Trotz des miserablen Wetters ist die Stimmung entlang der Strecke ganz prima. Jeder einzelne Radprofi wird angefeuert.

In einem Affentempo rasen die Profis durch die Stadt.
In einem Affentempo rasen die Profis durch die Stadt.

In einem Affentempo rasen die Profis durch die Stadt.

Carolin Scholz

In einem Affentempo rasen die Profis durch die Stadt.

Düsseldorf. Natürlich hört man heute immer wieder Tour-Besucher wie Agnes und Marcel Winter aus Karlsruhe am Streckenrand mit seufzendem Unterton fragen: „Was wäre hier wohl erst bei schönem Wetter los gewesen?“ Ja, sicher noch viel mehr. Und doch fällt dieser Grand Départ am Rhein trotz erst nur leichtem, dann aber immer mehr nervenden Sprühregens keinesfalls ins Wasser.

Im Gegenteil: Die Stimmung entlang der 14 Kilometer langen Strecke des Zeitfahrens ist vom Start weg bis ins Ziel fantastisch. Wie viele Zuschauer genau am Streckenrand stehen, lässt sich kaum ermitteln. Stadt und der Tour-Veranstalter ASO geben später ihre Schätzung bekannt. Vergleicht man die Situation aber mit dem Rosenmontagszug an Karneval, bei dem trotz viel kürzerer Strecke regelmäßig von einer Million die Rede ist, dann wird die Millionengrenze bei dieser ersten Tour-Etappe allemal locker geknackt.

"Todeskurve" Rheinkniebrücke

Mit rhythmischem Klatschen, mit Pfeifen und ab und an auch der La ola-Welle wird jeder einzelne Fahrer an der Cecilienallee am Rheinpark ab 15.18 Uhr enthusiastisch begrüßt. 198 Jubelstürme hintereinander, das ist der große Stimmungsvorteil beim Zeitfahren, wenn nicht binnen Sekunden der ganze Tross auf Nimmerwiedersehen vorbeiflitzt (wie am Sonntag bei Etappe Nummer 2).

Im Minutentakt sind die Athleten hier zu sehen, erst nur gen Süden und City, nach einer Viertelstunde dann kommen die ersten Fahrer auf der Spur gegenüber zurück und gehen in den zwei Kilometer langen Schlussspurt zur Messe. So nah beieinander kann man die Radprofis nirgendwo in beide Richtungen rasen sehen.

Während des Zeitfahrens erweist sich die Abfahrt der Rheinkniebrücke als gefährliches Pflaster. Der glitschige Boden entpuppt sich als Gift dür die nahezu profillosen Reifen der Teilnehmer. Im Laufe des Nachmittags kommen in der Kurve mehrere Radprofis und ein Begleitmotorrad zu Fall. Auch der deutsche Rick Zabel, Sohn von Rennlegende Eric Zabel, verliert dort die Kontrolle über sein Rad. Der Spanier Alejandro Valverde stürzt besonders unglücklich und muss in ein Krankenhaus gebracht werden. Für ihn ist die Tour vorbei.

Unter der Theodor-Heuss-Brücke ein trockenes Plätzchen gesichert hat sich die vierköpfige Familie Ritterbach: „Wir sind heute morgen ganz früh in Hamburg losgefahren und sind jetzt seit 11.30 Uhr hier unter der Brücke“, sagt Vater Sebastian, der selbst ein begeisterter Hobbyrennfahrer ist. Viele von denen, die im Regen stehen müssen, tragen stilecht das offizielle gelbe Tour-Regencape. Nichts geht an den Souvenirständen so gut weg wie der Plastikumhang für zehn Euro, dahinter rangiert der gelbe Tour-Regenschirm zum gleichen Preis. Apropos: Etliche Stammgäste bei Tour-de-France-Auftakten haben sich ihr original Tour-Höckerchen zum Sitzen mitgebracht, zum Beispiel Isabelle und ihr Freund Willy, die sich direkt an der Absperrung auf der Rotterdamer Straße an der Schnellenburg niedergelassen haben: „Wir sind aus Straßburg gekommen, seit acht Jahren haben wir keinen Grand Départ verpasst“, sagt sie, „man muss an diesem Tag sehr lange warten, das geht nicht im Stehen.“

In der Partyzone auf der Wiese im Rheinpark an der Heuss-Brücke ist natürlich viel weniger los als direkt an der Strecke. Kein Wunder, zum Picknicken hat bei dem nassen Rasen kaum jemand Lust, ein paar unentwegte strecken sich jedoch tatsächlich auf ihren Unterlagen aus. Insgesamt knapp 1000 Besucher stehen hier trotzdem zusammen, viele von ihnen warten in einer unendlichen Schlange vor einem Burger-Brater, andere schauen auf die große Leinwand.

Warum macht man das, wenn 50 Meter weiter das Feld „in echt“ vorbeirauscht. „Weil ich wirklich das Rennen verfolge, weil ich wissen will, wie schnell welcher Fahrer den Kurs fährt, wie es steht“, sagt Pascal aus Anderlecht und rückt sich sein weiß-grünes Teamkäppi mit Skoda-Werbung zurecht. Wir lernen: Ganz echte Radfans stehen also nicht unbedingt in der ersten Reihe beim Rennen. Die meisten wissen gar nicht, wer da gerade vorbeifährt, ein paar wenige haben Zettel mit der Start-Reihenfolge.

Dafür feiern entlang der Strecke an der Cecilienallee viele Leute auf Privatpartys: Eine große Anwaltskanzlei hat hunderte Gäste in ein Haus und auf ein selbst gezimmertes Podest geladen, das mit französischen Fahnen im Dutzend dekoriert ist. Es gibt Zwiebelkuchen, Weißwein und Häppchen. Echt Tour de France und echt Düsseldorf.

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