mit Luftballons – hat dagegen schon am Mittag den Feierabend eingeläutet. Die Mitarbeiter der Stadtsparkasse sind im Dienst, aber auch dort gibt’s für uns nichts zu holen: Die Herren tragen Arztkittel, die Damen Krankenschwestern-Kostüm.

Ganz jeck geht’s bei der Commerzbank zu: Karnevalshits dröhnen durch die Kundenhalle, die Mitarbeiter sind allesamt als Panzerknacker verkleidet. Um Punkt 13 Uhr geht die Tür zu – und der Hahn vom Altbierfass auf.

Weiter geht es zum Traditions-Hotel Breidenbacher Hof. Hier müsste Brauchtum doch groß geschrieben werden. Doch Doorman Alexander Elsner wehrt ab: „Tut mir leid, das ist Dienstkleidung.“ Galeria Kaufhof ist unsere nächste Station. Doch wir kommen zu spät: Abgeschnittenes baumelt an jedem Männerhals. „Unsere Mitarbeiterinnen haben die schon morgens abgeschnitten“, sagt Erstverkäufer Ari Ordynans.

Bilanz: Sechs Schlipse ergattert, mehr Jecke als Karnevalsmuffel getroffen. Leider wollte sich nicht jeder vom Schlips trennen, was bedeutet: Die Mission ist noch nicht beendet, wir kommen wieder.

© WhatsBroadcast

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